Leserstimmen zu
Neujahr

Juli Zeh

(29)
(12)
(7)
(0)
(0)
€ 20,00 [D] inkl. MwSt. | € 20,60 [A] | CHF 28,90* (* empf. VK-Preis)

Juli Zeh ist dafür bekannt, mit ihren Romanen gesellschaftlich virulente Probleme aufzugreifen und in zugespitzt konstruierten Versuchsanordnungen als Gesprächsstoff aufzubereiten. Das zumindest gelingt ihr auch mit ihrem jüngsten Buch Neujahr hervorragend. Reden wir also von Überforderung. Passt ja irgendwie perfekt in die Zeit. Reden wir von dem permanenten Zwang zur guten Performance, von Leistungsdruck und der Erwartung, funktionieren zu müssen, reden wir auch von emotionaler Leere und dem Gefühl, an der Oberfläche auf Betriebstemperatur herunterzukühlen, während darunter die Lava brodelt. Reden wir davon, dass wir uns die Fassade selbst nicht mehr abnehmen, dass uns nach Heulen und Schreien zumute ist und wir dennoch achselzuckend und mit einem leisen Lachen den Schwanz einklemmen. Dass wir weitermachen, weil wir nicht anders können. Reden wir von den Träumen auszusteigen und uns selbst zu verwirklichen, reden wir auch von dem dummen Pflichtgefühl, der Verantwortung, den finanziellen Zwängen. All das steckt in dieser Geschichte von Henning und seiner Familie. Juli Zeh erzählt von einem überforderten Vater, der sich mit Theresa, seiner Frau zu gleichen Teilen Arbeit und Erziehung teilt. Damit trifft sie bei mir so einige wunde Punkte. Die Tretmühle des Alltags, die von früh bis spät kein Halten kennt, der permanente Wechsel zwischen Familienleben und Arbeitsrealität, manchmal nur zwei Wischbewegungen auf dem Smartphone voneinander entfernt, das Gefühl, in beidem nicht sonderlich zu brillieren, sondern sich mit Organisationstalent und viel Glück von Task zu Task zu improvidsieren, die ratternden Gedanken und das Gefühl der Unzulänglichkeit, das auch nachts nicht zur Ruhe kommt – hinlänglich bekannt. Auf den ersten Seiten nimmt mich Neujahr denn auch ziemlich mit. Vom "Funktionieren" und anderen Katastrophen Henning lebt, so heißt es, im ständigen Gefühl, es stünde eine Katastrophe bevor. ... Sein Leben gleicht einer Flucht, er kann nichts zu Ende bringen, hat für nichts richtig Zeit. Dabei funktionieren Theresa und er als Paar richtig gut, glaubt Henning. Nun haben sie über den Jahreswechsel ein Haus auf Lanzarote gemietet, wo sie zusammen mit ihren Kindern einen – je nach Perspektive – ziemlich katastrophalen Urlaub verbringen. Während Henning am Neujahrsmorgen in die Pedalen tritt, um sich, dem Wind entgegen, den Berg hinauf nach Femés zu arbeiten, endlich raus, endlich allein, aus einer Tretmühle in die andere, beschäftigen sich seine Gedanken mit dem Leben zuhaus und dem so ziemlich gescheiterten Urlaub auf der Insel. So langsam wird deutlich: Alles scheint irgendwie zu funktionieren, ja – eigentlich aber fehlt oft die Kraft, noch öfter die Liebe, und Henning wird von einem dunklen Leiden verfolgt, das für schlaflose Nächte sorgt. Der zeitweilige Ausstieg, natürlich selbst auch schon wieder eine extreme Form der Überforderung, führt, man ahnt es schon, hinein das dunkle Zentrum aller Probleme. Ich klettere schon wieder auf einen Berg, denkt Henning. Was ist bloß mit mir los. Ein Sisyphos ohne Stein. Grenzen der Versuchsanordnung Es sind nicht die Klischees in der Familienkonstellation, die mich stören. Klischees können auch Dinge verdeutlichen. Juli Zeh nimmt in ihrem Roman ja auch ein klischeehaftes, aber durchaus allgegenwärtiges gesellschaftliches Rollenbild aufs Korn (junges Paar, Kernfamilie, Vertreter der kreativ arbeitenden Klasse). Allerdings gelingt es ihr nicht so recht, das Rollenbild zu brechen oder den Figuren eine Tiefe zu geben. Mit Ausnahme vielleicht von Henning und seiner (im 2. Teil eine größere Rolle spielenden) Schwester bleiben die Figuren Abziehbilder. Fast scheint es, als hätte es Zeh darauf angelegt, den stereotypen Figuren ihre Individualität zu verweigern, um sie umso allgemeingültiger wirken zu lassen. Schon die gleichförmige, wenig individuelle Sprache der Kinder wie der Erwachsenen führt schnell zu Ermüdungserscheinungen. Während sich Henning den Berg hinaufkämpft, mehren sich noch dazu die Zeichen, dass hier irgendetwas ganz mächtig faul ist; so zieht sich der Anstieg nicht nur in die Länge, mit jeden Höhenmeter schlägt die Autorin auch immer wieder neue Wegweiser in die Landschaft, die überdeutlich und unübersehbar das Kommende ankündigen. Was folgt, ist irgendwann derart vorhersehbar, dass man als Leser nur darauf wartet, dass es endlich auch kommt. Einfache Antworten auf komplexe Probleme Auf dem höchsten Punkt angelegt, steigt Henning hinab in die Tiefen der Erinnerung. Der zweite Teil von Neujahr schildert eine (vergessene) Schlüsselepisode aus seiner Kindheit. Zeh belohnt ihren Protagonisten für seine aufopferungsvolle Bergtour damit, dass sie ihm das größte Geheimnis seines Lebens, die vermeintliche Ursache (all?) seiner Probleme, offenbart – inklusive Lösungsperspektive für die Situation zuhause. Dieser Kurzschluss ist – neben der mit Kontrasten, Metaphern und Analogien überdeutlichen Konstruktion des Romanes – das eigentlich Ägerliche an diesem Buch, das zwei in sich durchaus spannende Erzählungen bietet, aufgeladen mit Symbolik, merkwürdig surreal in ihrer Zuspitzung. Doch wie die eine Erzählung die andere erklären und begründen soll, das ist mir, tut mir leid, doch um einiges zu viel bzw. zu wenig. Angesichts des von der Autorin aufgeworfenen Problems, dem sicherlich nicht nur ich so einiges abgewinnen kann, ist umso irritierender, wie die Überforderung des Individuums, die Suche nach Glück (so der Titel eines Gedichtbandes von Michel Houellebecq, der thematisch gar nicht so weit entfernt ist) und die zu erwartende Enttäuschung auf eine Episode in der Kindheit zurückgeführt wird, die fortan als Trauma das Leben des Protagonisten prägt. Heruntergebrochen: wir sind heute alle so dauererschöpft, können aus dem zwanghaften Verhalten als Helicopter-Eltern, Vorzeige-Papas und erfolgreiche Selbstunternehmer deshalb nicht heraus, weil unsere Eltern uns in entscheidenden Situationen uns selbst überlassen haben. Die erfahrene Lieblosigkeit kompensieren wir mit Liebe bis zur Selbstaufgabe. Dreißig Jahre hat er auf einem unterirdischen Speicher gelebt, auf seiner Höhle, verzweifelt bemüht, das Loch nicht zu sehen, durch das man hineinfallen kann. Einfache Antworten auf komplexe Probleme: am Ende fand ich Neujahr ziemlich enttäuschend. Oder, in der Sprache der Figuren ausgedrückt: Das Buch funktioniert, und darin erschöpft es sich.

Lesen Sie weiter

Henning hatte von großen weißen Villen geträumt, gereicht hat es nur für einen Urlaub in einer schmalen Ferienwohnung, dem 'Scheibenhaus'. An Silvester hofft er auf einen romantischen Abend, aber seine Frau Theresa flirtet heftig mit einem anderen. Mit einer Fahrradtour auf den Berg von Fémes muss Henning sich am nächsten Morgen Luft verschaffen. Untrainiert bricht er am Gipfel zusammen, gleitet er in einen Dämmerzustand zwischen Traum und Realität und erinnert sich an die große Tragödie, die er als Kind hier erlebt hat. An dieser Stelle zerfällt auch das Buch in zwei Teile. Henning erinnert sich an ein frühkindliches Drama, die Eltern waren wie vom Erdboden verschwunden und er kämpfte verzweifelt um das Leben seiner Schwester. Der Roman ist spannend erzählt, aber die Verbindung der beiden Erzählstränge ist ausgesprochen holprig. Das Dé­jà-vu wirkt bemüht, das kindliche Trauma als Erklärung für spätere Panikattacken ein wenig zu simpel.

Lesen Sie weiter

Inhalt: Juli Zeh nimmt uns in ihrem Roman "Neujahr", der 2018 erschien, mit auf einen Familienurlaub auf Lanzarote, der für den Protagonisten zu einer Reise in die Vergangenheit wird. Meine Meinung: Zuerst: Ich habe erst dieses Jahr (2018) Juli Zeh für mich entdeckt, als ich ihren Roman "Unterleuten" gelesen habe. Schon bei Unterleuten ging es mir so, dass ich das Buch nicht in einem Stück lesen konnte. Ich musste zwischendrin Pausen einlegen, das Buch eine Weile Ruhen lassen, dann konnte ich erst weiter lesen. Ich dachte bei Unterleuten, dass das an der Dicke des Buches läge - aber bei Neujahr ging es mir genauso. Juli Zeh ist für mich keine Autorin, die man einfach mal so zwischendurch in einem Aufwasch lesen kann. Juli Zeh ist langsam, aber beständig. "Neujahr" gefällt mir vom Setting her sehr gut. Lanzarote. Ganz speziell ein einsames Haus bei Lanzarote. Ein Haus, dass bei dem Protagonisten eine Welle von verdrängten Erinnerungen hervorruft. Das mit dem Gedächtnis ist ja immer so eine Sache. Es ist sehr gut darin schlechte Erinnerungen so weit zu verdrängen, dass wir uns wirklich nicht mehr daran erinnern. Erst durch eine gewisse Kombination aus Umwelteinflüssen kommen diese verborgenen Erinnerungen erst wieder hoch. Dieses Phänomen zeigt sich auch besonders häufig bei Soldaten, die sich an besonders schwere Dige aus dem Krieg nicht mehr erinnern. Dies wir zum Beispiel in dem Film "Walz with Bashir" von Ari Folman thematisiert. Ähnlich ist es in dem Roman von Juli Zeh. Hier ist es allerdings kein Trauma aus dem Krieg, sondern eines aus der Kindheit. Es ist sehr interessant zu lesen, wie immer mehr Details herauskommen und trotzdem weiß man die ganze Zeit nicht welche Erinnerungen wirklich stimmen. Im Laufe des Buches wird einiges klarer und der Protagonist verändert sich auch dadurch, dass ihm so vieles wieder einfällt. Vor allem diese Entwicklung hat mich fasziniert. Ich denke, dass Buch ist sehr geeignet für jeden, der mit den Büchern von Jui Zeh gut zurecht kommt. Als Einstieg in ihre Literatur würde ich es aber nicht unbedingt empfehlen. Ich hätte mir an manchen Stellen noch mehr gewünscht und vor allem das Ende kam mir einfach zu abrupt. Es sind noch Fragen offen, die ich gerne geklärt gehabt hätte. Trotzdem ist "Neujahr" ein lesenswerter Roman!

Lesen Sie weiter

Trauma

Von: Constanze Matthes

08.12.2018

Lanzarote: Die trockene und karge Vulkaninsel im Atlantik mit ihren schwarzen Stränden und Bergmassiven ist Ziel vieler Touristen. Henning, seine Frau Theresa und die beiden gemeinsamen Kinder Jonas und Bibbi zieht es ebenfalls auf das spanische Eiland. Die Familie verbringt die Tage des Jahreswechsels auf der kanarischen Insel. Doch für den jungen Mann wird es alles andere als ein erholsamer Urlaub, weil diese Reise in die Ferne nicht nur die Disharmonie des Paares offenlegt. Er wird während einer Radtour hinauf in die Berge konfrontiert mit einer düsteren Episode aus seiner Kindheit, an die er sich bis zu jenem Tag nicht erinnert. All das geschieht zu Neujahr, dem besonderen Tag, der dem neuen Roman von Juli Zeh auch seinen Namen gibt. Nach einer feuchtfröhlichen Silvesterfeier schwingt sich Henning auf das Rad. Allerdings bemerkt er früh, dass er sich für die Tour nur ungenügend vorbereitet hat. Weder hat er an Wasser gedacht, noch dass das Rad eigentlich viel zu schwer für eine Bergetappe ist. Von der billigen Radlerhose ganz zu schweigen. Allerdings bleibt es in diesem ersten Teil des Romans nicht dabei, dass der Erzähler nur den beschwerlichen Aufstieg schildert. Sehr komplex wird der Charakter des Helden und seine Rollen als Mann, Vater, großer Bruder, Sohn und Angestellter geschildert. Es ist ein psychologisches Porträt, das es in sich hat. Denn Henning ist nicht nur ein an sich Zweifelnder, ein mit sich Ringender, der überfordert zu sein scheint, in seinem Anspruch, in allen Bereichen zu funktionieren. Er verdient weniger als seine Frau, seine Aufgaben im Verlag, in dem er halbtags arbeitet, erfüllt er nicht mehr zufriedenstellend, er kümmert sich um Haushalt und die Kinder. Doch darüber hinaus quälen ihn fürchterliche Angst-Attacken, im Roman nach freudscher Manier „ES“ genannt, die sich körperlich wie seelisch zeigen. Was der mögliche, vor allem unbewusste Grund dieses Leidens ist, wird in einem zweiten Teil geschildert, der sich aus jenen verlorenen gegangenen Erinnerungen speist. Auslöser ist Hennings Besuch eines Künstlerhauses hoch oben auf dem Berg. Es sind Dinge, die ihm das Gefühl geben, hier schon einmal gewesen zu sein. Allen voran bemalte Steine, die er von seiner Mutter kennt. Er findet sich wieder an einem Zeitpunkt in der Kindheit, als ein Urlaub auf Lanzarote in eben jenem Haus ein nahezu fürchterliches Ende nahm, er mit seiner kleinen Schwester Luna für eine gewisse Zeit allein auf sich gestellt war. Zwei Kinder, die nach Nahrung und Wasser suchen, die Angst haben vor den unzähligen Spinnen an der Hauswand, der tiefen Zisterne, wobei der ältere Bruder die Verantwortung für seine kleine Schwester übernehmen muss. Es ist dieser Rückblick, der sehr an den Nerven zehrt, der spannend ist, eine ungeheure Sogwirkung entfaltet, aber fast wieder zu ausführlich wirkt und aus einer Kinder-Perspektive heraus erzählt wird, die keine richtige ist. Dieser Part und die Komplexität des ersten Teils, der Beobachtungen, Gedanken und Erinnerungen vereint, sind allerdings die beiden einzigen Besonderheiten, die ich als überaus gelungen empfand. Es gibt Seiten des auch symbolisch sehr aufgeladenen Romans, die mich indes in der Annahme bestärkten, dass Juli Zeh mit ihrem neuen Werk unter ihren Möglichkeiten geblieben ist. Denn bereits noch einigen Seiten wollte ich dieses schmale Buch wieder zuklappen und enttäuscht zur Seite legen. Vor allem die Sprache erschien mir wie flüchtig aufs Papier geworfen. Dabei bin ich durchaus ein Freund von kurzen, klaren Sätzen. Doch auch in diesen kann der Leser Poesie und Sprachgewandheit finden, in diesem Buch wird er danach indes lange vergeblich suchen. Zudem entstehen Fragen, die ungeklärt bleiben, an denen es beim Leser liegt, Antworten zu finden. Das kann eine schöne Lektüre-Aufgabe sein und zu regen Diskussionen führen, muss es aber nicht. Vor allem dann nicht, wenn sich Zweifel an der Logik auftun. Kann man sich mit einem Schlag in solch einer Genauig- und Ausführlichkeit an ein Trauma aus der Kindheit erinnern? Was hat es mit dieser ominösen SMS auf sich, die er von seiner Frau erhält und die es bei der Rückkehr nicht mehr gibt? Auch der Schluss am Ende des dritten Teils, der nach der Rückkehr vom Ankommen der Familie erzählt, ließ mich unbefriedigt und recht ratlos zurück wegen seiner resoluten und abrupten Weise. „Neujahr“ ist nicht der erste Roman der vielfach preisgekrönten Autorin, dessen Handlung auf Lanzarote spielt. Schon in ihrem 2012 erschienenem Werk „Nullzeit“ (Schöffling) siedelt Zeh das Geschehen auf der Kanaren-Insel an. Ist dieses neuere Werk vielleicht schon zu dieser Zeit nebenbei entstanden, eine Art Zwilling, der nun auf den Markt drängte, um nach dem großen Erfolg mit „Unterleuten“ Anschluss zu haben, um die noch bestehende Begeisterung zu nutzen? Dieser Roman über einen an sich zweifelnden Mann in der modernen Gesellschaft und ein unbewusstes Kindheitstrauma, das tief verborgen war und nun wie die Magma eines Vulkans hinaufsteigt, vereint zwar zwei sehr interessante Themen, vermag es allerdings nicht, vollkommen zu überzeugen. Was mich auch schmerzt, weil ich Zeh und ihr mannigfaltiges Schaffen sehr schätze.

Lesen Sie weiter

Henning, seine Frau Theresa und ihre beiden Kinder verbringen die Weihnachtstage und den Jahreswechsel auf Lanzarote. Henning, der von Panikattacken geplagt wird und der nicht recht zufrieden mit seinem Leben ist, hat sich vorgenommen, mehr Rad zu fahren und macht sich deshalb am Neujahrstag auf den Weg zum Pass von Fermés. Am Pass drängen sich plötzlich lange in Vergessenheit geratene Erinnerungen auf: Henning kennt den Ort, obwohl er sich anfangs nicht explizit daran erinnern kann, doch er reagiert sofort sehr emotional auf das Dorf und die Umgebung. Nach und nach kehren die Erinnerungen an seine frühe Kindheit zurück, und er denkt an die traumatischen Ereignisse, die er bisher verdrängt hat, die aber sein gesamtes Leben geprägt haben. So richtig anfreunden kann ich mich nicht mit Juli Zehs Schreib- und Erzählstil. Am besten fand ich bisher ihren Roman ‚Unterleuten‘, aber auch dieses Buch war mir oft zu schwafelig und stellenweise zu bemüht intellektuell. Wenn ich Zeh lese oder höre, ertappe ich mich immer dabei, dass ich mit meinen Gedanken abschweife, querlese oder weghöre. Und so war das auch bei ‚Neujahr‘, obwohl ich zugeben muss, dass ich den Roman im Verlauf ganz fesselnd fand, lediglich der Einstieg hat es mir nicht gerade leicht gemacht, begeistert zu lauschen und auf die Geschichte gespannt zu sein. Die Beschreibung von Hennings Panikstörung mit den Symptomen, den Gedanken und den Gefühlen, die damit verbunden sind, fand ich durchaus überzeugend. Zeh zeigt hier den Teufelskreis der Angst und wie stark Henning dieser ausgeliefert ist, wie sie sein Leben dominiert. Allerdings empfand ich den Zusammenhang mit den Kindheitserinnerungen ein wenig an den Haaren herbeigezogen, und auch die Auflösung der Geschichte und damit von Hennings Konflikt empfand ich als wenig nachvollziehbar und wenig gelungen. Im Verlauf ist der Roman – wie bereits erwähnt - deutlich spannender, als ich es anfangs erwartet hatte, und er ist stellenweise so unheilschwanger und so packend, dass ich keine Hörpause machen wollte, aber er ist meiner Meinung nach auch extrem überkonstruiert und dadurch wenig realistisch. Florian Lukas liest den Roman angenehm und auf passende Weise. Zwar finde ich seine Stimme wenig markant, doch das fügt sich meines Erachtens sehr gut in den Roman ein, der auch eher unspektakulär und durchschnittlich ist.

Lesen Sie weiter

Silvester und Neujahr sind für die meisten Menschen eine willkommene Zäsur. Innehalten, Revue passieren lassen, Pläne schmieden, sich neu definieren. All das scheint um dieses durchaus magische Datum herum leichter zu fallen. Henning, der Protagonist aus Juli Zehs neuestem Buch, beschließt, eben jene besonderen Tage mit seiner Familie dieses Mal nicht zu Hause zu feiern. Es zieht ihn nach Lanzarote, wie getrieben sucht er schon lange im Voraus nach möglichen Ferienhäusern. Doch die, die ihn besonders in den Bann ziehen, sind leider viel zu teuer. So wird ihre Unterkunft ein Kompromiss. Und wie es meist so ist im Leben, sieht das Häuschen im Internet auf den Fotos deutlich größer und charmanter aus als in Wirklichkeit. Ein bisschen tapsen sich die vier auf den Füßen herum, Rückzugsorte gibt es kaum, aber sei’s drum, es ist Urlaub, eine Auszeit vom Alltag – das ist die Hauptsache. Der Urlaub ist dann aber auch nicht weiter spektakulär, so wie es eben manchmal ist. Die Eltern sind ein bisschen genervt – voneinander, von den beiden Kindern (die eine wirkliche Erholung gar nicht zulassen, denn sie haben ja im Urlaub die gleichen Bedürfnisse und benötigen die gleichen Hilfestellungen wie auch zu Hause), Henning vor allem von sich, seine Frau Theresa von allem ein bisschen, aber hauptsächlich vom permanenten Wind auf der Insel. Der Silvesterabend beginnt früh – Eltern kleinerer Kinder werden sich hierin wiederfinden -, denn man kann ja nicht ewig feiern. Im Restaurant, wo sie reserviert haben, sitzt am Nebentisch ein Franzose, der Theresa ohne jedes Schamgefühl offen anflirtet. Sie ist hingerissen von der Tatsache, dass sie noch immer gutaussehende Männer für sich begeistern kann, davon, dass ihr das Französisch so herrlich perlend über die Lippen kommt und davon, dass der Charmeur auch noch so toll tanzt. Henning beschließt zur Feier des Tages, die Flirterei als Kompliment für sich abzubuchen. Schließlich muss, wer eine so tolle Frau hat, selbst auch ein toller Kerl sein. Aber es wurmt ihn natürlich auch … Als er später mit seiner Frau ins Bett kriecht und – emotional ein wenig aufgeladen – einen Annäherungsversuch startet, dreht sie sich weg. Leicht frustriert gibt Henning auf. Am nächsten Morgen beschließt er, der Enge der Wohnung und der Beziehung zu entfliehen und außerdem seinen ersten Vorsatz fürs neue Jahr (mehr Sport!) in die Tat umzusetzen. Er setzt sich aufs mittelprächtige Mietfahrrad und strampelt los, bevor der Rest der Familie aufsteht. Das Fahrradfahren bringt Tempo in den Roman. Was gemächlich und banal begann, nimmt nun Fahrt auf. Je länger der Familienvater sich den Berg nach oben quält, den zu erklimmen er sich in den Kopf gesetzt hat, desto schneller fließen seine Gedanken. Alles Mögliche durchquert da sein Bewusstsein, er legt keinen Filter darüber, er lässt die Gedanken kommen – und hofft bei vielen, dass sie rasch auch wieder gehen. Die Kinder, der Job, seine Mutter (Gott, er müsste sie viel öfter anrufen!), seine Frau, seine Anforderungen an sich selbst, denen er kaum genügen kann – und nicht zuletzt ES kreuzen seine Gedanken. ES, das sind seine Panikattacken. Henning hat sie seit 2 Jahren, er weiß nicht wirklich, in welchen Momenten genau sie kommen, aber sie halten ihn in Schach. Immer, wenn er das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren über bestimmte Situationen, dann geht es los – das ist ja vielleicht auch schon ein Muster. Dehydriert, hungrig und völlig überanstrengt kommt Henning tatsächlich oben an. So übereilt, wie er aufbrach, hat er nicht einmal an Geld gedacht, um sich etwas zu trinken kaufen zu können – aber in dem Örtchen, auf dessen Kirchplatz er genießt, endlich mal wieder wirklich etwas erreicht zu haben, hat sowieso nichts offen. Alles ist wie leergefegt. Und genau hier oben, in dem menschenleeren Kaff, beginnt der eigentliche Sog des Romans. Und dieser Sog, man mag das Buch gut finden oder nicht, ist einfach enorm. Es ist nicht einfach nur der plakative Sog, von dem wir Leser immer reden, wenn wir unserem Gegenüber möglichst bildlich klarmachen wollen, wie gut der Lesestoff ist, von dem wir reden, nein, das hier ist anders. Es ist ein fast körperlich spürbares Unvermögen, das Buch wegzulegen, wenn man diesen Punkt erreicht hat. Ein atemlos machender Zwang, Seite um Seite hinter mich zu bringen, um endlich Klarheit zu bekommen, über das was hier passiert. Bei Henning bricht in diesem gottverlassenen Dorf der Nebel auf, der sich über seine Erinnerungen an früher gelegt hatte. Er dringt durch zu den Gedanken, die Wahrheit bringen – er findet die fehlenden Puzzlestücke, von denen er bislang gar nicht ahnte, dass sie fehlten. Das klingt verworren – ist es auch. Denn der Protagonist merkt, dass hier an diesem Ort der Zugang zu einem Wissen aus seiner Vergangenheit liegt, das er braucht, um Frieden mit sich machen zu können. Er folgt diesem inneren Gefühl, läuft wie natürlich einen bestimmten Weg und landet vor einem abgelegenen Haus, in dem Kunsthandwerk verkauft wird. Er kommt mit der aktuellen Besitzerin ins Gespräch und ein Déjà-vu reiht sich ans nächste. Geistesblitze tauchen auf und wieder ab und plötzlich entsteht ein neuer Erzählfluss und wir sind genau in diesem Haus und Henning ist ein kleiner Junge, der auf seine kleine Schwester aufpasst. Geschickt baut Juli Zeh die gesamte Geschichte auf, den Plot, die Erzählstränge, wie sich alles schließlich eineinander verzahnt. Sie ist eine Meisterin, sie kann wahrlich schreiben. Verblüffenderweise haben ihre Bücher ganz unterschiedliche Stile, Inhalte, Richtungen. Das Verbindende ihrer Romane kann man vielleicht am ehesten beschreiben als Lust am Blick auf die psychischen Besonderheiten einer jeden Person. Wie können sich die Charaktere der Menschen verändern, weil bestimmte Dinge geschehen … oder nicht geschehen. Die Hauptperson des vorliegendenden Buches muss sich ihrer Kindheit stellen, um das Jetzt zu begreifen, um leben zu können. Und trotz des unglaublich orkanartigen Sogs kann ich nicht sagen, dass ich dem Buch 5 von 5 Sternen geben würde. Vielleicht würde ich bei 3 Sternen landen. Natürlich ist dieses Buch gut und dennoch habe und hatte ich Fragezeichen beim Lesen in meinem Kopf. Manche Dinge, Szenen verstehe ich auch jetzt noch nicht, beim erneuten Durchblättern für die Rezension. Warum steht das da? Hat das einen tieferen Sinn, der sich mir nicht erschließt? Warum wird überhaupt Henning beleuchtet, dieser weiterhin seltsam blasse Protagonist? Ich erfahre so viel über ihn, aber dennoch wächst er mir nicht ans Herz – vielleicht, weil alles, was ich erfahre, in der Vergangenheit liegt, die zwar seine Gegenwart gestaltet, ihn mir aber als Erwachsenen nicht näherbringt. Er bleibt wenig fassbar für mich, dieser „Romanheld“, ganz zu schweigen von seiner Frau, die reine Statistin ist. Und dann das Ende! Herr im Himmel! Als wäre Juli Zeh etwas auf dem Herd angebrannt, weswegen sie hastig zwei Sätze als Ende hinkritzelte, den Stift wegwarf und zur Schadensbegrenzung eilte … Was also ist das Resumée? Juli Zeh kann schreiben. Aber will man ein wirklich durchkomponiertes Werk, das komplett rundläuft, dann nehme man bitte „Unterleuten“ – und dann erst „Neujahr“.

Lesen Sie weiter

Kein Bestseller

Von: Michael Lausberg aus Doveren

28.09.2018

Nach ihren Romanen „Unterleuten“ und „Leere Herzen“ bringt die Bestsellerautorin nun ihren neuen Roman „Neujahr“ heraus, wo der Protagonist Henning in der Bergwelt Lanzarotes mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Bei dieser psychologischen Familiengeschichte stehen die Eheleute Henning und Theresa im Mittelpunkt. Sie leben in Göttingen, haben kleine zwei Kinder (Jonas und Bibbi) und führen ein typisch postmaterialistisches Leben in der Universitätsstadt mit Alltagsproblemen, die jedem bekannt vorkommen würden. Nur die immer wiederkehrenden Panikattacken von Henning sorgen für eine Belastung ihres sonst durchschnittlichen Lebens. Ihr Urlaub in Lanzarote über den Jahreswechsel mit Kindern bildet den Rahmen des Romans. Als Henning alleine auf einem Berg bei Femes bald zusammenbricht, wird er dort von einer fremden Frau aufgefunden und versorgt. Henning fühlt sich in dem Hause gleich wohl und heimisch, bald erfährt man warum. Die fürsorgliche Frau berichtet davon, dass in dem Haus vor langer Zeit zwei kleine Kinder mit Unterernährung gefunden wurden. Als sich dann herausstellt, dass die beiden Kinder Henning und seine Schwester Luna waren, beginnt für Henning eine Reise in die Vergangenheit und die Aufarbeitung seiner Kindheit. Plötzlich kommen Erinnerungen wieder hoch und er durchlebt die Ereignisse im zweiten Teil des Romans noch einmal. Hier schließt sich auch der Kreis zu den anfangs hingewiesenen Panikattacken Hennings, die im Laufe der mühevollen Aufarbeitung langsam verschwinden. Die Geschichte der Aufarbeitung der Jugend von Henning wird gefühlvoll geschildert und bringt das Problem, unter dem viele Menschen leiden, ins Zentrum des Interesses. Die Charaktere dieses Romans sind allerdings nicht besonders spannend, es fehlt die Identifikation für den Leser. Das Flair Lanzarotes mit seiner kargen Bergwelt ist auch überschaubar. Der Roman lebt von der psychologischen Aufarbeitung der Vergangenheit und erhält dadurch seine Spannung, ohne fesselnd zu sein. Insgesamt gesehen ist es ein überdurchschnittlicher Roman, ohne jedoch Bestsellerqualitäten zu entwickeln.

Lesen Sie weiter