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SPECIAL zu Kelly Oxford »Alles ist bestens, solange du lügst«

Bekanntlich gibt es kaum etwas Unlustigeres, als ein lustiges Buch als lustig anzupreisen. Darum haben wir uns entschieden, im Fall von Kelly Oxfords autobiografischen Erzählungen Alles ist bestens, solange du lügst einfach einen kurzen Textauszug für sich sprechen zu lassen. Kelly wurde zunächst als Twitter-Phänomen berühmt, aber auch und gerade jenseits der 140 Zeichen haben uns ihre selbstentlarvenden Alltagsgeständnisse begeistert. Das beginnt im Alter von sechs Jahren als Theaterregisseuren mit einem hochergeizigen Star-Wars-Projekt und endet in Las Vegas als Gast einer David-Copperfield-Aufführung, bei der sie trotz dringender Pinkelnot auf die Bühne gebeten wird. Wer David Sedaris mag, sollte Kelly Oxford lesen. Im folgenden Auszug macht sie sich im Alter von siebzehn Jahren mit einer Freundin auf nach L.A., um die Freundin von Leo DiCaprio zu werden, bevor Titanic im Kino anläuft und er unerreichbar wird.

      Der Kerl mit dem Schild war Johnny, ein Typ, den ich in der Nacht zuvor im Internet kennengelernt hatte. 1996 war das Internet für mich noch wie ein Kinderspielplatz, auf dem ich mich absolut sicher fühlte. Erst als Jahre später in der Sendung Dateline regelmäßig über Gewaltverbrechen berichtet wurde, kapierte ich, dass die Sache mit Johnny zu den vielen Momenten dieses L.A.-Trips zählte, wegen denen wir als Gewaltopfer in jener Sendung hätten landen können. »Chicken CatchaTORI« war mein Chatroom-Pseudonym – eines meiner unzähligen Wortspiele, mit denen ich Tori Amos huldigte. (Ja, es war 1996, und ja, ich hatte eine Vagina.) Zu meinem Repertoire gehörten auch noch: NoTORIous – das mir Tori Spelling später für ihre dämliche Sitcom geklaut hat – und RheTORIcal SarTORIal – was natürlich viel zu smart für Tori Spelling war. Eigentlich hatte ich nur mit diesem Kerl im Chat zu plaudern begonnen, weil er Johnny hieß. Depp, hatte ich gedacht. Johnny Depp! Aber Fehlanzeige – der Kerl sah eher aus wie John Candy. Meine Fragen zu Leo hatte er nicht beantworten können, was mich ein wenig irritierte. Immerhin hatten wir uns in einem HOLLYWOOD-Chatroom kennengelernt.
      Schnurstracks steuerten wir auf ihn zu.
      »Bist du Johnny?«
      Der Angesprochene stellte sein Schild auf die Erde und schaute uns an. »Hey! Wow, crazy, dass ihr echt gekommen seid. Ich meine, ihr seid wirklich hier und so!«
      Johnny hatte eine weiche Stimme und war nicht nur ein netter Kerl, sondern auch ein hundertzehn Prozent amtlicher Computer-Nerd: übergewichtig, mit komplett mausgrauen Klamotten und einer Gesichtshaut wie die Unterseite einer weißen Socke. Er war nicht hässlich oder so, und damit ging die angebotene Mitfahrgelegenheit für mich in Ordnung. Das könnte ich einfach nicht, zu einem hässlichen Fremden ins Auto steigen.
      Eigentlich sollte uns Johnny direkt zum Banana Bungalows Hostel auf dem Cahuenga Boulevard fahren. Als wir in seinen rostigen Datsun stiegen, fragte er uns allerdings, ob wir vorher noch bei seiner Mom vorbeifahren könnten. Natürlich würde uns dieser Umweg kostbare Zeit bei der Suche nach Leo kosten. Da er uns aber umsonst durch die Gegend chauffierte und soweit okay schien, waren wir einverstanden. Wir setzten uns nach hinten. Aimee und ich bevorzugten die Miss Daisy und ihr Chauffeur-Situation: Wir saßen auf der Rückbank, pafften Zigaretten und löcherten Fahrer Johnny mit Fragen.
      »Wo wohnst du?«
      »Bei meiner Mom.«
      »Nein, ich meine, wo du wohnst?«
      »Compton.«
      Wir lachten. Johnny, der Internet-Nerd, hatte Sinn für Humor. »Bist du ein Crip oder was?« Ich warf den Kopf in den Nacken und klopfte mir mit der Hand aufs Knie wie jede siebzehnjährige Provinz-Teenagerin, die sich für gnadenlos lustig hält, was ich selbstverständlich auch war.
      »Nein«, meinte Johnny und blieb einen Moment still. »Aber von euch trägt doch hoffentlich keine blaue Klamotten von oben bis unten, oder?«
      Moment mal. Der meinte es ernst. »Nein, kein blau.« Ich richtete mich in meinem Sitz auf und lehnte mich nach vorn. »Hör mal, Johnny, du wohnst echt in Compton? Lass uns sofort zu dir nach Hause fahren! Ich meine, hey, das müssen wir einfach sehen.« Als behütete weiße Mittelstands-Teenagerin hatten mich Gangfilme wie Menace II Society und Boyz'n the Hood immer schwer beeindruckt.
      »Yeah. Meine Mom wohnt hier seit den Sechzigern«, meinte Johnny. »Eigentlich ist sie gar nicht meine Mom … meine richtige Mutter hat mich bei ihr gelassen, als ich noch klein war. Schwarzer Dad, weiße Mom – schwierige Sache halt.«
      Ich fühlte mich plötzlich mies und hatte Mitleid mit Johnny – nicht nur, weil er halb schwarz war und doch hundertprozentig weiß aussah und in Compton wohnte, sondern auch, weil man ihn als Baby allein gelassen hatte und er nun fremde Leute durch L.A. chauffierte.

Alles ist bestens, solange du lügst

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