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Im Interview: Gregory D. Roberts über SHANTARAM und IM SCHATTEN DES BERGES

Gregory David Roberts hat angekündigt, sich endgültig aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. In einem letzten Interview anlässlich des Erscheinens von IM SCHATTEN DES BERGES, beantwortet er noch einmal Fragen zu seinem Weltbild und seinen Gedanken über Menschlichkeit.

Was haben Sie nach SHANTARAM getan – sich neuen Bereichen zugewandt? Es hat ja zehn Jahre gedauert, bis IM SCHATTEN DES BERGES erscheinen konnte.
Nach SHANTARAM habe ich meine Erfahrungen und Fertigkeiten als Autor in den Dienst von diversen nichtstaatlichen Organisationen gestellt. Ich habe mich für Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, Umwelt- und Gesundheitsbelange eingesetzt.

Was war das für eine Erfahrung? Was haben Sie dabei erlebt?
Es war eine wunderbare und zugleich sehr schmerzhafte Erfahrung. In unserer Welt gibt es eine Mehrheit von Menschen, die altruistisch sind, und eine Minderheit, die egoistisch ist. Bedauerlicherweise beherrscht diese Minderheit die Welt, was in erschütterndem Ausmaß zu sozialer Ungerechtigkeit und Missständen führt.

Sie haben gesagt, es gäbe keinen moralisch vertretbaren Grund mehr, den Reichen und Mächtigen zu dienen?
Ja, das ist wahr. Wir durchlaufen derzeit zwei große soziale Umwälzungen. Die erste ist der globale Krieg gegen die Armen, der in den Achtzigerjahren begann. Die zweite ist der Paradigmenwechsel von einer Wettbewerbs- und Konsum-Zivilisation zu einer Kooperations- und Erhaltungs-Zivilisation. In beiden Zusammenhängen hat es keinen moralischen Wert, den Reichen und Mächtigen zu dienen, weil diese sich in drastischem Ungleichgewicht mit den Belangen der Gesellschaft befinden.

Was meinen Sie mit „Krieg gegen die Armen“?
Seit wir Menschen vor etwa zehn- bis zwölftausend Jahren das Dasein als Jäger und Sammler hinter uns ließen, hatte eine kleine Minderheit den Zugriff auf fast alle Ressourcen und hatte fast die gesamte Macht an sich gerissen. Wir haben es also mit einem extremen sozialen Ungleichgewicht zu tun, bei dem 3 Prozent der Menschheit fast alles besitzen, während sich die anderen 97 Prozent mit dem Rest begnügen müssen.

Dieses Szenarium hat sich nur einmal in der Geschichte der Menschheit verändert, und zwar im zwanzigsten Jahrhundert. Durch die Entstehung von Gewerkschaften und anderen Arbeiterrechtsorganisationen, die marxistischen Revolutionen und die sozialen Erschütterungen durch die Weltwirtschaftskrise und die beiden Weltkriege haben die Reichen und Mächtigen feststellen müssen, dass Veränderungen unumgänglich sind. Die Einkommensteuer für Reiche war zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts quasi nicht existent, ist aber im Verlauf dieses Jahrhunderts um mindestens 80 Prozent erhöht worden. Diese gerechtere Besteuerung ermöglichte für die Armen mehr Bildung, besseres Wohnen, soziale Mobilität und Zugang zu staatlicher Unterstützung. Eine neue Mittelschicht entstand, und Wohlstand wurde gerechter verteilt.

Mit Beginn der Achtzigerjahre begannen die Reichen und Mächtigen, sich ihren Wohlstand und ihre Privilegien zurück zu erobern – sie eröffneten damit den Krieg gegen die Armen. Die erste Phase dieses Krieges bestand in der Zerstörung der Gewerkschaftsbewegung. Die zweite Phase war die Verlagerung kapitalistischer Jobs ins kommunistische China. Die dritte Phase erleben wir gegenwärtig: Austerität – den Abbau sozialer Unterstützungssysteme und die Privatisierung staatlicher Unternehmen und Ressourcen.
Dieser Krieg gegen die Armen wurde so effizient geführt, dass die vormals gerechtere Verteilung von Wohlstand und Rechten im zwanzigsten Jahrhundert zerstört wurde und die soziale Ungerechtigkeit in den meisten Ländern heutzutage so drastisch ist wie zur Zeit der tyrannischen Könige im siebzehnten Jahrhundert. Es ist ein Rückfall in unsere Geschichte: Die Welt wird wieder von diesen 3 Prozent beherrscht.

Und dieser Paradigmenwechsel, von dem Sie sprachen – können Sie das noch genauer ausführen?
Den größten Teil unserer Geschichte – etwa 150 000 Jahre lang – waren wir Menschen Jäger und Sammler. Die Jäger-Sammler-Gesellschaftsformen waren durch einen hohen Grad an Autarkie und Gemeinschaftlichkeit geprägt. Das hat sich vor 10 000 bis 12 000 Jahren geändert, während der sogenannten Neolithischen Revolution, als die Menschen lernten, Tiere und Pflanzen zu kultivieren. Die Folgen dieser Veränderung der Zivilisation waren sowohl positiv als auch negativ. Zu den positiven Effekten zählte das Aufblühen von Kunst und Wissenschaften. Die negativen Auswirkungen waren, dass Frauen Macht und Ansehen einbüßten, Land in Privatbesitz überging, Hungersnöte auftraten, die Sklaverei eingeführt wurde und man Armeen bildete, um in zahllosen Kriegen Privateigentum zu verteidigen.

Was meinen Sie damit, dass Frauen Macht und Ansehen einbüßten?
In Jäger-und Sammlergesellschaften waren Frauen für bestimmte Bereiche des Lebens zuständig, den Männern aber in Macht und Ansehen gleichgestellt. Nachdem wir begonnen hatten, Pflanzen und Tiere und auch uns selbst zu kultivieren, stammten die Nahrungsmittel aus Ressourcen, die sich im Besitz von Männern befanden und von ihnen kontrolliert wurden. Entsprechend verloren Frauen an Macht und Ansehen. In den meisten sogenannten zivilisierten Gesellschaften, die auf die Jäger- und Sammlergesellschaften folgten, wurden Frauen auf ihre Gebärfähigkeit reduziert und ausgebeutet.

Und Sie denken, dass sich das gegenwärtig ändert?
Ja. Wir befinden uns am Anfang der dritten großen Ära der Menschheit. Die erste, die über 150 000 Jahre andauerte, war die Jäger-Sammler-Zeit. Die zweite, die an die 10 000 Jahre andauerte, war von Wettbewerb und Konsum bestimmt. Und die dritte Ära, die sehr lange andauern könnte, ist die Ära von Kooperation und Erhaltung.

Trotz des anhaltenden Kriegs gegen die Armen, die Unterwanderung von Regierungen durch Kapitalinteressen, die Ausrichtung der Konzerne, Profit über Nachhaltigkeit zu stellen, hat ein massiver Widerstand eingesetzt, der schlussendlich den Kapitalismus und unseren Umgang mit dem Planeten von Grund auf verändern wird. Dieser Prozess wird seine Zeit in Anspruch nehmen, aber er ist unaufhaltsam: Wenn wir dem schrankenlosen Wettbewerb und Konsum nicht Einhalt gebieten, wird es in Bälde keine Menschheit mehr geben. Menschen überall auf der Welt haben das erkannt und engagieren sich dafür, ihre Gemeinschaften zu Kooperation und Erhaltung aufzurufen.

Es gibt Stimmen, die auf Rassismus, brutale Morde, Fanatismus und Gewalt verweisen und fragen, wo denn da die Menschlichkeit zu finden ist?
Dabei handelt es sich um falsche Zuordnung. Diese zitierten Phänomene sind Beweis für allgemeine Unmenschlichkeit, ebenso wie Symphonieorchester und die Pflege der Alten und Kranken auf unsere Menschlichkeit verweisen.

Wollen Sie damit sagen, dass den Menschen also auch die Unmenschlichkeit eigen ist, ebenso wie die Menschlichkeit?
Ja. In den von Ihnen angeführten Phänomenen kommen folgende Aspekte unserer Tiernatur zum Ausdruck: Revierverhalten, Rangordnung, Konkurrenzverhalten, Aggression. Sofern die Anteile der Tiernatur beim Menschen nicht reguliert werden, sind sie zu Äußerungen von extremer Gewalt und Brutalität imstande. Unsere Unmenschlichkeit erzeugt den Krieg und unsere Menschlichkeit den Frieden. Als Spezies überlebt haben wir, weil wir füreinander sorgen und um Gerechtigkeit bemüht sind. Als Individuen können wir frei wählen, ob wir unsere Gedanken, Handlungen und Äußerungen in den Dienst der Menschlichkeit oder in den Dienst der Unmenschlichkeit stellen wollen.

Und was antworten Sie Leuten, die behaupten, die bösen Taten entsprächen eben auch der Natur des Menschen?
Dieses Böse hat seine Wurzeln in unseren tierischen Anteilen, nicht in unseren menschlichen. Wenn wir die furchtbaren Nachrichten in der Zeitung lesen, blicken wir unserer Tiernatur ins Gesicht. Wenn wir uns mit den positiven Dingen befassen – Kunst, Menschenrechte, Friedensinitiativen, soziale Netze für Unterprivilegierte –, dann blicken wir auf die Ergebnisse unserer Menschlichkeit.

Wollen Sie damit sagen, dass unsere tierischen Anteile etwas Schlechtes sind?
Nein. Wir beziehen aus ihnen wichtige Impulse und instinktive Überlebenshilfen, und in unseren tierischen Anteilen sind wir auch zu mitfühlendem und hilfreichem Verhalten imstande, ebenso wie Schimpansen. Doch die Elemente Revierverhalten, Rangordnung, patriarchale Strukturen, Konkurrenzverhalten und Aggression sind eben auch damit verbunden, und aus diesen Elementen entstehen die meisten schädlichen Verhaltensweisen. Wenn Menschen Böses tun, sind sie gesteuert von den negativsten Anteilen ihrer Tiernatur.

Was bereitet Ihnen an der Welt am meisten Sorgen?
Dass der Krieg gegen die Armen Talente vernichtet und uns um ein Jahrzehnt oder mehr zurückwirft bei unserem Streben nach einer Zukunft, die von Fairness und Nachhaltigkeit bestimmt ist.

Was ist Ihre größte Hoffnung?
Ich habe viele große Hoffnungen. Die jungen Menschen von heute sind so gebildet und gut vernetzt wie niemand zuvor in der Geschichte der Menschheit. Sie werden die Welt verändern, wenn sie in entsprechenden Positionen sind. Und überall verbinden sich Menschen miteinander auf neue positive Weise. Diese Verbindung schafft viele Energien.
Die jüngsten Wahlen in England sind ein Paradebeispiel dafür. Die Konservativen haben die Mehrheit der Parlamentssitze gewonnen, obwohl nur einer von drei Bürgern sie gewählt hat. Die Medienkampagnen, in denen Sparmaßnahmen propagiert wurden – die den Armen schaden, konnten die Menschen in England nicht überzeugen. Zwei Drittel haben sich gegen die Politik der Konservativen entschieden, aber weil diese Menschen nicht auf einer Linie lagen, hat das eine Drittel nun die Macht, die Sparmaßnahmen durchzusetzen, die von zwei Dritteln der Bevölkerung abgelehnt werden.
Wir müssen uns verbinden und vernetzen. Wir müssen miteinander sprechen. Die zwei Drittel, die den Sparkurs ablehnen, sind die stille Mehrheit, und sie müssen sich zusammentun.



Dieser Text entstammt einem längeren Interview (übersetzt aus dem Amerikanischen von Sibylle Schmidt), das wir auf Anfrage gerne komplett zusenden. Mail an: presse@randomhouse.de

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