Leserstimmen zu
Wendezeit

Kristina Spohr

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Je nachdem, wen man fragt, markierte das Jahr 1989 eine Sternstunde oder ein Desaster des ausgehenden 20. Jahrhunderts. In ihrem Buch "Wendezeit" zeigt Kristina Spohr beides und nimmt den Leser auf rund tausend Seiten mit auf einen fulminanten zeitgeschichtlichen Ausflug in die jüngste Vergangenheit. Auch bei mehr als 100 Seiten Fußnoten ist ihr Buch bei aller wissenschaftlichen Tiefe und Sorgfalt äußerst lesbar auch für diejenigen Lser, die vor historischer Theorie zurückschrecken mögen. "Wendezeit" bringt denen, die die 80-er Jahre und das große Wendejahr 1989 bewusst erlebte, dank zahlreicher Details viele Erinnerungen und Einzelheiten zurück, die angesichts der Dynamik der Ereignisse nur allzu leicht in Vergessenheit geraten mochten. Und denjenigen, die nur aus den Geschichtsbüchern wissen, was damals geschah, gibt sie einen erklärenden Hintergrund und viele Details zu den Akteuren, Staaten und jeweiligen Interessen. Besonders gelungen ist dabei die Verbindung vom großen Wurf wie auch vielen Details, der Beschränkung nicht nur auf Europa und die Schilderung der Folgen über 1989 hinaus - schließlich lautet der Untertitel "Die Neuordnung der Welt nach 1989" Schon gleich am Anfang geht Spohr nicht nur auf die USA und die UdSSR, auf Nato und Warschauer Pakt als Kontrahenten des Kalten Krieges ein, sondern widmet sich auch der Entwicklung in China und der blutigen Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens - und wie dieses Ereignis wiederum die Überlegungen zum beginnenden Wandel in Polen und Ungarn beeinflusste. Der Fall der Mauer, die Sucher der ostmitteleuropäischen Kinder nach neuen Partners - Spohr beschreibt diese Zeit der Neuorientierung mit dem Begriff der "Waisen der Sowjetunion" - Befürworter, Gegner und Skeptiker der Wiedervereinigung Deutschlands und die Architekten des neuen Europas - das ist bei aller Ausführlichkeit komprimiert und ausgesprochen lesbar dargestellt. Vielleicht ist es gut, dass "Wendezeit" nun erschienen ist, in jahrzehntelangem Abstand zu den Ereignissen von 1989, denn so hat Spohr auch Gelegenheit, über die Folgeereignisse zu reflektieren, die seinerzeit vielleicht gar nicht so sehr im Zusammenhang mit den Ereignissen von 1989 gesehen wurden und doch durch neu entstandene Machtvakuums oder globale Interessen verbunden waren. Die Entwicklung in der Golfregion etwa, der erste Irakkrieg, die neue Sicherheitsarchitektur nicht nur in Europa. Spohr ist in ihrem Buch nah dran an den Entscheidern, den Staatsmännern, die in der Wendezeit ihren Platz für die Geschichtsbücher fanden. Und resümiert dennoch:"es waren die Menschen auf den Plätzen und in den Straßen, die die revolutionäre Welle von 1989 vorantrieben. Von Tallinn bis Tirana, von Berlin bis Bukarest, protestierten, demonstrierten und rebellierten sie." Auf den letzten Seiten mahnt sie mit Blick auf die Gegenwart Dialog, Kompromissbereitschaft und Berechenbarkeit als Grundlagen internationaler Politik an, gerade für das komplizierte Beziehungsgeflecht der Außenpolitik: Dieses sei "kein Pokerraum in einem Trump-Casino,noch sind Tweets und Wutanfälle ein gutes Rezept für dauerhafte Beziehungen mit Verbündeten oder Gegnern. Nadelstiche gegen Partner und die Untergrabung von Alloanzen ermutigen den Gegner nur dazu, ebenfalls Risiken einzugehen, und schwächen die regionale Stabilität in Europa und im asiatisch-pazifischen Raum, vom Nahen Osten ganz zu schweigen", mahnt die Wissenschaflerin der John Hopkins-Universität. "Wendezeit" ist ein profundes, ambitioniertes Porträt einer ganzen Epoche.

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