Special zu Noam Shpancer »Der gute Psychologe«

Interview mit Noam Shpancer

geführt im August 2011

Sie erwähnen in Ihrem Roman gerne den „launischen Wiener“. Sehen Sie es uns nach, wenn Sie die Frage ständig hören, an dieser Stelle dennoch: Ihre persönliche Meinung zu Freud?

Noam Shpancer:
Als ich Mitte Zwanzig war, machte mich ein Freund, ein alter Freudianischer Psychoanalytiker, in Israel mit dem Gebiet der Psychologie vertraut. Dadurch habe ich eine Schwäche für Freud und seine ganz eigene Art des Geschichtenerzählens. Außerdem wird man als Psychologe unausweichlich in irgendeiner Form mit Freuds Ideen konfrontiert – er ist ein wenig wie ein ruheloser Geist, der auf dem Dachboden eines jeden Therapeuten herumspukt. Freud schuf eine faszinierende Gedankenwelt: Er war ein scharfer Beobachter, ein mutiger und weit reichender Denker, und viele seiner Intuitionen wurden mittlerweile empirisch bestätigt. Allerdings irrte er sich auch oft, wie andere große Gelehrte seiner – oder jeder anderen – Zeit. Ich empfinde also ihm gegenüber eine Mischung aus Zuneigung und Streitlust, und ich denke, das schimmert auch im Buch durch.

Irvin David Yalom gilt vielen als bedeutendster lebender Vertreter der existentiellen Psychotherapie. Auch er hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter einige Romane. Haben Therapeuten ein grundlegendes Bedürfnis, ihr Wissen mitzuteilen? Kann man Ihren Roman als „Anleitung zur Selbstbehandlung“ lesen?

Ich kann nicht für Therapeuten allgemein sprechen, aber ich denke, dass dem Menschen ein Bedürfnis nach geteilten Erfahrungen innewohnt. Ich nehme also an, dass viele Psychologen tatsächlich gerne ihr Wissen weitergeben – genauso wie viele Mechaniker, Mütter, Hobbygärtner, Waffenenthusiasten, Reisefreudige und Steuerprüfer. Meine persönliche Motivation zu diesem Buch war jedoch nicht in erster Linie, Wissen zu vermitteln, sondern mich auf ein kreatives Unterfangen einzulassen. Mein Wissen mitzuteilen war mein Mittel zu diesem Zweck, und ich habe mir daher bei der Beschreibung des therapeutischen Vorgangs ein paar literarische Freiheiten erlaubt. Nun habe ich zwar von vielen Lesern gehört, dass sie die Lektüre des Buches als eine Art Therapieprozess erlebt haben. Doch obwohl die Prinzipien und Vorgehensweisen, die ich in dem Buch beschreibe, denen der therapeutischen Praxis entsprechen und als solche den Leser dazu anregen können, gewisse Aspekte seines Lebens in einem anderen Licht zu betrachten, so kann ein Roman doch kein Ersatz für wirkliche therapeutische Arbeit sein.

Die amerikanische Serie „In Treatment“, die 2007-2010 von HBO ausgestrahlt wurde, basiert auf dem israelischen Vorbild „BeTipul“ von Hagai Levi. Kennen Sie die Serie? Wurde die Figur des „Guten Psychologen“ durch Paul Weston, den Hauptdarsteller von „In Treatment“, inspiriert?

Ich habe von der Serie gehört, und auch der Vergleich ist mir nicht neu. Allerdings habe ich keine einzige Folge gesehen, weder der israelischen noch der amerikanischen Version, und somit hatte die Serie auch keinen Einfluss auf meine schriftstellerische Arbeit. Wenn überhaupt wurde das Buch, wenigstens teilweise, von meiner Abneigung gegen die Art und Weise inspiriert, wie die Psychologie und Psychologen nur zu oft in Film und Fernsehen dargestellt werden: als Scharlatane, Possenreißer, Suchtkranke oder Spinner. Ich finde diesen Blickwinkel langweilig. Ich wollte einen Psychologen schaffen, der im Grunde ein anständiger Mensch ist und sich professionell verhält. Anständige Menschen fiktional darzustellen ist eine viel größere kreative Leistung, als Bösewichte zu entwerfen. Und entgegen der landläufigen Meinung, die Abhängige, Psychopathen und Verbrecher häufig zu faszinierenden Charakteren stilisiert, ist das Seelenleben wacher, mitfühlender und eigenständiger Menschen oftmals viel reicher und faszinierender.

Sie sind Angsttherapeut. Finden Sie sich in Ihren Patienten wieder, und kann man sich durch die Behandlung anderer selbst therapieren?

Wir alle sind verbunden durch die gemeinsame Erfahrung des Menschseins. Uns alle beschäftigen dieselben existentiellen Themen – eines davon ist die Angst. Daher kommt es natürlich vor, dass sich gewisse Aspekte meines Lebens auch in den Lebenserfahrungen meiner Patienten widerspiegeln, ebenso wie umgekehrt. Und wenn nötig, wende ich die Prinzipien und Techniken, die ich meinen Patienten beibringe, auch bei mir selbst an.

Können Sie als Psychologe Arbeit von Privatem trennen, oder anders gefragt: Wo steht die Couch, auf die Sie sich legen, Herr Shpancer?

Dieser Teil meines Berufes fällt mir nicht schwer. Ich setze in dieser Hinsicht klare Grenzen, und meistens lasse ich meine Arbeit im Büro. Wenn ich mich doch zuhause mit der Arbeit beschäftige, dann überwiegend mit ihren erfreulichen Seiten: Ich denke voller Bewunderung an den Mut und die Menschlichkeit meiner Patienten, staune über ihre Lebenswege, und gebe mich demütig der endlose Faszination des menschlichen Geistes hin. Wenn es allerdings um Couches geht, liege ich am liebsten auf der orangefarbenen in meinem Wohnzimmer, hoffentlich zusammen mit meiner Freundin, hoffentlich beim Fußball schauen und – obwohl der eine oder andere das nicht gerne hören wird – auf jeden Fall Brasilien anfeuernd.

Aus Ihrer Erfahrung als Therapeut heraus, was denken Sie: Gibt es menschliche Ängste, die so existenziell sind, dass sie nicht therapierbar sind?

Das kommt darauf an, wie man „therapierbar“ definiert. Wir können unser existentielles Dilemma nicht heilen – diese Tatsache ist Teil des Dilemmas. Wir können, auf lange Sicht, weder dem Tod entgehen, noch der Angst, noch verhindern, dass uns das Herz gebrochen wird oder wir Steuern zahlen müssen. Wir können jedoch lernen, uns mit mehr Anmut in der Welt zu bewegen; wir können unnützen Ballast abwerfen; wir können unsere inneren Mechanismen kennenlernen und annehmen. Wir können lernen, uns richtig zu verhalten und nach ehrlichen, genuinen Erfahrungen zu streben. Wenn Sie zum Beispiel wütend auf Ihren Vorgesetzten sind, und dann nach Hause kommen und ihre Katze treten, ist das eine falsche Reaktion, selbst wenn es eine einfache und naheliegende ist – denn was soll Miezi schon machen, sich bei Freunden beschweren? Sie hat keine Freunde, sie ist eine Katze. Wenn Sie einen Orgasmus vortäuschen, haben Sie keine ehrliche Erfahrung, auch wenn es vielleicht so aussieht und so klingt und ihr Liebhaber denken mag, sein Können hätte Sie gerade in den siebten Himmel katapultiert.
Damit will ich sagen, dass man mithilfe einer guten Therapie lernen kann, die Katze nicht mehr zu treten und mehr echte Orgasmen zu haben. Das sind lohnenswerte Ziele, obwohl sie nichts an der Tatsache ändern können, dass Sie, Ihr Vorgesetzter, Ihr Liebhaber, Ihr Psychologe und auch Ihre Katze am Ende alle sterben werden.

Die wichtigste Frage zum Schluss: Warum haben Menschen Angst vor Spinnen?


Daran ist mal wieder die Evolution schuld. Auf der ganzen Welt fürchten Menschen, unabhängig von ihrer Kultur, dieselben Dinge. Alle diese Dinge stellten für unsere Vorfahren eine Gefahr dar: große Höhen, Wasser, Dunkelheit, krabbelndes Getier und so weiter. Das bedeutet, dass unsere grundlegenden Ängste in unseren Genen verankert sind. Tief in unserer Vergangenheit haben diejenigen unserer Vorfahren, die – durch die Launen der genetischen Lotterie – dazu veranlagt waren, krabbelndes Getier mehr zu fürchten als andere, öfter überlebt. Um ihr Überleben zu feiern, hatten sie haufenweise Sex – das würden Sie ja genauso machen –, was zu mehr Babys führte, denen sie diese siegreichen Gene vererbt haben. Und so ging es weiter, bis sich die Veranlagung im gesamten Genpool verbreitet hatte. Aus diesem Grund fürchtet sich ein Baby vor Spinnen, aber nicht vor einem Schuh. Schließlich mussten sich unsere Vorfahren mit giftigen Spinnen herumschlagen, lange bevor es Schuhe gab. Und die meisten Schuhe sind nicht mal gefährlich.

Der gute Psychologe

(4)
€ 8,99 [D] inkl. MwSt. | € 8,99 [A] | CHF 11,00* (* empf. VK-Preis)
In der Buchhandlung oder hier bestellen
Weiter im Katalog: Zur Buchinfo
Weitere Ausgaben: Taschenbuch