Leserstimmen zu
Neujahr

Juli Zeh

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Krise am Ersten Ersten

Von: schiefgelesen

08.10.2019

Am Neujahrsmorgen quält Henning sich einen Steilanstieg auf Lanzarote hinauf. Das Fahrrad ist geliehen und schlecht geeignet, an Wasser hat er nicht gedacht und untrainiert ist er auch noch. Aber aufgeben will er auf gar keinen Fall. Überhaupt wollte er ja wieder mehr Fahrrad fahren, aber zu Hause kommt man ja nicht dazu. Der Job, die Frau, die Kinder. Henning und seine Frau haben beschlossen, die Kinder wirklich gleichberechtigt großzuziehen. Beide arbeiten Teilzeit, beide noch ein bisschen im Home Office. Sie erfolgreicher als er. Verzweifelt ist Henning bemüht, diese Verdienst-Diskrepanz über Leistung in Haushalt und Vatersein wett zu machen. Das alles stresst ihn so sehr, dass er seit einiger Zeit unter Panik-Attacken leidet. Tagsüber kann er das ganz gut überspielen, aber nachts leidet er Todesängste, wenn sein Herz sich verkrampft und er kaum mehr atmen kann. Der gemeinsame Urlaub auf den Kanaren sollte auch eine Flucht davor sein. Doch unverhofft holt ihn noch viel mehr ein als nur die familiäre Krise. Wie auch schon in "Nullzeit" fand ich beeindruckend, wie es Juli Zeh gelingt, die körperliche Beklemmung einer Situation in Worte zu fassen. Man leidet wirklich sehr mit Henning, während er sich an diesem Berg abstrampelt, nicht aufgeben will, aber dem Wind kaum mehr etwas entgegensetzen kann. Man spürt die ungläubige Verzweiflung und das Reißen in den Oberschenkeln, das Brennen in der Lunge. Auch die Geschichten, die Henning nur erinnert, während er auf dem Fahrrad sitzt, werden beeindruckend geschildert. "Neujahr" ist ein knapper, überzeugender und sehr lesbarer Roman.,Am Neujahrsmorgen quält Henning sich einen Steilanstieg auf Lanzarote hinauf. Das Fahrrad ist geliehen und schlecht geeignet, an Wasser hat er nicht gedacht und untrainiert ist er auch noch. Aber aufgeben will er auf gar keinen Fall. Überhaupt wollte er ja wieder mehr Fahrrad fahren, aber zu Hause kommt man ja nicht dazu. Der Job, die Frau, die Kinder. Henning und seine Frau haben beschlossen, die Kinder wirklich gleichberechtigt großzuziehen. Beide arbeiten Teilzeit, beide noch ein bisschen im Home Office. Sie erfolgreicher als er. Verzweifelt ist Henning bemüht, diese Verdienst-Diskrepanz über Leistung in Haushalt und Vatersein wett zu machen. Das alles stresst ihn so sehr, dass er seit einiger Zeit unter Panik-Attacken leidet. Tagsüber kann er das ganz gut überspielen, aber nachts leidet er Todesängste, wenn sein Herz sich verkrampft und er kaum mehr atmen kann. Der gemeinsame Urlaub auf den Kanaren sollte auch eine Flucht davor sein. Doch unverhofft wird er noch mit viel mehr als dem familiären Stress konfrontiert. Wie auch schon in "Nullzeit" fand ich beeindruckend, wie es Juli Zeh gelingt, die körperliche Beklemmung einer Situation in Worte zu fassen. Man leidet wirklich sehr mit Henning, während er sich an diesem Berg abstrampelt, nicht aufgeben will, aber dem Wind kaum mehr etwas entgegensetzen kann. Man spürt die ungläubige Verzweiflung und das Reißen in den Oberschenkeln, das Brennen in der Lunge. Auch die Geschichten, die Henning nur erinnert, während er auf dem Fahrrad sitzt, werden beeindruckend geschildert. "Neujahr" ist ein knapper, überzeugender und sehr lesbarer Roman.

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Neujahr von Juli Zeh Inhalt: Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon. Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier in Femés. Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen - etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwo in den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute. Meine Meinung: Juli Zeh hat wie immer einen gewaltigen Roman geschrieben. Sie schildert Kindheitstraumata, die Einfluss auf das Erwachsenenleben und die Psyche des Menschen. Dabei verflechtet sie die menschlichen Abgründe, Macht, Hilflosigkeit, psychische Krankheit und die Gesellschaftsform eindrucksvoll und schildert die Nöte und Ängste vieler Menschen in unserem gesellschaftlichen Hamsterrad. Immer höher, schneller, weiter, besser als alle Anderen, doch zu welchem Preis? Das schildert Juli Zeh eindrucksvoll und zugleich tief berührend, nicht zuletzt durch ihren grandiosen Schreibstil und die klar beschriebenen Protagonisten. Letztendlich besinnt sie den Leser dazu auf seine eigene psychische Gesundheit zu achten und achtsam mit sich selbst umzugehen. Eine Meinung zu diesem Buch zu schreiben, die nichts vom Inhalt verrät ist schwer. Ich kann so viel sagen: Das Buch regt zum Nachdenken an und bleibt unheimlich lange im Kopf des Lesers. Es ist durchaus keine leichte Lektüre und sollte nur von Menschen gelesen werden, die sich nicht gerade in einer psychischen Krise befinden. Es ist unheimlich verstörend und zeitgleich außergewöhnlich. Juli Zeh trifft ein brisantes Thema und beschreibt es dermaßen treffend. Einfach ein Buch, was nachhaltig wirkt.

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Während eines Urlaubs auf Lanzarote begibt sich Henning am Neujahrsmorgen mit dem Fahrrad auf den Weg nach Femés. Sehr unprofessionell ausgestattet, ohne jegliche Verpflegung, mit dem Wetter und dem steilen Anstieg kämpfend, denkt er über sein Leben nach. Er hat alles, was man sich wünschen kann: Eine intakte Beziehung, zwei Kinder und einen guten Job. Doch seine derzeitige Lebenssituation und die neue Rollenverteilung überfordert ihn. Immer wieder wird er von Panikattacken heimgesucht, die ihn an seinem Verstand zweifeln lassen. Als er völlig entkräftet das Bergdorf erreicht, fühlt er sich in seine Kindheit zurückversetzt und muss sich mit dramatischen Erinnerungen auseinandersetzen, die sein ganzes Leben geprägt haben… Mit ihrem sehr kurzen Neuling „Neujahr“ hat Juli Zeh eine schockierende, verstörende und sehr aufwühlende Geschichte geschrieben. In ihrem gewohnt klaren Stil versteht sie es, eine fast unerträgliche Spannung mit der notwendigen Tiefe zu schaffen. Trotz der Kürze dieses Romans werden die traumatischen Erlebnisse und schrecklichen Erinnerungen des Hauptprotagonisten äußerst intensiv geschildert. Man liest wie in Trance weiter und will unbedingt herausfinden, was mit Henning und seiner kleinen Schwester Luna geschehen ist. Was habe ich mit den beiden gefühlt und gelitten… Ein Alptraum, der noch lange nachhallt! Auch wenn dieser Roman für mich nicht an mein Lieblingswerk „Unterleuten“ heranreicht, beweist Juli Zeh dennoch mal wieder große Erzählkunst!

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Juli Zeh ist dafür bekannt, mit ihren Romanen gesellschaftlich virulente Probleme aufzugreifen und in zugespitzt konstruierten Versuchsanordnungen als Gesprächsstoff aufzubereiten. Das zumindest gelingt ihr auch mit ihrem jüngsten Buch Neujahr hervorragend. Reden wir also von Überforderung. Passt ja irgendwie perfekt in die Zeit. Reden wir von dem permanenten Zwang zur guten Performance, von Leistungsdruck und der Erwartung, funktionieren zu müssen, reden wir auch von emotionaler Leere und dem Gefühl, an der Oberfläche auf Betriebstemperatur herunterzukühlen, während darunter die Lava brodelt. Reden wir davon, dass wir uns die Fassade selbst nicht mehr abnehmen, dass uns nach Heulen und Schreien zumute ist und wir dennoch achselzuckend und mit einem leisen Lachen den Schwanz einklemmen. Dass wir weitermachen, weil wir nicht anders können. Reden wir von den Träumen auszusteigen und uns selbst zu verwirklichen, reden wir auch von dem dummen Pflichtgefühl, der Verantwortung, den finanziellen Zwängen. All das steckt in dieser Geschichte von Henning und seiner Familie. Juli Zeh erzählt von einem überforderten Vater, der sich mit Theresa, seiner Frau zu gleichen Teilen Arbeit und Erziehung teilt. Damit trifft sie bei mir so einige wunde Punkte. Die Tretmühle des Alltags, die von früh bis spät kein Halten kennt, der permanente Wechsel zwischen Familienleben und Arbeitsrealität, manchmal nur zwei Wischbewegungen auf dem Smartphone voneinander entfernt, das Gefühl, in beidem nicht sonderlich zu brillieren, sondern sich mit Organisationstalent und viel Glück von Task zu Task zu improvidsieren, die ratternden Gedanken und das Gefühl der Unzulänglichkeit, das auch nachts nicht zur Ruhe kommt – hinlänglich bekannt. Auf den ersten Seiten nimmt mich Neujahr denn auch ziemlich mit. Vom "Funktionieren" und anderen Katastrophen Henning lebt, so heißt es, im ständigen Gefühl, es stünde eine Katastrophe bevor. ... Sein Leben gleicht einer Flucht, er kann nichts zu Ende bringen, hat für nichts richtig Zeit. Dabei funktionieren Theresa und er als Paar richtig gut, glaubt Henning. Nun haben sie über den Jahreswechsel ein Haus auf Lanzarote gemietet, wo sie zusammen mit ihren Kindern einen – je nach Perspektive – ziemlich katastrophalen Urlaub verbringen. Während Henning am Neujahrsmorgen in die Pedalen tritt, um sich, dem Wind entgegen, den Berg hinauf nach Femés zu arbeiten, endlich raus, endlich allein, aus einer Tretmühle in die andere, beschäftigen sich seine Gedanken mit dem Leben zuhaus und dem so ziemlich gescheiterten Urlaub auf der Insel. So langsam wird deutlich: Alles scheint irgendwie zu funktionieren, ja – eigentlich aber fehlt oft die Kraft, noch öfter die Liebe, und Henning wird von einem dunklen Leiden verfolgt, das für schlaflose Nächte sorgt. Der zeitweilige Ausstieg, natürlich selbst auch schon wieder eine extreme Form der Überforderung, führt, man ahnt es schon, hinein das dunkle Zentrum aller Probleme. Ich klettere schon wieder auf einen Berg, denkt Henning. Was ist bloß mit mir los. Ein Sisyphos ohne Stein. Grenzen der Versuchsanordnung Es sind nicht die Klischees in der Familienkonstellation, die mich stören. Klischees können auch Dinge verdeutlichen. Juli Zeh nimmt in ihrem Roman ja auch ein klischeehaftes, aber durchaus allgegenwärtiges gesellschaftliches Rollenbild aufs Korn (junges Paar, Kernfamilie, Vertreter der kreativ arbeitenden Klasse). Allerdings gelingt es ihr nicht so recht, das Rollenbild zu brechen oder den Figuren eine Tiefe zu geben. Mit Ausnahme vielleicht von Henning und seiner (im 2. Teil eine größere Rolle spielenden) Schwester bleiben die Figuren Abziehbilder. Fast scheint es, als hätte es Zeh darauf angelegt, den stereotypen Figuren ihre Individualität zu verweigern, um sie umso allgemeingültiger wirken zu lassen. Schon die gleichförmige, wenig individuelle Sprache der Kinder wie der Erwachsenen führt schnell zu Ermüdungserscheinungen. Während sich Henning den Berg hinaufkämpft, mehren sich noch dazu die Zeichen, dass hier irgendetwas ganz mächtig faul ist; so zieht sich der Anstieg nicht nur in die Länge, mit jeden Höhenmeter schlägt die Autorin auch immer wieder neue Wegweiser in die Landschaft, die überdeutlich und unübersehbar das Kommende ankündigen. Was folgt, ist irgendwann derart vorhersehbar, dass man als Leser nur darauf wartet, dass es endlich auch kommt. Einfache Antworten auf komplexe Probleme Auf dem höchsten Punkt angelegt, steigt Henning hinab in die Tiefen der Erinnerung. Der zweite Teil von Neujahr schildert eine (vergessene) Schlüsselepisode aus seiner Kindheit. Zeh belohnt ihren Protagonisten für seine aufopferungsvolle Bergtour damit, dass sie ihm das größte Geheimnis seines Lebens, die vermeintliche Ursache (all?) seiner Probleme, offenbart – inklusive Lösungsperspektive für die Situation zuhause. Dieser Kurzschluss ist – neben der mit Kontrasten, Metaphern und Analogien überdeutlichen Konstruktion des Romanes – das eigentlich Ägerliche an diesem Buch, das zwei in sich durchaus spannende Erzählungen bietet, aufgeladen mit Symbolik, merkwürdig surreal in ihrer Zuspitzung. Doch wie die eine Erzählung die andere erklären und begründen soll, das ist mir, tut mir leid, doch um einiges zu viel bzw. zu wenig. Angesichts des von der Autorin aufgeworfenen Problems, dem sicherlich nicht nur ich so einiges abgewinnen kann, ist umso irritierender, wie die Überforderung des Individuums, die Suche nach Glück (so der Titel eines Gedichtbandes von Michel Houellebecq, der thematisch gar nicht so weit entfernt ist) und die zu erwartende Enttäuschung auf eine Episode in der Kindheit zurückgeführt wird, die fortan als Trauma das Leben des Protagonisten prägt. Heruntergebrochen: wir sind heute alle so dauererschöpft, können aus dem zwanghaften Verhalten als Helicopter-Eltern, Vorzeige-Papas und erfolgreiche Selbstunternehmer deshalb nicht heraus, weil unsere Eltern uns in entscheidenden Situationen uns selbst überlassen haben. Die erfahrene Lieblosigkeit kompensieren wir mit Liebe bis zur Selbstaufgabe. Dreißig Jahre hat er auf einem unterirdischen Speicher gelebt, auf seiner Höhle, verzweifelt bemüht, das Loch nicht zu sehen, durch das man hineinfallen kann. Einfache Antworten auf komplexe Probleme: am Ende fand ich Neujahr ziemlich enttäuschend. Oder, in der Sprache der Figuren ausgedrückt: Das Buch funktioniert, und darin erschöpft es sich.

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VORSICHT SPOILER!!! "Neujahr" : Der Roman einer Überforderung, eines Traumas und einfach sehr gute Literatur Ein Familienvater, zwei Kinder, Erinnerungen, ein Urlaub auf Lanzarote. Die Geschichte und der Rahmen sind einfach in Juli Zehs neuem Roman „Neujahr". Es mag nicht übertrieben sein, dieses Buch als eines der persönlichsten und besten von Juli Zeh zu bezeichnen. Ein Roman den man in einem Zug liest ohne absetzen zu können. Der Protagonist Henning erklimmt mit seinem Fahrrad einen Berg, die Hitze, die Erinnerungen und Gedanken flirren durch seinen Kopf, sein Körper pulsiert, gebiert irgendwann sein Innerstes aus der Vergangenheit zum Vorschein. Juli Zeh beschreibt diese Bergfahrt sehr sinnlich, Gerüche alle Art werden evoziert, Ziegenherden am Wegesrand, vorbeifahrende Autos, ein unwirklich scheinender Hirte, der schon ahnen lässt dass etwas von jenseits der Gegenwart heraufdräut. Das ES, diffuse Angstzustände und Ahnungen aus der Vergangenheit, die weit mehr sind als ein auf das Freudsche ES reduzierte Unbewusste, holt Henning immer wieder ein und nimmt ihm den Atem. Seine Gedanken wandern zur jüngeren Vergangenheit, ein Restaurant Besuch mit Frau und Kindern in einem spanischen Restaurant am Tag zuvor. Seine Frau Theresa die er plötzlich hocherotisch mit einem französischen Gast eng umschlungen im Tanz sieht, - eine Szene, die später entscheidend seine Kindheitserinnerungen triggern soll. Dann sind wir wieder ganz mit Henning auf seinem Fahrrad, schwitzen mit, nähern uns langsam dem Gipfel des Berges. Und wieder schweift die Erinnerung ab, sie wandert zu den Großeltern seiner Kinder: Rolf und Marlies kommen zu Besuch aus Rom, pflügen in ganzer Egozentrik und Selbstverliebtheit durch die junge Familie, halten den schönen Schein einer gelungenen Enkel-Großeltern-Beziehung fest, um diesen dann zuhause in Rom fotografisch auf die Kommode zu bannen. Er fühlt sich an seine eigene Kindheit erinnert, als Trennungskind, überforderter älterer Bruder einer kleinen Schwester neben einer ebenfalls überforderten Mutter. Und wieder treten wir mit Henning zusammen in die Pedale seines Fahrrads, erleben zusammen mit ihm eine unfassbare Wut aufsteigen. Und dann erreicht Henning den Gipfel des Berges und ein alleinstehendes Haus. Er wird kurz bewusstlos, sein Unbewusstes meldet sich mit einer lange vergessenen Geschichte aus seiner Kindheit zu Wort. Henning kennt dieses Haus. Drei Tage haben ihn hier damals allein mit seiner kleinen Schwester Luna ans Haus gefesselt, die Eltern waren unter dramatischen Umständen verschwunden, - nicht der Mörder aber der Verführer war diesmal der Gärtner. Henning hatte ihn in flagranti mit seiner Mutter ertappt. Und dann entfaltet sich vor seinem inneren Auge das ganze Drama dieses Ausgeliefertseins, die Unfähigkeit sich allein zu versorgen, seine kleine Schwester zu versorgen, die Ordnung beizubehalten. Die Beschreibung der Abhängigkeit und Hilflosigkeit der kleinen Schwester ist so plastisch dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Alles ist ans Licht gekommen, es ist Neujahr. Zum Glück endet dieser Roman nicht mit einem platten Happy end, das ES hört nicht plötzlich auf, Henning zu quälen. Nein, viel weiser und reifer ist das Ende: Henning will und muss die Beziehung zu seiner Schwester Luna, die bislang immer die Kleine und Hilfsbedürftige blieb bis ins Erwachsenenalter, neu definieren. Er muss ihr seine Helfer Rolle aufkündigen. Er weist ihr die Tür. Und gerade die letzten beiden Seiten des Romans, in dem dieser langsame Abschied beschrieben wird, ist Juli Zeh unglaublich gut gelungen. Feine literarische dicht gewebte Atmosphäre, kristallklar und langsam. Juli Zeh ist mit diesem Roman ein brillantes Stück Literatur gelungen.

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Henning verbringt mit seiner Frau Theresa und seinen beiden Kindern im Kindergartenalter (2 und 4 Jahre) seinen Weihnachtsurlaub auf Lanzarote. Am Neujahrstag beschließt er für sich mit dem geliehenen Mountainbike eine Radtour zu machen. Während der Anstrengung des Fahrens und dem Kampf gegen den Wind, kommen ihm so manche Gedanken und Erinnerungen in den Sinn. Seine Frau und er arbeiten Teilzeit, damit sich beide um die Kinder kümmern können. Theresa arbeitet viel von zu Hause und zieht sich deshalb gerne in ihr Home Office zurück. Henning arbeitet praktisch genau so viel wie vor den Kindern und verdient das Gehalt der Teilzeitkraft. Dafür darf er sich dann in seiner „Freizeit“ sehr intensiv um seine Kinder kümmern. Er fühlt sich ausgelaugt und ist unzufrieden mit seinem Dasein. Zu allem Überfluss plagen ihn auch noch Angstzustände und Panikattacken. Das alles und noch viel mehr geht ihm beim Fahrradfahren am Neujahrstag durch den Kopf. Erster-Erster … Das Buch von Juli Zeh ist klasse. Erstmal die Wahnsinns Beschreibungen von Lanzarote. Jedes Haus und jede Pflanze wird beschrieben. Die Landschaft mit Palmen, Kakteen und Bougainvilleen. Da ich Lanzarote sehr liebe, sehe ich all die Dinge vor mir und weiß genau an welchem Ort sich Henning und seine Familie gerade befinden (Puerto del Carmen, Playa Blanca …). Das alles wird von der Autorin sehr detailliert beschrieben. Auch die Panikattacken von Henning erläutert sie sehr anschaulich. Genau wird dargestellt wann „ES“ (so bezeichnet er seine Angstzustände) auftaucht und wie es sich auswirkt. „ Es beginnt mit einem Brennen im Zwerchfell, wie eine Mischung aus Lampenfieber und Flugangst. Sein Herz fängt an zu rasen, dann zu stolpern. Hennings Körper und Geist geraten außer Kontrolle. Manchmal weckt ES ihn mitten in der Nacht. Er fährt dann aus dem Schlaf und bekommt keine Luft …“ – einfach grandios erzählt. Die Doppelbelastung von Arbeit, Kinder und Haushalt belasten ihn sehr. Er kann nichts zu Ende bringen, hat für nichts richtig Zeit … Auch im Urlaub kann er nicht abschalten. Henning versucht sich beim Radfahren zu entspannen. Dort ist er mit sich selbst alleine. „Eine schmale Schneise zwischen Beruf und Familie.“ Erster-Erster Seine Gedanken rasen durch seinen Kopf … Und plötzlich kommt Henning alles so bekannt vor. Es fühlt sich für ihn an, als ob er schon einmal dort war … Erinnerungen kommen bruchstückhaft auf … Und dann wird es schrecklich. Seine Flashbacks sind unfassbar. Das Erlebte ist erschreckend, Wahnsinn, Horror … Fazit: Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass dies mein erster Roman von Juli Zeh ist. Und ich bin begeistert. Begeistert von Schreibstil, den detaillierten, eindrucksvollen Beschreibungen und dem tiefsinnigen Thema. Sicher wegen seiner Intensität und Tiefenpsychologie nicht für Jedermann der passende Lesestoff, aber ich bin restlos begeistert. 5 Sterne !!!

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Hier schliesst sich ein Kreis - ich lese das Verschwinden der Eltern als Metapher für das Verschwinden des Staates als verlässliches Regelwerk. Dies ist fester Bestandteil der ostdeutschen Lebenserfahrung meiner Generation. Hennings am 5. Februar 2016 einsetzende posttraumatische Belastungsstörung schlägt die Brücke zu den 1980ern, als Gundermann in der DDR-Endphase dichtete: "Der Wohnblock liegt am Abend Wie ein böses Tier Wo sie zu Hause sind Der Sprechfunk ruft nach ihnen Doch sie bleiben hier Der Wohnblock spuckt sie in Den kalten Wind Wo sie zu Hause sind Ab und zu nur sieht noch Einer frierend hin" Mit "Neujahr" fängt Juli Zeh dieses Gefühl ein und zeigt leider seine Aktualität auch und gerade in den "alten" Ländern - und dass in den 1980ern das "Fliehen in die warmen Länder" auch keine Lösung war! Vielen Dank dafür

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Henning hatte von großen weißen Villen geträumt, gereicht hat es nur für einen Urlaub in einer schmalen Ferienwohnung, dem 'Scheibenhaus'. An Silvester hofft er auf einen romantischen Abend, aber seine Frau Theresa flirtet heftig mit einem anderen. Mit einer Fahrradtour auf den Berg von Fémes muss Henning sich am nächsten Morgen Luft verschaffen. Untrainiert bricht er am Gipfel zusammen, gleitet er in einen Dämmerzustand zwischen Traum und Realität und erinnert sich an die große Tragödie, die er als Kind hier erlebt hat. An dieser Stelle zerfällt auch das Buch in zwei Teile. Henning erinnert sich an ein frühkindliches Drama, die Eltern waren wie vom Erdboden verschwunden und er kämpfte verzweifelt um das Leben seiner Schwester. Der Roman ist spannend erzählt, aber die Verbindung der beiden Erzählstränge ist ausgesprochen holprig. Das Dé­jà-vu wirkt bemüht, das kindliche Trauma als Erklärung für spätere Panikattacken ein wenig zu simpel.

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