Leserstimmen zu
Barracoon

Zora Neale Hurston

(0)
(1)
(0)
(0)
(0)
€ 20,00 [D] inkl. MwSt. | € 20,60 [A] | CHF 28,90* (* empf. VK-Preis)

"Ich will aussehen wie in Afrika, weil das ist, wo ich sein will." (Cudjo Lewis/Oluale Kossola) Zora Neale Hurston hat ihre Fotokamera bereitgestellt. Cudjo Lewis, dessen afrikanische Mutter ihn Kossola nannte, ist im Haus verschwunden, um sich für das Foto zurecht zu machen. Er kommt in seinem besten Anzug wieder heraus, aber ohne Schuhe. Denn in Afrika, seinem Ursprung, seiner Heimat im heutigen Benin, trägt man keine Schuhe. Africatown (Plateau), Alabama, 1927: Die Anthropologin und afroamerikanische Schriftstellerin Zora Neale Hurston ist in den Süden der USA gereist um den 86-jährigen Kossola zu treffen und zu interviewen. Und dieser hat Unglaubliches zu erzählen. 1860 kam er als 19-jähriger junger Mann mit dem letzten Sklavenschiff, das Afrika Richtung Neue Welt verließ, der Clotilda, nach Amerika. Zuvor wurde sein Heimatdorf von einem kriegerischen Stamm überfallen, er und andere Männer und Frauen gefangen genommen und als Sklaven an die Gebrüder Meaher, amerikanische, weiße Großgrundbesitzer, verkauft. Eine Station auf dem beschwerlichen Weg nach Amerika waren die so genannten Barracoons, eine Art Baracke, in der die Sklaven gefangen gehalten wurden, bevor man sie auf das Schiff brachte. In den regelmäßigen Gesprächen mit Hurston berichtet Kossola über Kindheit und Jugend in Afrika, die Gefangennahme, das Leben als Sklave und das Überleben nach der Freilassung in einem Land, das nicht seine Heimat war und in dem er immer „der Afrikaner“ blieb. Barracoon ist ein einzigartiger Zeitzeugenbericht, der erstmals 2018, lange nach dem Tod der Autorin, in den USA erschien und dort zum Bestseller wurde. Die Veröffentlichung unterscheidet sich deutlich von anderen, auch zeitgenössischen Publikationen zum Thema, denn Zora Neale Hurston entscheidet sich für einen außergewöhnlichen Stil, indem sie die Erzählungen Kossolas, über große Strecken des Buches, in direkter Rede wiedergibt und ihn somit in seinen eigenen Worten, seiner ganz eigenen Sprachmelodie berichten lässt. Eine fast unlösbare Aufgabe für den Übersetzer Hans-Ulrich Möhring. Doch auch in der deutschen Übertragung ist der Text an Eindrücklichkeit kaum zu überbieten. Wenn Kossola z.B. seine Schilderungen, teilweise furchtbarer Dinge, regelmäßig mit einem „ogottogott“ unterbricht, fällt es leicht, sich den alten Herrn auf seiner Veranda sitzend vorzustellen, den schüttelnden Kopf in den Händen. Er spricht mich großen Gesten und feiner Mimik, die sämtliche Emotionen widerspiegeln. Der empathische Rezipient liest und erspürt dies zwischen den Zeilen. Das Buch beinhaltet nicht nur das Interview mit Kossola. Schon die Autorin hat das Werk mit einem Vorwort, einem umfassenden Anhang und zahlreichen Anmerkungen versehen. Ergänzt wird der Band mit einer Einleitung und einem Nachwort der Herausgeberin Deborah G. Plant und einem wunderbaren Vorwort von Alice Walker, Autorin des Bestsellers „Die Farbe Lila“. Besonders erfreut hat mich das, der deutschen Ausgabe beigefügte, Kapitel im englischen Original. Dies gibt dem Lesenden mit ausreichenden Englischkenntnissen die Möglichkeit, sich einen Eindruck der originalen Ausdrucksweise zu machen, derer sich Kossola bedient. Der Aufbau des Werkes mit seinen umfangreichen Anmerkungen macht deutlich, dass es sich hier nicht um einen rein erzählenden Text, sondern um eine wissenschaftlich fundierte Publikation handelt. Dies sollte der Lesende sich vor der Lektüre bewusst machen. Überraschenderweise fand sich der Satz, der mich im ganzen Buch am meisten bewegte, im Glossar des Buches. Hier geht es im Absatz über Sklavenschiffe u.a. um die Unterbringung der verkauften Menschen auf dem Schiff. „Auf manchen Schiffen wurden sie wie Baumstämme übereinandergestapelt.“ Ein kurzer, harmlos wirkender Satz, der die gesamte Grausamkeit und Entmenschlichung dieses unfassbaren Geschäfts beinhaltet. Um mir das Bild von den Zuständen auf der Clotilda vorzustellen, brauche ich meine Fantasie gar nicht groß anstrengen. Es reicht ein Blick in die Nachrichten. Mittelmeer. Hunderte Menschen in kleinen Schlauchbooten. Erkaufte Hoffnung, die oft nicht hält, was sie verspricht. Der Preis zu hoch, für einige von ihnen. Kossola zog es zeitlebens zurück nach Afrika. Doch haben seine Füße nie wieder das Land seiner Ahnen betreten. Er wurde 1865 zwar ein freier Mann, doch wie frei ist man wirklich ohne finanzielle Mittel, von Weißen und in Amerika geborenen Schwarzen gleichermaßen geächtet, in einem kapitalistischen Land, das nicht Heimat ist? Ein Gefühl, welches viele Migranten, die hier mit uns leben, ganz sicher teilen. Umso wichtiger ist es, dass dieses beeindruckende Werk von Zora Neale Hurston nunmehr, lange nach seiner Entstehung, endlich veröffentlicht wurde. Es gibt vielen unbekannten, verschleppten und versklavten Männern, Frauen und Kinder, die Opfer des Menschenhandels wurden, Stimme und Gesicht und uns eine Ahnung davon, was es bedeutet, ENTWURZELT und HEIMATLOS zu sein.

Lesen Sie weiter