Kallocain

Roman

(6)
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Was wäre, wenn selbst die Gedanken lesbar wären?

Könnt ihr die Wahrheit hören? Nicht alle sind wahrhaftig genug, um die Wahrheit zu hören, das ist das Traurige. Sie könnte eine Brücke zwischen den Menschen sein – nun ja, solange sie freiwillig ist, solange sie als ein Geschenk gegeben und als ein Geschenk empfangen wird. Ist es nicht eigenartig, dass alles seinen Wert verliert, sobald es aufhört ein Geschenk zu sein – selbst die Wahrheit?

Aktueller denn je: „Kallocain“, der große dystopische Roman von Karin Boye – in dem Menschen gelernt haben, sich gegenseitig zu kontrollieren, und verlernt haben, sich selbst und anderen zu vertrauen.



Was wäre, wenn selbst die Gedanken unfrei wären? Mit einer Wahrheitsdroge hat der Chemiker Leo Kall einen Weg in die Seelen seiner Mitbürger gefunden. Die neue Verhörmethode des Staates übernimmt die Kontrolle über die Menschen. Staatsfeindliche Gedanken werden entlarvt, alle Bürger auf Linie gebracht, Ehen gewöhnlich als reine Zweckgemeinschaft geschlossen, um dem Staat Kinder zu schenken. Doch im Geheimen regt sich Widerstand. Manche Menschen suchen Lebenssinn jenseits der offiziellen Doktrin. Auch Leo Kall beginnt zu zweifeln und seine Rolle als loyaler Mitsoldat in Frage zu stellen. Dennoch möchte er mit Hilfe des Wahrheitsserums herausfinden, ob seine Frau ein Verhältnis hat ...


Aus dem Schwedischen von Paul Berf
Originaltitel: Kallocain
Hardcover mit Schutzumschlag, 288 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
ISBN: 978-3-442-75775-6
Erschienen am  29. Oktober 2018
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Der Kopf des Einzelnen ist der spannendste Ort im Totalitarismus

Von: Jana

16.03.2019

Karin Boyes 1940 erschienener Roman „Kallocain“ gilt als Klassiker der dystopischen Literatur und wird mit Werken wie Aldous Huxleys „Brave New World“ und Orson Welles „1984“ in eine Reihe gestellt. Im Rahmen der Twitter-Leserunde von 54books (#54readsKB) habe ich mir die schwedische Dystopie näher angeschaut. Der Chemiker Leo Kall entwickelt ein Wahrheitsserum, das wirklich jeden zum Reden bringt. Nicht uneitel benennt er das Mittel nach sich selbst „Kallocain“. Als treuer Staatsbürger stellt er es sogleich dem herrschenden Regime zur Verfügung – mit fatalen Folgen für alle, deren Gedanken nicht im Gleichschritt marschieren. Karin Boyes „Kallocain“ wurde zwar schon 1947 einmal ins Deutsche übersetzt, aber erst die Neuübersetzung 2018 durch Paul Barf – verbunden mit dem allgemeinen Interesse an dystopischer Literatur – hat den Roman zumindest in der Bloggosphäre stärker ins Bewusstsein gerückt. Die Geschichte nimmt viele Elemente von Orwells unermüdlich zitiertem Roman „1984“ vorweg (hier 10 Gründe, warum 1984 immer noch aktuell ist), reicht in seiner Bekanntheit aber bei Weitem nicht an den später erschienenen Roman heran. Warum? Vielleicht liegt es daran, dass Boye ihren Schwerpunkt nicht auf die Beschreibung und Ausgestaltung der von ihr erfundenen Welt, auf das Worldbuilding, legt. Bis weit in die Geschichte hinein hat der Leser nur eine vage Vorstellung davon, wie der Heimatstaat Leo Kalls organisiert ist, welche Machtstrukturen und politischen Seilschaften es gibt und was eigentlich das erklärte Staatsziel sein soll. Anachronistisch wirkt, dass die Institution der Familie sich bis zum Zeitpunkt der Geschichte bewährt hat und dass das Staatsleben trotz völliger Informationsabschottung seiner Bewohner (sogar geografische Informationen sind verboten) funktioniert. Was Boye nicht in den Entwurf der von ihr geschaffenen Welt steckt, investiert sie in das Innenleben ihres Protagonisten Kall. Als Leser sieht man die Geschehnisse nach Erfindung des Kallocains durch seine Augen. Anfangs fühlt man sich so gar nicht wohl im Kopf des perfekten „Mitsoldaten“, der keinen Dienst verpasst und seine Frau Linda dafür hasst, dass kein offenes Gespräch mit ihr möglich ist, während er selbst jederzeit zum Denunzieren bereit ist. Langsam setzt dann ein Wandel in Kalls Denken ein; leise Zweifel melden sich an, bis er schließlich zum ersten Mal eigenen, frischen Gedanken Einlass in sein Bewusstsein gestattet. Der Kopf des Einzelnen ist zweifellos der spannendste Ort im totalitären System. Boye gelingt es, ein Abbild des möglichen Denkens und Fühlens im nationalsozialistischen Deutschland und im Stalinismus zu schaffen. Beide Systeme kannte sie aus eigener Anschauung. Und doch fehlte es für meinen Geschmack an einer pointierten Darstellung. Einige der Figuren wagen es, über die Fehler des Systems zu sprechen, doch bleibt dies immer seltsam nebulös, geschieht nie in griffigen Worten. Insbesondere beim Scharfprozess gegen Kalls Kollegen Rissen hat Boye aus meiner Sicht die Gelegenheit verpasst „einen Punkt zu machen“. Vielleicht war dieses Verweilen im Unscharfen auch nötig, um das Manuskript durch die selbstauferlegte Zensur des nicht besetzten Schwedens der 40er Jahre zu schleusen. Etwas besser gelingt Boye der Drahtseilakt bei Lindas Reflexion über ihre Rolle als Frau, Mutter und Mitsoldatin – für mich die stärksten Worte im Roman. Kallocain verdient sicher seinen Platz in der Reihe klassischer Dystopien/Romane mit dystopischen Elementen. In seiner Mahnwirkung reicht es für mich an „Brave New World“ und „1984“ aber nicht heran.

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Eine Gesellschaft gegründet auf Misstrauen

Von: Franziska_J

30.01.2019

„Die Kollektivität steht bereit, das letzte Gebiet zu erobern, auf dem asoziale Tendenzen bislang noch Zuflucht suchen konnten. Wenn mich nicht alles täuscht, heißt das schlicht, dass die große Gemeinschaft kurz vor ihrer Vollendung steht.“ Was wäre, wenn selbst Gedanken überwachbar wären und der Staat dies gnadenlos ausnutzt, nicht nur um Verbrecher aufzuspüren, sondern um jegliches Andersdenken auszuschalten? Die Reihe an Zukunftsdystopien ist lang. Sie reicht von Aldous Huxleys Brave New World (1932) über George Orwells 1984 (1949) bis hin zu Ray Bradburys Fahrenheit 451 (1953), doch keine von ihnen schafft eine solch beängstigende totalitäre Kontrolle und Überwachung wie Karin Boyes Kallocain. Der erstmals 1940 erschienene Roman entwirft eine düstere Welt mit einer auf Misstrauen gegründeten Gesellschaft, in der das Individuum keinen Wert besitzt und nur eine winzige ‚Zelle‘ im gewaltigen Staatsapparat ist, den es selbst nicht zu durchschauen vermag. Nach seinem Erscheinen wurde der Roman von der Kritik als Meisterwerk gefeiert, doch heute ist er im Vergleich zu Orwells oder Huxleys Werken in Vergessenheit geraten. Dabei hat er nichts an Aktualität eingebüßt und ist angesichts der immer weiter voranschreitenden Wissenschaft umso erschreckender. Kallocain ist jetzt bei Btb in einer Neuausgabe mit einem Nachwort zum biografischen und geschichtlichen Kontext der Autorin erschienen. In der Zukunft, in der wir uns befinden, ist die Welt unter zwei Supermächten aufgeteilt: dem Weltstaat einerseits und dem Universalstaat andererseits. Ersterer ist wesentlicher Schauplatz der Handlung. Er ist totalitär und militärisch organisiert, d.h. jeder ‚Mitsoldat‘, wie die Mitbürger hier genannt werden, muss neben seiner normalen Arbeit Militär-und Polizeidienst leisten, der hauptsächlich aus Überwachung der Mitmenschen besteht. Die Kontrolle endet jedoch nicht an der Haustür sondern dringt sogar bis ins eheliche Schlafzimmer vor, da alle Räume der standardisierten Wohnungen mit Mikrofonen ausgestatten sind. Überhaupt ist hier alles standardisiert und genormt: das Essen, die Kleidung und selbst die Arbeit. Niemand soll hier auf den Gedanken kommen, mehr als nur ein Rädchen im Getriebe des Staates zu sein. Jeder ist austauschbar. Besonders beeindruckend vermittelt Boye dies über das Konzept des freiwilligen Opferdienstes, bei dem Menschen sich aufgrund ihrer scheinbar marginalen Rolle aus freien Stücken dazu entschließen, an sich Experimente mit ungewissem Ausgang durchführen zu lassen. Wie es bei Dystopien oft der Fall ist, wird hier nicht aus bloßer Fantasie eine Zukunftsvision entworfen, sondern es werden zugleich aktuelle Entwicklungen gespiegelt. Auch Boyes Werk wird zur Gesellschaftskritik und es lassen sich zwei totalitäre Systeme ausmachen, die ihr als Vorbild dienten: die stalinistische Sowjetunion und das nationalsozialistische Deutschland. Sprachlich brillant zeigt Boye, wie Unterdrückung auf der Basis von Sprache funktioniert. Der Befehlston, das durch Militärbegriffe geprägte Vokabular und die teilweise hetzerischen Reden von Höhergestellten könnten durchaus dem nationalsozialistischen Regime entstammen. „Aus Gedanken und Gefühlen entstehen Worte und Taten. Wie sollen Gedanken und Gefühle denn die Sache des Einzelnen sein können? Gehört nicht der ganze Mitsoldat dem Staat? Wem sollen seine Gedanken und Gefühle gehören, wenn nicht dem Staat? Bisher ist es nur nicht möglich gewesen, sie zu kontrollieren – aber nun ist, wie gesagt, das Mittel dazu entdeckt worden.“ Leo Kall, Chemiker und treuer Untergebener, entwickelt Kallocain, ein unfehlbares Wahrheitsserum, das jeden Menschen seine intimsten Gedanken offenbaren lässt. Im Überwachungsstaat ist eine solche Erfindung unbezahlbar und die Regierung beginnt unverzüglich, mithilfe des Serums Staatsverräter aufzuspüren. Schon bald jedoch gerät die Entdeckung außer Kontrolle und unter den Menschen verbreiten sich Angst und Schrecken. Jeder kann nun zur Polizei gehen und gegen beliebige Mitsoldaten Anzeige wegen Hochverrats erstatten, denn wie sich herausstellt, hat beinahe jedes Mitglied der Gesellschaft regimekritische Gedanken. Auch Kall selbst muss einsehen, dass er Gefühle hat, die im Weltstaat unerwünscht sind: Sehnsucht zum Beispiel nach seinem kleinen Sohn, der – wie in dieser Gesellschaft üblich – in einem Kinderlager lebt oder Eifersucht, weil er vermutet, seine Frau könnte eine Affäre haben. Diese Empfindungen machen Kall im durch unterkühlte Gespräche geprägten Weltstaat zu einer sympathischen Figur. Im Verlauf wird immer mehr deutlich: Universell menschliche Bedürfnisse nach Liebe, Wärme und Nähe lassen sich nicht unterdrücken oder kontrollieren. Kollocain wäre vielleicht eine Möglichkeit gewesen, genau dies zu beweisen, Gefühle und Individualität zu legitimieren und die totalitären Verhältnisse aufzulösen, doch das Misstrauen sitzt zu tief. Das Serum wird nur noch dazu verwendet, unliebsame Mitsoldaten diskret aus dem Weg zu schaffen. Kall kommt über den Nuten seiner Entdeckung ins Grübeln, doch dafür scheint es inzwischen zu spät zu sein… Der Roman ist auf eine doppelte Weise beängstigend und fast schon real: Zum einen ist da die totale Überwachung, nicht nur durch Mitmenschen, sondern besonders auch durch Technik wie Mikrofone und Kameras. In Zeiten von Big Data und der Diskussion um Datensicherheit ist Boyes Dystopie in Teilen sicher schon real geworden. Und genau wie die Menschen in ihrem Roman nehmen wir die Dinge einfach hin. Wir sind uns der Zustände bewusst und prangern die Speicherung unserer Daten und deren Weiterverwertung an, doch das hält uns trotzdem nicht davon ab, weiterhin Onlineshopping zu betreiben oder intimste Dinge in sozialen Netzwerken zu posten. Nach der Lektüre fragt man sich, wie frei die Welt in der wir heute leben wirklich ist und besonders wie frei man selbst darin noch ist. Beängstigend wird Kollocain zum Anderen auch durch das Hervorkehren der Tatsache, dass es in der Wissenschaft keinen Weg zurück gibt. Der ‚piont of no return‘ war bereits bei der Entwicklung des Wahrheitsserums überschritten und Kall hat, nachdem er das Mittel an die Regierung abgegeben hat, keinen Einfluss mehr über dessen Verwendung. Das wirft die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft auf. Wie weit darf man zum Beispiel bei der Genmanipulation gehen? Der Roman liefert einen entscheidenden Fakt, um diese Frage nach Ethik in der Wissenschaft zu beantworten: Man muss sie vor der Erfindung beantworten, denn danach gibt es kein Zurück mehr… Kallocain – eine reale und beängstigende, aber dennoch beeindruckende Dystopie, die unbedingt in einem Satz mit George Orwells 1984 und Aldous Huxleys Brave New World genannt werden muss.

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Vita

Karin Boye (1900 bis 1941) war eine schwedische Schriftstellerin und Lyrikerin. Wie viele Intellektuelle der Zwischenkriegszeit kehrte sie enttäuscht und desillusioniert von einem Aufenthalt in der Sowjetunion zurück. "Kallocain" gilt als ihr Hauptwerk und wird in einem Atemzug mit Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" und George Orwells "1984" genannt. Peter Weiss setzte ihr im dritten Band seiner "Ästhetik des Widerstands" ein literarisches Denkmal. Karin Boye nahm sich 1941 in einem Wald bei Alingsås das Leben.

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Paul Berf

Paul Berf, geboren 1963 in Frechen bei Köln, lebt nach seinem Skandinavistikstudium als freier Übersetzer in Köln. Er übertrug u. a. Henning Mankell, Kjell Westö, Aris Fioretos und Selma Lagerlöf ins Deutsche. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.

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