John Niven

SPECIAL zu John Niven

Ein Gespräch mit John Niven zu seinem neuen Thriller „Das Gebot der Rache“

Mr. Niven, bisher kannten wir Sie als Autor scharfsinniger Satiren wie „Kill Your Friends“, „Coma“ oder „Gott bewahre“. Ihr Thriller „Das Gebot der Rache“ ist nun etwas ganz anderes. Warum wollten Sie einen Thriller schreiben, der auf satirische Elemente komplett verzichtet?
John Niven: Die Grundidee für die Geschichte hatte ich vor ein paar Jahren und sie ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Jeder Schriftsteller wird bestätigen, dass richtig gute Ideen selten sind. . Zudem wusste ich von Anfang an, dass diese Idee nichts mit Comedy zu tun hat. Der Inhalt muss die Form vorgeben, und bei „Das Gebot der Rache“ war es offensichtlich, dass es ein dunkler, erschütternder Roman werden würde. Ein weiterer Grund, mich an einem Thriller zu versuchen, mag schriftstellerische Hybris gewesen sein: Die meisten Schriftsteller, die ich verehre, haben verschiedene ganz unterschiedliche Genres für ihre Romane gewählt. Warum sollte ich das nicht auch tun?

Sie schreiben ja auch Drehbücher. Haben Sie hier schon mal Thriller geschrieben, oder ist „Das Gebot der Rache“ der allererste?
John Niven: Ja, ich schreibe auch Drehbücher, aber „Das Gebot der Rache“ ist mein erster Thriller.

Was reizt Sie am Thema „Rache“?
John Niven: Wie lange Menschen an dem Wunsch nach Rache festhalten können, hat mich einfach immer fasziniert. Auf der einen Seite gab es hier in Großbritannien einen Vorfall, bei dem ein muslimischer Junge bei den Sommerkrawallen von 2011 getötet wurde – er wurde von Fahrerflüchtigen überfahren. Der Vater des Jungen trat im Fernsehen auf und bat dabei Allah um Vergebung für die Mörder seines Sohnes, und er habe den Mördern ebenfalls vergeben. Man kann diesem die Worte der Mutter eines Sohnes gegenüber stellen, der von Ian Brady und Myra Hindley, den bekannten Moors Mördern, vor 50 Jahren ermordet wurde. Sie verstarb vor kurzem und eines ihrer letzten Statements war, dass sie gerne sehen würde, dass die Mörder ihres Sohnes öffentlich in Ketten aufgehängt werden. Ihr Wunsch nach Rache hat sich in 50 Jahren nicht verändert. Man kann es auch in kleineren Zusammenhängen bei Freunden sehen: manche Leute vergessen große Streitigkeiten in 5 Minuten während andere immer noch verärgert über etwas winziges sind, das vor 20 Jahren passiert ist. Also stellt man sich irgendwann die Frage – wie lange hält der Wunsch nach Rache?

Haben Sie selbst manchmal Rachegelüste?
John Niven: Nein, überhaupt nicht. Auf die letzte Antwort bezogen bin ich einer von denen, die nicht lange böse auf andere sein können. Ich vergesse schnell, wegen was ich verärgern sollte.

Ein Teil des Thrillers spielt in Ihrer Heimat Schottland. Sie schildern Themen wie Armut, Alkoholabhängigkeit, Gewalttätigkeit unter Jugendlichen, Mobbing unter Schülern sehr eindringlich. Entspricht das Ihren Erfahrungen als Kind und Jugendlicher?
John Niven: Die Armut und Gewalt in der Familie nicht so sehr, in dieser Hinsicht hatte ich eine sehr glückliche Kindheit. Aber die Atmosphäre in der Schule habe ich genauso erlebt. Weiterführende Schulen in Schottland waren Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre ein grausames Umfeld. Ich war auf einer staatlichen Schule in einer ziemlich armen Gegend, und das Aggressionspotenzial war einfach unglaublich hoch. Wenn ich heute meine eigenen Kinder sehe – wie sie mit ihren Freunden umgehen, wie es ihnen in der Schule ergeht – muss ich sagen, dass wir in dieser Hinsicht große Fortschritte gemacht haben. Das hängt sicher zum Teil auch mit der Abschaffung der Prügelstrafe in Großbritannien zusammen. Ein System, in dem Kinder von Erwachsenen verprügelt werden, erzeugt natürlich Gegengewalt.

Warum haben Sie Ihren Heimatort als Ausgangspunkt für die Handlung gewählt? Hatten einige Ihrer Mitschüler ähnlich krasse Lebensläufe? Ist in Ihrer Jugend ein vergleichbarer Mordfall in Ayrshire passiert?
John Niven: Das macht es in gewisser Hinsicht einfacher, weil ich die Sprache kenne. Ich weiß, wie die Leute reden. Und ja, ich hatte definitiv ein paar Klassenkameraden, die unter der Armutsgrenze lebten. Es gab Kinder, die sehr schlecht gerochen haben oder sehr still waren. Alles Dinge, die heutzutage sicher als Anzeichen für Missbrauch oder Vernachlässigung gewertet würden, die damals aber gar nicht zur Kenntnis genommen wurden. Und nein, einen ähnlichen Mordfall gab es nicht, als ich Kind war. Aber wie gesagt, es gab viel Gewalt.

Ihrem Protagnisten Donnie ist John Updike sehr wichtig. Welche Bedeutung hat er für Sie?
John Niven: Ich glaube einfach, wenn es um anmutige Prosa geht, ist Updike das Maß der Dinge. Es gibt keinen, der so in den kleinsten, intimsten Moment schlüpfen kann um diesen auf eine allgemeinere Ebene zu heben. Ich denke er ist ein Autor, den ich mit dem Alter noch mehr zu schätzen lerne. Besonders die Höhepunkte der Rabbit Bücher: „Bessere Verhältnisse“ und „Rabbit in Ruhe“. Ich habe sie gelesen als ich an der Uni war und ich erinnere mich dran, dass ich realisierte, dass sie sehr, sehr gut waren, aber ich habe sie nicht ganz auf dem Level verstanden auf dem ich sie jetzt verstehe, nachdem ich sehr viel mehr Erfahrungen gesammelt habe.

Beim Lesen von „Das Gebot der Rache“ fühlt man sich ein bisschen wie im Kino. Sind die Filmrechte schon verkauft? Hat Hollywood schon an die Tür geklopft?
John Niven: Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich zwei oder drei Drehbücher geschrieben habe bevor ich den Roman geschrieben habe. Manche der Drehbuchansätze schlüpfen in deinen Schreibstil: betritt Deine Szenen so spät wie möglich und verlasse sie wieder sobald Du Deinen Punkt gemacht hast. Und ja, wir haben bereits zwei oder drei Anfragen nach den Filmrechten aber wir warten ab. Ich denke, man könnte aus dem Buch einen sehr guten Film machen.

Was erwartet den Leser bei Ihrem nächsten Roman? Vielleicht mal eine romantische Liebesgeschichte?
John Niven: Mit dem nächsten bin ich jetzt halb fertig. Es ist eine Art Liebesgeschickte – allerdings über jemanden, der in sich selbst verliebt ist. Es geht um einen sehr erfolgreichen, gewissenlosen Irischen Drehbuchautor namens Kennedy Marr. Er lebt auf großem Fuße in LA, muss aber aus verschiedenen Gründen in seine Heimat zurückkehren, um sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Jede Ähnlichkeit zu lebenden oder verstorbenen Personen, etc… Es ist witzig, aber – hoffentlich – zugleich auch traurig. Ich hoffe, im Frühjahr 2013 damit fertig zu sein, damit der Roman Ende des Jahres erscheinen kann. Wir werden sehen …
John Niven ist so etwas wie das Aushängeschild von Heyne Hardcore. Hart, originell, intelligent, explizit, kompromisslos. Und sehr witzig! So kennt man ihn von Kill your Friends, Coma oder Gott bewahre. Jetzt hat er einen Roman geschrieben, bei dem man sich das Lachen gleich abschminken sollte. Es gibt nämlich nichts zu lachen in dieser Geschichte. Niven hat einen beinharten Rachethriller vorgelegt. Warum und weshalb, das erklärt der Meister höchstselbst.

Was hat mich bewegt, einen Thriller zu schreiben? Einen waschechten Thriller, ganz ohne Lacher, und das nach drei Romanen, die man wohl allesamt im weitesten Sinne als schwarzhumorige Satiren bezeichnen könnte?

Nun, zum einen verfolgt mich der Grundgedanke für diese Geschichte schon, seit er mir vor ein paar Jahren in den Kopf kam — und jeder Schriftsteller wird Ihnen bestätigen, dass einem wirklich gute, sich derart hartnäckig ins Gedächtnis rufende Ideen nicht alle Tage einfallen. Zum anderen war mir vom ersten Augenblick an klar, dass diese Idee von ihrem Wesen her nicht fürs Komödienfach taugt. Der Inhalt einer Idee sollte die Form vorgeben, und es war von Anfang an klar, dass Das Gebot der Rache ein durch und durch düsteres, beklemmendes Werk werden würde. Ein weiterer Grund dafür, mich an einem Thriller zu versuchen, mag schlichte schriftstellerische Hybris gewesen sein: Die meisten der von mir verehrten Autoren haben sich in unterschiedlichen Genres versucht. Warum sollte ich das also nicht auch können?

Die Initialzündung für das Buch lieferte ein Online-Artikel über Denise Bulger, der Mutter von James Bulger, einem britischen Kleinkind, das von zwei zehnjährigen Jungen namens John Venables und Robert Thompson unter schrecklichen Umständen entführt und ermordet wurde.

Der Fall bestimmte damals, Mitte der Neunziger, sämtliche Schlagzeilen, und als man Thompson und Venables zu Haftstrafen verurteilte, die mit Erreichen ihrer Volljährigkeit ausgesetzt wurden, erregte das die britische Öffentlichkeit aufs Äußerste. In diesem Artikel stieß ich auf ein mir bis dahin unbekanntes Detail.

Dort hieß es, dass Denise Bulger ein paar Jahre nach der Entlassung der Mörder ihres Sohnes aus dem Gefängnis einen Hinweis zum Aufenthaltsort Thompsons erhielt, der inzwischen unter einer neuen Identität lebte.

Sie ging der Spur nach und machte ihn schließlich ausfindig. Als sie ihn aber auf der Straße sah, war sie — in ihren eigenen Worten — »vor lauter Hass so paralysiert«, dass sie unfähig war, etwas zu tun. Das löste bei mir meinen ganz eigenen »Was wäre, wenn?«-Moment aus. Was wäre, wenn die Mutter eines getöteten Jungen viele Jahre nach der Tat den Mörder ihres Sohnes aufspüren würde? Allerdings wäre diese Frau durchaus imstande — körperlich und geistig — ihre Rache auszuführen.

Das war der Ausgangspunkt meiner Geschichte, und von da an entwickelte sie sich beständig weiter, wobei sie mit der Zeit einige schwierige und unbequeme Fragen zum Konzept der Rache aufwarf.

Etwa zum moralischen Aspekt. Der Möglichkeit, dass Menschen sich ändern, sich rehabilitieren. Dazu, wie weit Erwachsene für Taten verantwortlich gemacht werden können, die sie als Kinder begangen haben. Wenn man wie ich selbst Kinder hat, dann spielt man von Zeit zu Zeit — in der Regel, wenn man etwas Schreckliches in der Zeitung gelesen hat — mit dem Gedanken, zu was man wohl in der Lage wäre, sollte ihnen jemals jemand Gewalt antun. Sich selbst in Denise Bulgers Situation zu versetzen, hieß, den Kopf in einen Windkanal aus Hass und Trauer zu stecken. Natürlich sind Eltern genauso befähigt zu erforschen, welche Gefühle man dem eigenen Kind entgegenbringen würde, sollten irgendwelche fürchterlichen Umstände und äußeren Einflüsse dazu führen, dass es sich einer wirklich entsetzlichen Tat mitschuldig machte. Wie würde man sich wünschen, dass mit ihm umgegangen wird? Ganz sicher will kein Vater, keine Mutter das eigene Kind, egal wie unerhört sein Vergehen auch gewesen sein mag, dem Mob ausgeliefert sehen. (So, wie ein Großteil der britischen Boulevardpresse es in den Neunzigern für Venables und Thompson forderte.)

Ich war erleichtert und hocherfreut, als eines der ersten Statements, die ich zu Das Gebot der Rache erhielt, von Irvine Welsh kam, auch er ein schottischer Autor, dessen Arbeit ich noch dazu — eigentlich unnötig zu erwähnen — unerhört schätze. »Die besten Bücher in diesem Genre nehmen den Leser mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt«, schrieb Irvine. »Aber die allerbesten, so wie dieses, schicken ihn auch noch durch ein moralisches Minenfeld.«

Es war ziemlich genau dieses Gefühl, zwischen wechselnden Sympathien hin und her gerissen zu sein, sich auf moralischem Treibsand zu bewegen, das ich mir erhofft hatte, in den Seiten dieses Buches einzufangen.

Und ich wünsche mir, dass auch Sie etwas davon empfinden.

John Niven

Das Gebot der Rache

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