SPECIAL zu Ulrich Ritzel

Nacktes Grauen hinter gerüschten Gardinen

Rezension von Bianca Reineke

Jetzt ist er weg. Kommissar Berndorf ist endgültig in seinen wohlverdienten Ruhestand verschwunden, hat das beschauliche Ulm verlassen, und nicht einmal sein Name taucht mehr auf in "Forellenquintett", dem neuesten Krimi von Ulrich Ritzel.

Die inthronisierte Prinzessin
Der Träger des Deutschen Krimipreises und Autor zahlreicher großartiger und spannender Romane um den nachdenklichen Helden Berndorf hat die Kronprinzessin zur Königin erhoben und lässt zum ersten Mal Kommissarin Tamar Wegenast alleine ermitteln.

Stand der hoch gewachsenen und unterkühlten Schönheit im letzten Buch "Uferwald" noch der Kollege Markus Kuttler zur Seite, schickt Ritzel seine Heldin diesmal ganz auf sich gestellt und irgendwie schutzlos in den Ring. Der Fall, in den Tamar Wegenast hier gerät, hat es nämlich in sich, und sie hätte die Hilfe wohlmeinender Kollegen, denen sie bedingungslos vertrauen kann, dringend benötigt. Denn im Laufe der Ermittlungen verliert Tamar mehr als nur den Glauben an das Gute im Menschen …

Ein Frauenkopf im Beichtstuhl
Zu Beginn des Buches irrt ein junger Mann mit einer schweren Tüte durch das polnische Kattowitz. Sein zielloser Weg durch die Stadt endet schließlich in einer Kirche, wo er sich seiner Last in einem Beichtstuhl entledigt und anschließend im Gewühl der Straßen verschwindet.

Dank der schnellen Kommunikation zwischen den europäischen Polizeibehörden erfahren der Leser und Tamar Wegenast schon bald, welch grausiger Inhalt die Tasche im Beichtstuhl den Gottesdienstbesuchern offenbart hat: ein abgetrennter Frauenkopf. Der dazu gehörige Körper wird in einer Wohnung in Kattowitz gefunden.

Tamar Wegenast stellt erschüttert fest, dass sie in einer persönlichen Beziehung zur Mieterin eben jener Wohnung steht. Die Tatsache, dass sie seit einiger Zeit anonyme Drohbriefe eines Mannes erhält, den sie vor Jahren im Dienst getötet hat, lastet ebenfalls schwer auf ihrer Seele. Und schließlich wird ihr klar, wem der Frauenmord wirklich galt. Ein Anruf bei ihrer unversehrten Ex-Freundin in London und eine Stippvisite nach Polen offenbaren der Ermittlerin, dass die Täter die Falsche ermordet haben und der Tod der Frau eine Warnung nach Ulm sein sollte.

Tödliches Gemisch
Langsam enthüllt sich vor dem Leser eine tragische Verstrickung, in der sich Tamar Wegenasts private und berufliche Vergangenheit, ein schlecht eingefädeltes Zeugenschutzprogramm und die organisierte Drogenkriminalität zu einem tödlichen Gemisch vermengen, das durch einen Mord seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.

Doch Ritzel gönnt seiner verletzten und angeschlagenen Heldin keine Zeit für Schuldgefühle, Trauer oder Wut, stattdessen lässt er sie immer tiefer in zwischenmenschliche Abgründe eintauchen und zwingt sie dazu, sich ihren Ängsten und Dämonen zu stellen.

Auf geniale Weise verwebt der Autor hier verschiedene Handlungsstränge ineinander und deckt Stück für Stück, Seite für Seite überraschende Zusammenhänge auf, verbindet Lebensgeschichten miteinander und reißt dabei der Gesellschaft die verlogene Maske vom Gesicht.

Von Polen über Ulm zum Bodensee
Und plötzlich verdichtet sich das Geschehen. Da wird in Berlin ein junger Mann mit polnischen Drogen aufgegriffen, der sich an nichts mehr erinnern kann, aber außergewöhnlich gut Klavier spielt und der schon bald ins ruhige und verschlafene Friedrichshafen gelangen wird - ein Mann, der dem Leser erstaunlich bekannt vorkommt. Da entpuppt sich die Ortspolizistin der Kleinstadt am Bodensee als Rebellin, und zahlreiche ehrbare Bürger erhalten plötzlich anonyme Drohbriefe. Ein einsames Ehepaar, das einen kleinen Spielzeugladen betreibt und deren Teenagersohn vor vielen Jahren nach dem Klavierunterricht spurlos verschwand, nimmt den vermeintlich genialen Pianisten mit offenen Armen auf und beschwört so unbewusst eine neue Tragödie herauf.

Tamar Wegenast, die von der Verbindung des Mannes nach Polen erfährt, wittert in dem angeblich heimgekehrten verlorenen Sohn eine heiße Spur zum Mord in Kattowitz und eilt nach Friedrichshafen. Dorthin verschlägt es auch schnell die wahren Täter, die sich an Tamars Fersen heften und den friedlichen Ort aufmischen.

Das Ende der Beschaulichkeit
Es scheint, als hätten sich Kriminelle, bissige Kampfhunde, aggressive Neonazis und raffgierige Immobilienspekulanten verabredet, um der kleinstädtischen Beschaulichkeit ein Ende zu bereiten. Der schweigsame Pianist und angebliche Sohn findet merkwürdig bespielte Musikkassetten im Zimmer des verlorenen Sohnes. Als schließlich in vielen die Saat des Zweifels an seiner Identität keimt, überschlagen sich die Ereignisse, und Friedrichshafen wird zum Schauplatz eines fulminanten Countdowns. Am Ende steht die bittere Erkenntnis, dass unsere sehnlichsten Wünsche selten in Erfüllung gehen und die grausame Realität jeden noch so schönen Traum zunichte macht.

Ritzel seziert mit schonungsloser Genauigkeit die Idylle der Kleinstadt, demaskiert die verlogene Scheinheiligkeit und offenbart dabei das nackte Grauen hinter den gerüschten Gardinen. Und doch wird die Gerechtigkeit am Schluss siegen, allerdings zu einem viel zu hohen Preis, den die Schuldigen nicht einmal selbst zahlen müssen. Es sind andere, die ihre Existenz opfern und gezeichnet den Ort am Bodensee verlassen. Und so verliert Tamar Wegenast in "Forellenquintett" zwar nicht ihre Integrität, aber ihr künftiger Lebensweg wird von den Ereignissen überschattet bleiben.

Neue Wege
In "Forellenquintett" schickt Ulrich Ritzel seine Leser einmal quer durch Europa und führt sie schließlich zu eingehenderen Milieustudien nach Süddeutschland. Die verschiedenen Fälle, die der Autor hier gekonnt miteinander verwebt und logisch ineinander aufgehen lässt, zeigen die Vielschichtigkeit der ganz "normalen" Kriminalität unserer Tage, die sich unter anderem aus Drogenschmuggel, Prostitution, Politkerbestechung und Vetternwirtschaft nährt, und deren Krakenarme bis in die tiefste Provinz reicht.

Ulrich Ritzels großartig gezeichnete Heldin Tamar Wegenast bleibt eine Lichtgestalt ohne Fehl und Tadel. Mühelos schlüpft sie in die Schuhe ihres großartigen Vorgängers und Mentors Berndorf, meistert den Fall trotz persönlicher Verstrickung ohne Integritätsverlust, zieht aber aus den erschreckenden Ereignissen persönliche Konsequenzen. Man darf gespannt sein, wie Ritzel die weit greifenden Folgen ihrer Entscheidung weiter spinnen wird.

Ein Buch, das bei aller Spannung und Faszination auch nachdenklich macht.

Bianca Reineke
Cuxhaven, Oktober 2007

Forellenquintett

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