Leserstimmen zu
Jesolo

Tanja Raich

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Andrea (26) ging noch zur Schule, als Georg und sie sich vor 10 Jahren verliebten und ein Paar wurden. Bei allen wichtigen Ereignissen war er seitdem dabei, zusammen sind sie erwachsen geworden, kennen sich mittlerweile in- und auswendig und bilden für ihre Mitmenschen eine untrennbare Einheit. Im Gegensatz zu Georg möchte Andrea, die als Grafikerin arbeitet, (noch) keine Kinder, ebenso wenig will sie zu ihm ziehen - er hat eine Wohnung im Haus seiner Eltern. Als beide wie jedes Jahr in Jesolo an der italienischen Adria Urlaub machen, registriert Andrea, dass sich ihre Beziehung verändert hat. Denn sie erkennt, dass viel zwischen ihnen steht, sie sich besonders in ihrem ganz unterschiedlichen Alltag oft aus dem Blick verlieren, vieles lediglich reine Gewohnheit ist. Mehr noch: Sie hat sogar den Eindruck, dass sie und Georg sich fremd geworden sind und nur noch die Fassade eines glücklichen Paares bilden. Zu ihrem Schreck ist Andrea nach dem Urlaub schwanger. Im Gegensatz zu ihrer Umwelt ist dies für sie aber kein Grund zur Freude. Nach langen inneren Kämpfen entschließt sie sich jedoch, das Kind zu bekommen. Aber damit beginnt der Weg in ein Leben, das sie nie führen wollte: Sie willigt ein, zu Georg ins am Waldrand gelegene Haus seiner Eltern zu ziehen, sie nehmen einen Kredit auf und bauen die Wohnung weitestgehend nach seinen Vorstellungen um. Bei der Möblierung bringt sich seine Mutter stark ein. Den vielen gut gemeinten Ratschlägen ihrer Mitmenschen kann die Schwangere nicht entkommen und muss der Rolle einer werdenden Mutter gerecht werden, die ihr gar nicht liegt. Das Paar fügt sich in die Dorfgemeinschaft ein, fällt nicht auf, denn in ihrem neuen Alltag hat alles und jeder seinen Platz. Resümee: Andrea hält in der Du-Form einen inneren Monolog mit ihrem langjährigen Partner Georg. Dadurch wird nicht nur das Persönliche der Handlung, d.h. das individuelle Schicksal betont, sondern sie erhält auch einen emotionalen Anstrich. So fällt es dem Leser leicht, sich bzgl. Beziehung, Liebe, Muttersein, Familie in die Gedanken- und Gefühlswelt der 26-Jährigen hineinzuversetzen, sie nachzuvollziehen und zu verstehen. Beschrieben werden 10 Monate im Leben einer unabhängigen jungen Frau, die durch ihre ungewollte Schwangerschaft immer mehr in ein festgefügtes familiäres und soziales Schema gepresst wird. Die Handlung • beginnt mit dem Urlaub im italienischen Jesolo, in dem Andrea einiges in Bezug auf ihre Beziehung erkennt, • führt über die Schwangerschaft, in der sie einen Kompromiss nach dem anderen eingeht, • bis zur Geburt. Mit ihr endet der Roman sehr plötzlich und lässt viele Fragen offen. Andreas Wünsche und Vorstellungen von ihrer Zukunft decken sich nicht nur nicht mit denen ihres Partners, sondern stehen auch im Gegensatz zu gesellschaftlichen Erwartungen, Normen und Rollen: In ihrem Alter sollte man an Heirat und das Gründen einer Familie denken, sich auf ein Kind freuen und schließlich in der Mutterrolle aufgehen. An Andreas Beispiel zeigt die Autorin, wie schwierig bis unmöglich es heute immer noch ist, sich angesichts des familiären und sozialen Drucks als Individuum zu behaupten - zumal wenn der Partner andere Vorstellungen von der gemeinsamen Zukunft hat. Sich gut gemeinten Ratschlägen, der familiären Fürsorge und Vereinnahmung sowie den gesellschaftlich tradierten Normen zu entziehen, ist oft nicht zu schaffen. Auch Andrea hält dem Druck nicht stand, geht einen Kompromiss nach dem anderen ein, passt sich an, gibt damit immer mehr von dem auf, was sie selbst möchte, und existiert irgendwann nicht mehr als Individuum. Buchtitel und -cover verdeutlichen dies: Letzteres zeigt eine unendliche Reihe von einheitlich gestalteten Sonnenschirmen und -liegen am Strand (möglicherweise von Jesolo, wo der Roman beginnt). Sie stehen alle sorgfältig in Reih' und Glied - ein Ausscheren aus der Ordnung würde das harmonische Bild zerstören. Alles ist letztlich auf die Frage zugespitzt, wieviel Freiheit man bereit ist aufzugeben für ein sogenanntes sicheres und familiär sowie gesellschaftlich wohlgefälliges Leben. Oder ist man bereit, dem Druck standzuhalten und zu kämpfen, um seinen eigenen Weg gehen zu können - und sei es zu dem Preis, ein relativ sicheres familiäres und gesellschaftliches Netz aufzugeben und sich Repressalien auszusetzen? Steht am Ende dann das individuelle Glücklichsein? Diese Alternative wird von der Autorin allerdings nicht aufgezeigt, bestenfalls durch die Erwähnung von Andreas Mutter angedeutet. Fazit: Die am Beispiel von Andrea und Georg geschilderte Problematik kann auf viele Lebenssituationen übertragen werden: Es wird immer wieder Umstände geben, in denen individuelle Lebensentwürfe auf gesellschaftlich tradierte Normen, familiären und sozialen Druck oder Erwartungen von außen prallen. Der Betroffene steht dann vor der schwierigen Entscheidung, ob und inwieweit er Kompromisse eingeht, seine Ziele aufgibt oder zurückstellt.

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In eine Rolle gedrängt

Von: leseratte1310 aus Mönchengladbach

26.03.2019

Andrea und Georg sind schon über zehn Jahre zusammen. Bezüglich ihrer Zukunft hat sich Andrea nicht allzu viele Gedanken gemacht, denn sie ist zufrieden, so wie es ist. Aber Georg fragt immer wieder, ob sie nicht zusammenziehen sollten. Wie jedes Jahr machen sie Urlaub in Jesolo. Auch im Urlaub stellt Georg wieder seine Frage, doch Andrea weicht ihm aus. Sie will nicht mit ihm zusammen in das Haus seiner Eltern ziehen. Aber nach dem Urlaub ist sie schwanger. Das Buch hat nur 224 Seiten, die mir einen recht düsteren Eindruck vermitteln. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Andrea. Das Cover ist einfach genial; erst bei mehrfachem Hinschauen ist mir klar geworden, was dort gezeigt wird. Andrea und Georg haben eine ziemlich eingefahrene Beziehung. Jedenfalls kommt es mir so vor, als ich die beiden in Jesolo erlebe. Irgendwie ist die Luft raus. Andrea empfindet alles als immer gleich. Wenn Georg Andrea wegen des Zusammenziehens fragt, weicht sie aus. Eigentlich müssten sie über ihre Vorstellungen vom Leben reden und herausfinden, ob ihre Vorstellungen zusammenpassen. Doch eine Entscheidung, wie es weitergehen soll, wird durch die Schwangerschaft verhindert. Andrea fühlt sich von dem, was dann geschieht, überrumpelt. Aber sie wehrt sich auch nicht. Auch gegen die Übergriffigkeit ihrer Schwiegereltern tut sie nichts. Ihr Lebens verändert sich total. Ihre Bedürfnisse werden von niemandem wahrgenommen. Ich konnte Andreas Gedanken und Ängste gut nachvollziehen, aber ihr Verhalten blieb mir fremd. Auch in der heutigen Gesellschaft wird die Frau häufig noch in eine bestimmte Rolle gedrängt. Sie stößt auf Unverständnis, wenn sie sich gegen Kinder entscheidet. Eigentlich sollten wir das inzwischen überwunden haben. Andreas Geschichte endet mit der Geburt, aber ansonsten bleibt das Ende offen. So kann sich jeder seine Gedanken machen. Ein anspruchsvolles Buch, das nicht ganz einfach zu lesen ist. Trotz der melancholischen Stimmung hat mir das Buch gefallen.

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Ein ganz anderes Schwangerschaftsbuch

Von: Tanja aus Mainz

19.03.2019

Bei Jesolo handelt es sich um ein ganz anderes Schwangerschaftsbuch. Ein Roman, der sich kritisch mit diesem Zeitraum auseinander setzt, in dem Frauen großem gesellschaftlichem Druck ausgesetzt sind. Bewusst wird das große Glück ein Kind zu empfangen an die Seite gestellt, um der gesellschaftlichen Rollenzuschreibung den Vortritt zu lassen. Ein Buch wie dieses zu schreiben, ist mutig, weil die Idee an sich schon gegen diese Normen aufbegehrt. Und in diesem Fall ist der Versuch auch ganz klar geglückt. Den Schreibstil von Tanja Raich finde ich erfrischend anders. Man ist gezwungen konzentriert zu lesen und damit schnell im Geschehen. Die Protagonistin Anja ist sehr authentisch, wenn sie auch auf mich etwas depressiv wirkte. Differenziert zeigt Tanja Raich auf, wie vielen Generalisierungen Schwangere unterworfen sind und wie absurd dieses allgemeine Verhalten ist. Die Realitätsnähe ist dabei erschreckend. Ich bin der Autorin ehrlich dankbar, dass sie diesen Roman geschrieben und veröffentlicht hat. Einzig das Ende lässt mich etwas ratlos zurück. Wortwörtlich kann man sagen, es ist bedenklich, was gut zu diesem Buch passt. Ich empfehle dieses Buch deshalb allen außer Hochschwangeren. Um dem Roman gerecht zu werden, sollte natürlich jede Schwangere selbst entscheiden, was ihr gut tut, ich möchte aber auf eine teilweise sehr drastische Darstellung der Herausforderungen in der Schwangerschaft hinweisen.

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Das Cover ist auf den ersten Blick etwas bunt, aber wenn man es genau anschaut, erkennt man die tolle Idee dahinter. Es handelt sich um viele kleine Bilder. Der Schreibstil hat mir leider nicht gefallen. Ich habe mich auf den 221 Seiten sehr schwer getan in das Buch zu finden. In dem Buch geht es um Andrea, die nach einem Urlaub mit ihrem Freund schwanger ist. Damit ist ihr bisher doch eher ruhiges Leben vorbei. Auf einmal stehen so viele Entscheidungen an, die sie immer näher an eine normale Familie herantreiben, als sie es eigentlich je wollte. Es wird unter anderem ein Kredit aufgenommen und ein gemeinsames Heim aufgebaut. Interessant fand ich, dass man als Leser so viel von der Gefühlswelt von Andrea erfahren hat. Auch den immer wiederkehrenden Zwiespalt von Andrea kann man so sehr gut nachvollziehen. Immer wieder gibt es sehr viele Aufzählungen von Widersprüchen, die einen treffen, wenn man unter anderem schwanger ist. Dies wiederholt sich im Buch, aber zu verschiedenen Themen. Ich habe diese Aufzählungen irgendwann nur noch quer gelesen. Das Buch hörte sich für mich genau richtig an, da ich ein ähnliches Alter habe wie Andrea und auch in ihre Situationen erlebt habe, aber mich konnte das Buch leider nicht überzeugen. Deswegen vergebe ich 3 Sterne.

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Lesehighlight!

Von: Nicole aus Wien

01.03.2019

Es ist gerade mal Anfang März und ich traue mich zu behaupten, dass ich ein oder vielleicht DAS Lesehighlight des Jahres für mich gefunden habe. Vielleicht liegt es an meinem Alter (mit knapp 30 kommt man als Frau ja oft ins Grübeln), meiner Lebenssituation, meinen bisherigen Erfahrungen – vielleicht auch einfach all den Ängsten, die dieses Erwachsen werden und vor allem das Mutter werden (irgendwann mal oder vielleicht nie) mit sich bringt. Tanja Raich schafft es mit ihrem Roman „Jesolo“ auf knapp 221 Seiten all meine Gedanken, Sorgen und Bedenken über Beziehungen, Liebe, Mutterschaft niederzuschreiben. Dabei ist sie ehrlich, direkt und klar. Kein Schnickschnack. Manchmal folgen einfach nur unzählige Aufzählungen. Manchmal versinkt man in Traumszenen. Meistens ist man bedrückt. Wenn ich eines verstanden habe, dann ist es die Protagonistin: „Ist das alles in meinem Leben?“ „Ist dies das Leben, das ich führen will?“ „Bin ich je bereit für ein Kind?“ „Will ich überhaupt eines?“ „Wo steht man als Frau nachdem man Mutter geworden ist?“ und vor allem: „Ist es okay, wenn ich mich in all diesem Mutter werden – Haus bauen – Bausparverträge – Jesolo Urlaube – Gedankenkonstrukt verloren fühle?“ Dies alles gemischt mit der Liebe oder auch nur Gewohnheit zu einem Menschen, er immer 3 Schritte voraus ist und das perfekte gemeinsame Leben schon geplant hat. Die Autorin kreiert ein Leben, welches für viele die Erfüllung und bei mir nur Beklommenheit und einen Fluchtgedanken auslöst. So will ich das nicht. Ich will nicht jedes Jahr das gleiche Urlaubsziel, das gleiche Hotel, die gleichen Liegestühle. Ich will mich nicht den Erwartungen der Gesellschaft, des Umfeldes, der Freunde beugen. Und das Buch zeigt eines: Es ist okay, dass es nicht das ist, was ich will. Ich bin nicht die einzige, die sich so fühlt und ich darf und soll verdammt nochmal selbst entscheiden.

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