Leserstimmen zu
Schere, Stein, Papier

Naja Marie Aidt

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Ähnlich wie Das Parfum ist Schere, Stein, Papier ein vielseitiger Roman, der Lesern verschiedener Genres gefällt. Der Krimi-Liebhaber kann rätseln über den Fund im Toaster, den Einbruch im Schreibwarenladen, das eingeritzte Zeichen in der Tür. Der Romantiker findet mehrere Paare: Thomas und Patricia, Maloney und Jenny. Alice und Luke, ja oder nein? Am meisten fesselt dieser Roman aber diejenigen Leser, die sich für Psychologie interessieren. Ohne, dass jemals das Wort fiele, ist Schere, Stein, Papier die Geschichte einer bipolaren Störung, früher nannte man es manische Depression. Thomas O'Malley Lindström hat sich hochgearbeitet aus dem Armenviertel, ihm gehört die Hälfte eines Schreibwarenladens, er wohnt in einer teuren Gegend. Dann stirbt sein krimineller Vater. Thomas muss seine labile Schwester wiedersehen, zur Beerdigung gehen. Er stürzt in eine Depression, dann schlägt seine Stimmung ins Gegenteil um. Wir Leser, gemeinsam mit Thomas' Freunden, sehen hilflos zu, wie er sich hineinsteigert in wahnwitzige Pläne, Eifersucht und Verfolgungswahn. Am Ende bleiben viele Fragen offen. Ich hätte mir Antworten gewünscht. In der Hauptsache aber hat Naja Marie Aidt ein Meisterwerk geschaffen: Sie zeigt, wie eine bipolare Störung von innen aussieht, für den Betroffenen, der selber nichts merkt. Und dass die manische Seite der Krankheit schlimmer ist, tausendmal schlimmer als die Depression. Die Autorin benutzt starke Metaphern und schafft facettenreiche Figuren. Dichter sollten mehr Romane schreiben.

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Manchmal kann ein Geheimnis ein Leben zerstören. Thomas findet durch Zufall eine beachtliche Summe Geld in der Wohnung seines verstorbenen Vaters (der Zeit seines Lebens ein Taugenichts war) und beschließt das Geld einfach zu behalten und keinem etwas davon zu sagen. Dieses Geheimnis löst in ihm eine so große Unruhe aus, dass sein Leben dadurch nach und nach aus den Fugen gerät. Was sich Thomas einbildet und was nicht, ist nicht immer klar. Sein eigenes Leben entgleitet ihm auf allen Ebenen. Seine Frau trennt sich von ihm, nachdem er ihr eine bis dato unbekannte, raue Seite von sich gezeigt hat. Ein junger Mann taucht auf, der seinen Vater, im Gegensatz zu Thomas, als einen liebevollen und pflichtbewussten Menschen kennen gelernt hat. Sein Geschäft wird eines Nachts verwüstet und sowohl dort, als auch vor seiner Haustür befinden sich plötzlich merkwürdige kryptische Zeichen. Haben diese etwas mit dem Geld zu tun, welches Thomas einfach behalten hat? Wer weiß noch von dem Geld? Thomas versucht sein Leben zu retten, er kämpft und der Druck wird größer und größer. Er zerstört sukzessive seine Beziehungen und sich selbst. Ein spannender, sprachlich faszinierender Roman, der allerdings auch eine bedrückende und schwere Seite hat.

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Wenn sich Literatur der Frage nähert, wer oder was genau für den Verlauf und die Sinnhaftigkeit eines Lebens bestimmend ist, ob es das Schicksal, die genetische Veranlagung oder eigene Willensstärke ist, dann kann daraus eigentlich nur Gutes entstehen. Naja Marie Aidt hat einen verstörenden Roman über ein Leben geschrieben, das sich auf unerklärliche Weise mit solcher Radikalität verändert, das man sagen könnte: hier ist etwas gewaltig aus der Bahn geraten. Als Thomas' und Jennys Vater unverhofft in einer Gefängniszelle stirbt, bringt der Tod statt Trauer einen tief begraben geglaubten Berg aus schrecklichen Kindheits-Erinnerungen hervor. Der Vater war ein Trinker, stets schlecht gelaunt, ein Krimineller, auf den sich die Geschwister nie wirklich verlassen konnten. Es sind diese seelischen Narben, die vor allem Thomas prägen und die ihn – ohne es wirklich zu ahnen – noch eine lange Zeit später schmerzen werden. Inzwischen sind sie erwachsen und führen ein Leben, das nicht unterschiedlicher sein könnte: Jenny lebt mit ihrer 18-jährigen Tochter Alice in einem sozialen Brennpunkt in armen Verhältnissen. Ihren Unterhalt verdient sie sich als schlecht bezahlte Krankenpflegerin. Ein Umstand, für den sie Thomas regelrecht verachtet. Denn sie hat es, anders als er selbst, nicht geschafft, die Kindheitstraumata zu überwinden und ihr Leben nach eigenen Wünschen zu formen und letztlich zu genießen. Thomas hingegen ist sich selbst sein eigener Chef. Er besitzt einen Laden für schickes Büromaterial, den er mit seinem Freund Maloney führt. Seine Lebenspartnerin Patricia ist angesehene Kunsthistorikerin, ihr gemeinsames Leben in einem modern designten Wohnraum könnte nicht besser sein. Wenn Freunde zu Besuch sind, wird bei extravagantem Menü mit teurem Wein über Literatur diskutiert. Man könnte auch sagen: Eine gekonnte Inszenierung von Intellektualität! Als also der Vater stirbt, rührt sich in Thomas nicht viel. Die Geschwister schlagen das Erbe aus und nehmen nur einen alten, verrosteten Toaster mit, in dem Thomas – und das ist scheinbar das Umschlagsmoment der Geschichte – ein Bündel Geldscheine entdeckt. Es muss, denkt Thomas, von Vaters letztem Coup sein. Er versteckt es heimlich in seinem Keller. Das Geld – als Inbegriff des Bösen figurierend –, an dem buchstäblich noch die kriminellen Fingerspuren des Vaters kleben, nimmt auf rätselhafte Art und Weise Einfluss auf Thomas Leben: es verfolgt ihn in seinen Gedanken, raubt ihm jede Ruhe, und schwört in dieser Weise Wahn und Paranoia langsam herauf. Doch, wo ist das Geld tatsächlich hergekommen und wem gehört es? Und so kann Thomas von dunklen Gedanken nicht ablassen und die Suche beginnt, zugleich geschehen seltsame Dinge und niemand weiß, wie ein Leben so leicht zugrunde gehen konnte. Eine wuchtige Geschichte voller Brutalität ertönt in leisen Tönen und berührt mit ihren allzu menschlichen Figuren, die – wie wir alle – verletzlich sind und sich nur schwer von tiefsitzenden Erschütterungen des Lebens erholen können. Großes Kino! Ganz in Knausgårdschem Stil wird dabei alles wahrgenommen, reflektiert und minutiös geschildert. Die Gefühlswelt wird in ihrer Komplexität seziert, nichts ist zu banal und alles hat Bedeutung, wenn man der Sache auf den Grund gehen will. Und mittendrin, so ganz nebenbei lässt Naja Marie Aidt ihre Figuren eine Debatte über das Wesen der Literatur führen, und handelt die Frage aus, ob Letztere, um wirklich gut zu sein, autobiografisch oder fiktional sein muss. Es sei ihr verziehen. Ansonsten: Bravourös!

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Was ist das Böse? Steckt es von Geburt an in uns oder wird es uns anerzogen? Viele literarische Werke haben sich mit dieser Frage auseinandergesetzt, jedoch selten mit einer so schonungslosen Eindringlichkeit wie in diesem Buch der dänischen Schriftstellerin Naja Marie Aidt. Thomas hat seine schreckliche Kindheit hinter sich gelassen und sich erfolgreich in der Gesellschaft hochgearbeitet. Als sein krimineller und gewalttätiger Vater stirbt, schlägt er die Erbschaft aus, bis er in einem Toaster die Diebesbeute seines letzten Coups entdeckt. Thomas behält das Geld heimlich – schon zieht das Böse wieder in sein Leben ein. Vor der Vergangenheit gibt es kein Entrinnen. Nach außen hin führt Thomas ein bürgerliches Leben. Er hat einen Schreibwarenladen, eine Beziehung mit der schönen Kunsthistorikerin Patricia, wohnt in einem angesehenen Stadtteil. Dass er jahrelang mit seiner labilen, jüngeren Schwester Jenny unter den brutalen Erziehungsmethoden seines alkoholkranken Vaters gelitten hat – damit hat er abgeschlossen. Dennoch haben die Erlebnisse Risse in der Fassade hinterlassen. Im Grunde genommen verachtet er seine „schwächliche“ Schwester, die in Armut und Opferrolle verharrt ist. Die Beziehung zu Patricia leidet unter seiner Weigerung, selbst Kinder zu bekommen. Sympathie empfindet er hingegen für seine 18-jährige rebellische Nichte Alice, die er beruflich unterstützen möchte. Thomas entscheidet sich, das Geld zu behalten, um eine Zweigstelle zu eröffnen, die sie eines Tages leiten soll. Der Toaster samt Inhalt fungiert als „Büchse der Pandora.“ Zunächst passieren merkwürdige Dinge in seiner Umgebung – Thomas erhält Drohungen, sein Laden wird zerstört, ein mysteriöser Fremder drängt in seine Familie. Im weiteren Verlauf der Handlung wird nicht nur die mühsam aufgebaute Existenz vernichtet – auch seine Persönlichkeit scheint auseinanderzubrechen und sich in zwei Teile zu spalten. Die dunkle Seite seines Charakters tritt zu Tage und jener Mensch, der ihm am nächsten steht, muss besonders darunter leiden. Thomas hat plötzlich Gewaltfantasien, denen er in einem schwachen Moment nachgibt – mit katastrophalen Folgen. Naja Marie Aidt schreibt klar und schonungslos. Ihre Literatur ist schwer verdaulich, stößt ab und fasziniert zugleich. Spätestens nachdem Thomas die angestaute Wut an seiner Freundin und der gemeinsamen Katze auslebt, genießt der Leser durchaus den tiefen Fall der Hauptfigur. Das Faszinierende an der Geschichte ist nicht die eigentliche Auflösung, wer hinter den ganzen Einschüchterungsakten steckt – sehr schnell tut sich eine Spur auf und es wundert ein wenig, wie lange Thomas braucht, um den eigentlichen Zusammenhang herzustellen. Das Faszinierende liegt in der Auslotung von charakterlichen Grenzüberschreitungen. Wie tief muss ein Mensch fallen, bevor sich sein wahres Wesen zeigt? Wie ist es, eine Person gleichzeitig zu lieben und zu hassen? Welche Auswirkungen haben Entscheidungen, unmittelbar oder über Generationen hinweg? Wer auf Sympathiefiguren in Büchern verzichten kann und sich nicht scheut, einen Blick in menschliche Abgründe zu werfen, wird das packende Buch zu schätzen wissen. Ohne viel Blut, prägen sich bestimmte Szenen tief im Bewusstsein ein.

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Der Vater von Thomas und Jenny stirbt. Ein einfacher Trauerfall ? Mitnichten, denn die Beziehung der drei war mehr als schwierig. Die Mutter hat die Familie schon früh verlassen, der Vater war oft handgreiflich gegenüber seinen Kindern, ein Kleinkrimineller, der ihnen das Leben nicht leicht gemacht hat. Sein Tod reißt alte Wunden wieder auf. Das Erbe besteht nur aus Schulden - ein letzter Gang in seine verwahrloste Wohnung. Ein Erinnerungsstück will Jenny behalten, seinen Toaster. Als Thomas ihn repariert macht er eine unglaubliche Entdeckung: zwei Geldpäckchen. Heimlich schiebt er sie sich unter den Pullover, erzählt auch seiner Lebensgefährtin Patricia nichts davon. Der Tod, die Entdeckung des Geldes und die Bekanntschaft mit Luke, dem "Jungen", der anscheinend so viel Zeit mit Jacques, Thomas Vater, verbracht hat und so viel zu berichten hat - über Ereignisse und Erlebnisse, die Thomas nie mit seinem Vater erlebt hat - all dies setzt bei Thomas eine Veränderung seiner Gedanken, seines Verhaltens in Gang, dass ihn unaufhörlich immer weiter in den Abgrund zieht...... Das Buch ist kein einfaches Buch. Es fordert den Leser heraus, sich auf diese Geschichte einzulassen. Es ist kein Spannungsroman, sondern ein Roman, der so viele Ereignisse, so viele Veränderungen so genau beschreibt, dass man als Leser das Gefühl hat, selber in der Haut von Thomas, aus dessen Sicht erzählt wird, zu stecken. Grandios aus meiner Sicht ist, wie gut die Autorin diese Veränderungen, die Thomas durchlebt, realistisch und vor allem nachvollziebhar erzählt. Es ist ein schleichender Prozess, der nicht nur ihn, sondern durch ihn auch seine Lebensgefährtin, seine Familie und seine Freunde betrifft. Durch die Beschreibungen, die gut gesetzten Dialoge und Ereignisse, die sich immer weiter dramatisieren, die immer wieder härter und agressiver werden, fühlt man sich auf dieser Abwärtsspirale wie in der ersten Reihe. Das besondere darin ist, dass die Autorin Naja Marie Aidt die Protagonisten so gut skizzieren kann. Vor allem voran natürlich Thomas, dessen Innenleben wir beobachten können. Aber auch die anderen Patricia, Jenny, seine Nichte Alice und weitere Verwandte, sein Freund und Kollege Maloney, sie alle werden in diesem Buch lebendig - sie sind und bleiben keine starren Figuren, sondern verändern sich, entwickleln sich. Dies zu beschreiben, so dass es so echt wirkt, ist eine Kunst. Fazit: Sehr gut beschriebener Roman über die Auswirkungen von Vergangenheit gepaart mit Kurzschlusshandlungen, über große Gefühle wie Eifersucht, Liebe und Freundschaft. Was verändert einen Menschen ? Wie weit wird er getrieben von seinen eigenen Gefühlen und Wünschen ? Wie weit nimmt er in Kauf andere zu verletzen - und wie weit kann er sich dabei einreden, dass alles nur zum Besten geschieht ? Der Roman von Naja Marie Aidt erzählt die Entwicklung eines Menschen, dessen Abwärtsspirale ihn immer tiefer nach unten zieht....

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Thomas und Jennys Vater ist gestorben. Eigentlich sind sie erleichtert, das Verhältnis war schlecht, gekümmert hat er sich nie und ein Verbrecher war er dazu, die letzte Zeit seines Lebens saß er im Knast. Doch die erhoffte Erleichterung stellt sich nicht ein. Ein letztes Mal gehen sie in die elterliche Wohnung, Jenny will unbedingt den Toaster mitnehmen, der sie an die guten Zeiten der Kindheit erinnert. Doch das Gerät ist scheinbar kaputt. Als Thomas ihn auseinanderbaut, findet er die Beute des letzten Raubzugs seines Vaters. Er behält das Geld und verschweigt seiner Schwester und seiner Freundin Patricia den Fund. Doch an dem unverhofften Geldsegen klebt Pech und Thomas muss mit ansehen, wie sein geordnetes bürgerliches Leben, in das er sich als dem Sumpf gerettet hat, nach und nach bedroht wird und schließlich zusammenbricht. Naja Marie Aidts Roman beschreibt den Niedergang in aller Eindringlichkeit und facettenreich. Es sind nicht die Handlungen, das Geschehen, die ihren Roman bestimmen, sondern die Menschen mit ihren Wesenszügen und Schwächen. Im Zentrum Thomas. Mit seinem Freund hat er einen Schreibwarenladen. Er hat den sozialen Aufstieg geschafft, es zu etwas gebracht, sich von seinem Vater und der Kriminalität seiner Kindheit distanziert. Der Fund des Geldes weckt jedoch eine Gier in ihm und bringt das zum Vorschein, was er hinter sich lassen wollte. Nicht kalkuliert hatte er, was dieses kleine Verbrechen mit ihm und seiner Umwelt macht. Er wird misstrauisch, vermutet Betrug hinter allen Handlungen seiner Mitmenschen, vertraut nicht mehr. So zerstört er nach und nach alle Beziehungen und gefährdet sich und andere. Vor allem seine Freundin Patricia. Ist die Beziehung zu Beginn des Romans fragil, werden die Risse im Laufe der Geschichte immer deutlicher. Leidet Thomas eher unbewusst, wird sie physisch wie psychisch zum Opfer. Auch das Verhältnis der Geschwister zueinander ist nicht geprägt durch Verbundenheit ob des gemeinsam erlebten Leidens. Mit leichter Verachtung straft Thomas Jenny immer wieder, diese ist schwach, hat den Aufstieg nicht im selben Maße geschafft wie ihr Bruder und zudem in der Kindererziehung versagt. Doch mehr und mehr kehrt sich dieses Verhältnis um, Jenny findet ihren Weg, wirkt zunehmend selbstsicher und autonomer und kann sogar eine funktionierende Beziehung aufbauen während Thomas dazu immer weniger in der Lage scheint. „Schere, Stein, Papier“ – ein passender Titel. Immer wieder stehen sich im Roman zwei Figuren gegenüber, die vor eine Entscheidung gestellt werden und deren Kampf ein scheinbar offenes Ende hat. Beide können gewinnen, sie taktieren, versuchen das Gegenüber zu durchschauen, um so die Oberhand zu gewinnen. Jede Handlung beeinflusst unbewusst jedoch die darauf folgende – wie auch jede Erfahrung das weitere Agieren eines Menschen bewusst oder unbewusst beeinflusst. Nichts ist völlig willkürlich im Leben und daher kann man sich auch nicht von dem lossagen, was man gerne ablegen möchte. Am Ende der Handlung muss Thomas sehen, dass er wieder zurückkehrt zu dem, was er verdrängt hatte und schließt so den Kreis.

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