Veronika Peters

Veronika Peters: Interviews und Videos mit der Autorin - Goldmann Verlag

Video: Veronika Peters liest aus "Das Meer in Gold und Grau"

„Im Kloster habe ich Menschen getroffen, die meine Vorstellungen vom Altsein gründlich über den Haufen geworfen haben“

Interview mit Veronika Peters zu „Das Meer in Gold und Grau“

Ein kleines Hotel an der Ostsee, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Die wenigen Menschen, die hier leben, haben das Renteneintrittsalter bereits hinter sich gelassen, und, um es vorsichtig auszudrücken, jeder ist auf seine Weise eigen. In diesen Mikrokosmos gerät die 29-jährige Katia, die plötzlich ohne Job und ohne Wohnung da steht und die beschließt, bei ihrer alten Tante Ruth, die sie nicht kennt und die eben jenes „Strandhotel Palau“ besitzt, Unterschlupf zu suchen. Für alle Beteiligten eine Herausforderung. Und auf die reagiert Katia meist mit Flucht, doch diesmal bleibt sie.

Veronika Peters
© Peter von Felbert
Ihr neues Buch ist unter anderem auch ein wunderbarer Roman über das Zusammenleben der Generationen. Was hat Sie an dem Thema interessiert?
In unserer Gesellschaft grenzen die verschiedenen Generationen ihre Lebenswelten für gewöhnlich sauber voneinander ab, und nur noch im Ausnahmefall gestalten junge und alte Menschen ihren Alltag gemeinsam. Das finde ich sehr schade, und zwar sowohl für die Alten als auch für die jüngeren Generationen. Ich wollte eine Geschichte erzählen, wo diese Trennung der Lebenswelten aufgehoben wird, wo man sich über die Generationen hinweg einander annähert, mit allem, was das so mit sich bringt: Freundschaft und Gemeinschaft, aber auch Auseinandersetzungen, denn es kann ganz schön hart zugehen, wenn die Sprach- und Lebensvorstellungen von Menschen unterschiedlicher Altersstufen aufeinanderprallen. Ein gelungenes Zusammenleben der Generationen ist nicht unbedingt ausschließlich harmonisch. Die Reibungen, die dabei entstehen, haben oft eine besondere Qualität, was aber sehr prägend und bereichernd für alle Beteiligten sein kann. Davon zu erzählen hat mich sehr gereizt.

Schon an Ihrem Bestseller „Was in zwei Koffer passt“ hat vor allem Ihre menschlich-liebenswerte Beschreibung und Charakterisierung der Schwestern im Orden viele Leser begeistert. Ist die Beschäftigung mit dem Alter und dem Älterwerden ein Thema, das Sie seit dieser Zeit begleitet?
Eine monastische Ordensgemeinschaft ist, wenn sie gut funktioniert, eine der oben erwähnten Ausnahmen, wo verschiedene Generationen ihren Alltag miteinander teilen. Aus der Erfahrung, einige Jahre lang in einer Kommunität mit sehr unterschiedlichen Frauen aller Altersstufen zusammengelebt zu haben, schöpfe ich heute noch, auch und gerade als Erzählerin. Im Kloster habe ich Menschen getroffen, die meine Vorstellungen vom Altsein gründlich über den Haufen geworfen haben: darunter tolle Frauen, echte Originale, die mir so Vieles voraus hatten an Souveränität, sogenannter „Herzensbildung“, Weisheit, Witz, Ironie, Gelassenheit oder Temperament, je nachdem. Meine Sicht auf die sogenannten „Alten“ hat sich dadurch nachhaltig und fundamental verändert. Natürlich gab es auch dort Streit und Missverständnis zwischen „Alt und Jung“, aber ohne die Alten wäre das kommunitäre Leben unerträglich gewesen. Sie wurden gebraucht, waren unverzichtbarer Teil der Gruppe, lebten mit ihren Geschichten, mit ihren Erfahrungen und mit ihrer durch die Jahre gelebten Spiritualität mittendrin. Sie waren das Herz des Ganzen, da bin ich mir heute noch sicher. Damals habe ich gelernt, wie sehr sich eine Gesellschaft selbst beraubt, die ihre Alten ins Abseits schiebt.

Heißt das auch, dass die „schöne neue Welt“, in der die 14- bis 49-jährigen das Maß aller medialen Dinge sind, nicht Ihrer Idealvorstellung entspricht?
Ja, das heißt es wohl. Die allgegenwärtige „Seid-fit-jung-und-konsumfreudig“-Propaganda, verbunden mit einer heftig beworbenen „unterm-Strich-zähl-Ich“-Mentalität nervt sehr und überfordert letztlich so ziemlich alle, glaube ich. Schlimmer noch: Das ebenso einseitig wie beschränkt präsentierte „mediale Maß aller Dinge“ könnte uns, wenn wir dem nichts entgegensetzen, um die Tatsache betrügen, dass wir alle, egal ob 13-, 23-, 43- oder 83jährig, es im Mit- und Füreinander viel schöner haben könnten, als eine hübsch inszenierte Schöne-neue-Welt-Illusion uns vorgaukeln möchte.
Nun könnte man glauben, Ihr Roman sei eine eher traurige Geschichte. Ich habe das aber nicht so empfunden. Wenn Sie es sich wünschen könnten, welches Gefühl würden Sie in ihren Lesern nach der letzten Zeile geweckt haben wollen?
Nein, für mich ist das gar keine traurige Geschichte, im Gegenteil: Über weite Strecken finde ich sie sogar lustig: der oft unkonventionelle Hotelbetrieb, das Zusammenleben der unterschiedlichsten Menschen, die Sprach- und Lebensverwirrungen, die das mit sich bringt, und nicht zuletzt auch der Spaß, den die Leute miteinander haben: Die gehen oft ziemlich humorvoll mit ihren Unterschiedlichkeiten, Gebrechlichkeiten oder Defiziten um. Sogar der Tod wird gelegentlich ausgelacht. Ja, am Ende ist jemand gestorben, und das ist natürlich auch traurig, aber die alte Ruth geht mit dem Satz: „Ich hatte ein gutes Leben, jetzt kann ich abtreten.“ Ruth hatte sich die Freiheit genommen, zu leben, wie sie es für richtig hält, und am Ende nimmt sie sich die Freiheit, loszulassen. Sie geht versöhnt und im Sinne des schönen altmodischen Wortes „lebenssatt“. Das ist für mich sehr viel mehr tröstlich und ermutigend, als traurig. Aber vielleicht darf auch beides nebeneinander stehen, die Zuversicht und die Trauer. Wenn ich denn ein Gefühl benennen müsste, das mich selbst nach der letzten Zeile des Romans beschlichen hat, dann wäre das optimistische Melancholie.

In vielen Romanen tritt die Landschaft, in der die Geschichte spielt fast als eigener Charakter auf. Auch ihr neues Buch könnte so sicher nicht in einer modernen Großstadt spielen. Warum die Ostsee?
Ich liebe die Ostsee! Sehr! Schon lange wollte ich eine Geschichte dort ansiedeln und für Katia, Ruth und die anderen Alten schien mir ein Fleck an der ost-holsteinischen Küste der perfekte Ort zu sein. Ich kenne dort einen Küstenabschnitt, der in seiner traumverlorenen Abgeschiedenheit und steinig-rauen Schönheit hervorragend geeignet ist, dem „Strandhotel Palau“ die passende Umgebung zu liefern. Nachdem es die Masse der zahlungskräftigeren Touristen inzwischen lieber in die glanzvoll restaurierten Seebäder der sogenannten „neuen Bundesländer“ zieht, geht es in den Küstenstädten und -dörfern in Ost-Holstein deutlich ruhiger zu. Auch das schien mir für die Figuren des Romans passend zu sein: Sie haben, wie die Ortschaften dort, ihre glanzvollen Tage sichtbar hinter sich, aber wenn man sich dennoch auf ihren sehr speziellen, manchmal bereits leicht abgeblätterten Charme einlässt, kann man eine gute Zeit mit ihnen haben.

Sie haben Ihrem Buch einen Satz aus dem Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ vorangestellt. Welche Bedeutung hat diese Geschichte für Sie und für ihren neuen Roman?
Für mich gibt es kein schöneres Märchen: Die aufgrund ihres Alters als wertlos missachteten Tiere, machen sich mit dem herrlich pragmatischen Spruch „etwas besseres als den Tod finden wir überall“ gemeinsam auf den Weg und erobern Dank eines bemerkenswerten Selbstvertrauens und mit Hilfe ihrer verschiedenen Eigenarten ziemlich dreist das Waldhaus, wo sie fortan unbehelligt miteinander leben können. Ein Haufen abgehalfterter Gestalten lässt sich nicht unterkriegen und macht sich ein schönes Restleben, das ist toll. Im Roman findet der folgende Dialog statt: „Die Bremer Stadtmusikanten haben es nie bis Bremen geschafft“, sagt Katia. „Wozu auch?“ sagt die Tante, „die hatten es doch schön im Waldhaus.“ Eine Metapher, wenn Sie so wollen. Das Märchen endet übrigens mit einem meiner absoluten Lieblingssätze: „Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.“

© Claudia Hanssen, Goldmann Verlag