SPECIAL zu Marcel Reich-Ranicki

Der DVA-Autor Thomas Anz über Marcel Reich-Ranicki

Marcel Reich-Ranicki ist seit Jahrzehnten der erfolgreichste, der wirkungsvollste und deshalb auch umstrittenste Literaturkritiker der Bundesrepublik Deutschland. Mehr als er kann ein Kritiker wohl nicht erreichen. Wie niemand sonst hat er das literarische Leben der Gegenwart mit geprägt - seit 1958, als er in die Bundesrepublik reiste und nicht mehr nach Polen zurückkehrte. Ein bewegtes, einen jeden, der darüber liest oder hört, bewegendes Leben hatte der 38-Jährige zu diesem Zeitpunkt hinter sich.
Marcel Reich 1923
In Wloclawek an der Weichsel (Polen), wo er am 2. Juni 1920 geboren wurde, lebte er als Kind einer deutschen Jüdin und eines polnischen Juden, bis der geschäftliche Ruin seines Vaters die Familie dazu zwang, den Wohnsitz nach Berlin zu verlegen. Als Jude und polnischer Staatsangehöriger konnte er dort zwar 1938 noch sein Abitur machen, das Immatrikulationsgesuch an die Universität wurde jedoch abschlägig beschieden.

Im Warschauer Ghetto 1940
Reich-Ranicki arbeitet zunächst als Lehrling in einer Exportfirma, wird im Herbst 1938 verhaftet und nach Polen deportiert, lebt dort ab 1940 im Warschauer Getto, aus dem er 1943 zusammen mit seiner Frau in den Warschauer Untergrund flieht. Sein Vater, seine Mutter, sein Bruder werden von Deutschen ermordet. Die Sowjetische Armee befreit ihn, er tritt der Kommunistischen Partei Polens bei, arbeitet in der Polnischen Militärkommission in Berlin, im Polnischen Außenministerium, 1948 und 1949 als Konsul der Republik Polen in London und zugleich im polnischen Geheimdienst, bittet aus politischen Gründen (in der Zeit der großen, furchtbaren politischen Prozesse und Säuberungsaktionen mit deutlich antisemitischen Tendenzen) um seine Abberufung, wird nach der Rückkehr in Warschau aus der Partei wegen "ideologischer Entfremdung", so die offizielle Begründung, ausgeschlossen, dann einige Wochen in einer Einzelzelle gefangen gehalten.
Ehepaar mit Sohn Andrew 1949
Reich-Ranicki kam frei, und er durfte, unterbrochen von Berufs- und Publikationsverboten, in jenem Reservat arbeiten, in dem man politisch unzuverlässigen Individuen am ehesten gewisse Narrenfreiheiten zubilligt: auf dem Gebiet der Literatur und des literarischen Lebens. Er arbeitete in einem Verlag, schrieb für die Zeitung und für den Rundfunk, und er übersetzte - alles als Vermittler deutscher Literatur für polnische Leser. In der Bundesrepublik stand er 1958 zusammen mit seiner Frau ein weiteres Mal in seinem Leben vor dem Nichts. Geld hatte er keines, doch als Kapital immerhin vorzügliche Kenntnisse der deutschen Literatur, publizistische Begabung und Erfahrung sowie einige Bekanntschaften mit westdeutschen Autoren.

Heinrich Böll hatte ihm durch eine Bürgschaft zu einem Visum verholfen, Siegfried Lenz tat alles, um ihm Kontakte mit Rundfunksendern und Zeitungen zu verschaffen. Kritiken in der "Welt" und in der F.A.Z. sowie die Teilnahme an Tagungen der "Gruppe 47" machten ihn rasch so bekannt und begehrt, dass ihn am 1. Januar 1960 "Die Zeit" als ständigen Literaturkritiker einstellte. Frei von redaktionellen Belastungen schrieb er vierzehn Jahre lang für "Die Zeit" und wurde in ihr schnell zu der literaturkritischen Instanz der Bundesrepublik. Mit Polemik, Ironie und Neid, mit Bewunderung und Respekt ernannte man ihn in diesen Jahren zum "Großkritiker" und zum "Literatur-Papst", doch seine Fähigkeiten, den Willen zur öffentlichen Wirksamkeit und seine Macht ganz entfalten konnte er erst, als er 1973 die Leitung des Literaturteils der "Frankfurter Allgemeinen" übernahm. Er machte sie zur buch- und literaturfreundlichsten Zeitung Deutschlands - und zur Krönung seiner Kritikerkarriere. So schien es zumindest.
Literarisches Quartett
Als Reich-Ranicki Ende 1988, weil es die Gesetze der F.A.Z. so vorschrieben, die Leitung des Literaturteils an einen Jüngeren abgeben musste, glaubten manche, eine Ära der Literaturkritik sei zu Ende, ein Generationswechsel vollzogen; es fände gleichsam ein Artensterben statt, denn der Typus des Großkritikers, den Reich-Ranicki wie Friedrich Sieburg, Günter Blöcker, Fritz J. Raddatz oder Joachim Kaiser, nur viel vollkommener als alle diese, verkörperte, sei vom Aussterben bedroht. Reich-Ranickis belehrte sie schnell eines Besseren. Abgesehen davon, dass er weiter in der F.A.Z. Herausgeber und Redakteur der von ihm 1974 ins Leben gerufenen "Frankfurter Anthologie" ist und weiterhin literaturkritische Beiträge in dieser Zeitung veröffentlicht, hat sich das Spektrum seiner Wirkungsmöglichkeiten nur noch erweitert. Im "Spiegel" und auch wieder in der "Zeit" konnte man ihn gelegentlich lesen, vor allem aber hören und sehen - in seinem "Literarischen Quartett". Das Fernsehen hatte Reich-Ranicki gerade noch gefehlt. Mit ihm hat er es geschafft, seine Popularitätskurve noch einmal kräftig steigen zu lassen. Seinen größten und eindrucksvollsten Erfolg hatte er jedoch im Alter von beinahe achtzig Jahren als Schriftsteller: als Autor seiner Autobiographie "Mein Leben".

Wir danken Herrn Anz für die freundliche Genehmigung zur Publikation. Mehr Informationen über Marcel-Reich Ranicki finden Sie im Marcel Reich-Ranicki Portal von literaturkritik.de.