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SPECIAL zu Paolo Cognetti

Wege des Lebens

von Cristina De Stefano

Zwei Jungen, Pietro und Bruno, eine Freundschaft, die Berge. Der neue Roman von Paolo Cognetti enthält viel Autobiografisches, denn auch er hat der Stadt den Rücken gekehrt und ist in die Berge hinausgezogen.

Man schlägt Acht Berge auf und ist sofort in der Höhe, wandert, den Blick zu einer Hütte an einem Bergkamm gerichtet, hinter einem Vater her, der die Stadt als Gefängnis empfindet und nur glücklich ist, wenn er freinehmen kann, wenn er seine Wanderstiefel anzieht und auf Gipfel stürmt. Dahinter folgt die Mutter, die wie der Vater in den Bergen geboren wurde, aber gelassener und gesprächiger ist als er und diese weibliche Begabung hat, andere Menschen zum Sprechen zu bringen. Vor allem Bruno, den Freund, der in den Bergen geboren und aufgewachsen ist, den Seelenverwandten des Erzählers bis ins Erwachsenenalter hinein, der wie er den richtigen Weg im Leben sucht. Wird einer von den beiden die Welt bereisen und Berge besteigen, wie es die nepalesische Legende erzählt, auf die der Titel des Buchs anspielt?

Oder ist es besser, da zu bleiben, wo die eigenen Wurzeln sind? Um diese Frage kreist der wunderbare Roman von Paolo Cognetti, eine Entwicklungsgeschichte, die Leserinnen und Leser mitreißt und sie in die Höhe entführt. Zu den »Bergen der Riesen« seiner Kindheit ist der Autor, Jahrgang 1978, vor einigen Jahren zurückgekehrt: ins Aostatal, wo er als Mailänder Kind die Ferien verbringen durfte. »2008 durchlebte ich eine persönliche und berufliche Krise und floh in die Berge.« Er mietete eine Hütte auf 2000 Metern Höhe, in der er mittlerweile die Hälfte des Jahres verbringt, von Mai, wenn es taut, bis Oktober, wenn der erste Schnee fällt. »Heute fühle ich mich hier mehr zu Hause als in der Stadt, wo ich geboren bin.« In den ersten Jahren stieg er drei Tage die Woche ins Tal hinunter, um in einem Restaurant als Koch zu arbeiten. Aber inzwischen kann er sich ganz seinem Schreiben widmen.

Seine Tage in den Bergen sind lang und voll. Cognetti bleibt morgens in seiner Hütte, mit seinem Kaffee und den Wörtern. »Zuerst lese ich immer, weil ich nicht schreiben kann, wenn ich nicht vorher lese.« Dann arbeitet er an seinem Computer, der mit dem Telefon den einzigen Kontakt zur Außenwelt darstellt, bis es Zeit fürs Mittagessen ist. Sein Nachmittag gehört den Bergen.

Und so ist dieser Roman entstanden, den er sehr viel schneller geschrieben hat als alle vorherigen Bücher, als ob die Geschichte schon seit Jahren in ihm geschlummert hätte. Vielleicht weil dieser Text so viel von seinem eigenen Leben enthält. »Wobei ich immer gleich dazusage, dass vieles auch nicht autobiografisch ist. Mein Vater zum Beispiel ist nicht tot, obwohl ich ihn schon in zwei Texten sterben ließ – worüber er wahrscheinlich nicht gerade beglückt ist. Und ich bin kein Einzelkind. Auch meine Schwester, die in keinem meiner Bücher auftaucht, wundert sich schon ein bisschen darüber … Die Person, die als Vorbild für Bruno diente, habe ich nicht als Kind kennengelernt, sondern erst vor einigen Jahren, und sie ist in Wirklichkeit älter als ich. Aber sehr vieles in Acht Berge basiert auf echten Begebenheiten, so zum Beispiel die verfallene Almhütte, die Pietro und Bruno wiederaufbauen. Das würden wir gerne eines Tages wirklich angehen.«

Im Roman bringt die gemeinsame Arbeit an der alten Alm die beiden Freunde als Erwachsene wieder näher, auch wenn es Pietro in den folgenden Jahren in die Ferne zieht, bis nach Nepal – ein Land das auch Cognetti gerne bereist: »Ein wunderbarer Ort, wie die Alpen vor hundert Jahren.« Daneben verbringt der Autor viel Zeit in New York. »Ich entdeckte es, als ich für einen Dokumentarfilm über amerikanische Schriftsteller in New York war, und seitdem bin ich regelmäßig dort. Wie die Berge ist diese Stadt ein großartiger Ort für Einzelgänger, für Wanderer, für Menschen, die gerne im Freien sind.«

In seine Stadt, Mailand, kehrt Cognetti mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms zurück, wenn bei seiner Hütte in den Bergen der erste Schnee fällt. »Im Sommer ist das Aostatal voller Menschen, aber Ende August verschwinden plötzlich alle. Der Herbst kommt, und ich werde nachdenklich. Ich ertrage die Einsamkeit nicht immer. Im Sommer ist das Gegenmittel das Wandern oder bei schlechtem Wetter das Lesen. Und dann gibt es hier immer viel zu tun, wie zum Beispiel Holz für den Ofen zu besorgen. Ich habe schon darüber nachgedacht, das ganze Jahr in meiner Hütte zu verbringen, aber vielleicht ist es so besser. Und während des Winters in der Stadt hilft es mir zu wissen, dass es diesen Rückzugsort gibt.« In den Bergen schreibt Cognetti seine Bücher, gibt Schreibseminare für angehende Autoren, die Spaß daran haben zu wandern und zu arbeiten, sammelt physisch und psychisch Kraft für den Winter, neue Ideen und Glücksmomente. Indem er hierher kam, hat er einen seiner Träume aus Kindertagen verwirklicht: »Ich wollte immer Bergführer oder Mathematiker werden. Ich begann, Mathematik zu studieren, aber dann ist diese seltsame Sache, die Literatur, über mich hereingebrochen.« Paolo Cognetti hat sie seither auf ganz unterschiedliche Weisen umgesetzt: von Erzählungen in dem Band Manuale per ragazze di successo (»Handbuch für erfolgreiche Frauen«) über den collagehaften Roman Sofia si veste sempre di nero (»Sofia trägt immer nur Schwarz«) bis zu einem Memoir und zwei Reiseberichten über New York.

»Ich habe das Schreiben über Reisen erst spät entdeckt, aber es gefällt mir sehr. Es ist eine tolle Ergänzung zum fiktiven Erzählen.« Vielleicht ist genau das eines der Geheimnisse der Acht Berge. Denn das Buch verrät etwas über seinen Autor und gibt zugleich – wie ein Zimmer mit weit geöffneten Fenstern – den Blick frei auf die Berge, auf den Himmel und auf das Leben anderer Menschen. Auch auf das seiner Leser.

© Elle, Italien, Januar 2017 (leicht gekürzt und aus dem Italienischen übersetzt von Karin Kirchhof)

Acht Berge

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