SPECIAL zu Ulrich Ritzel

Ulrich Ritzel: „Der Bodensee gibt seine Leichen nicht her“

Frankfurt, 19.05.2008

Ulrich Ritzel, Preisträger des renommierten „Wächter-Preises“, hatte nach 35 Jahren genug vom „Rennen und Mitschreiben“ und hängte seinen Job als Journalist an den Nagel. Inspiriert von zahlreichen Gerichtsverhandlungen, die er als Reporter erlebt hatte, begann Ritzel, Jahrgang 1940, Kriminalromane zu schreiben. In wenigen Wochen entstand 1999 sein Debüt „Der Schatten des Schwans“ – ein nachhaltiger Erfolg. Weitere Romane folgten, für „Schwemmholz“ wurde er mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Seine Kommissar-Berndorf-Krimis werden von Kritikern wie Lesern gleichermaßen als Höhepunkte des Genres gefeiert. Im Gespräch mit dem BeNet erzählt Ritzel, was ihn zum Schreiben inspiriert, warum er den Gedanken an Leichen im Bodensee faszinierend findet und wie er aus Versehen ins Visier des Bundesnachrichtendienstes geraten ist.

Woher kam die Idee für ihren aktuellen Krimi "Forellenquintett"?
Die Inspiration meiner Bücher kommt meistens aus der Zeit, als ich als Lokaljournalist gearbeitet habe. Ich habe das sehr lange, vielleicht ein bisschen zu lange, gemacht. Doch besonders als Gerichtsreporter habe ich viele Fälle mitbekommen, die ich längst nicht aufgearbeitet habe. Diese Schicksale und Konstellationen sind mein Arbeitsmaterial von heute. Die Idee zu "Forellenquintett" kam mir bei einer Polen-Reise. Gemeinsam mit einem Bekannten fuhr ich durch ganz Polen, um in Krakau Bilder für eine Gemäldeausstellung meiner Frau abzuholen. Wir irrten durch oberschlesische Industriestädte und er erzählte mir Geschichten über Grenzübergänge und Schmuggelwege. Da hatte ich dann plötzlich eine Situation vor Augen und dachte ‚Da musst du was draus machen'. Ein Element, das mich besonders interessiert hat, war das der eigenen Identität. Warum bin ich der, der ich hier bin, warum kann ich nicht frei von allen Erinnerungen, Verpflichtungen, frei von der Rolle, die ich vorher gespielt habe, sein? Diese Überlegungen fließen stark in einen der Charaktere hinein.

Viele ihrer Romane spielen in Ulm. Warum mögen Sie die Provinz so sehr?
In Ulm habe ich so lange als Journalist gearbeitet, dass ich meine Bücher eigentlich eben nicht in Ulm stattfinden lassen wollte. Aber eine meiner ersten Figuren, ein Mann, der aus Rechtschaffenheit und Strebsamkeit zum Mörder wird, basierte de facto auf einem wahren Fall aus Ulm – und diese Figur ließ sich einfach nicht verpflanzen. Ulm ist für mich eine sehr durchschnittliche Stadt, die die Strukturen der alten BRD hervorragend spiegelt. Außerdem sind mir Landschaften wichtig. Städte und Charaktere sind veränderbar, aber Landschaften schaffen eine unverwechselbare Atmosphäre. Eine Idee, die mich immer wieder inspiriert, ist die der scheinbaren Idylle. Zum Beispiel der Idylle des Bodensees, die ich gut kenne, weil ich jahrelang dort gelebt habe. Da gibt es diesen Spruch: ‚Der Bodensee gibt seine Leichen nicht her.' Und das ist tatsächlich so, der Bodensee ist so tief und hat in dieser Tiefe so kaltes Wasser, dass Leichen nicht mehr nach oben treiben – dort unten aber gut erhalten auf ewig lagern. Ich finde diese Idee interessant – mir Menschen vorzustellen, denen genau dies bewusst ist, und die dennoch an einer Bodensee-Terrasse in ein gutes Restaurant gehen und den Ausblick genießen können. Und was die Provinz betrifft: Einer meiner Hauptcharaktere hat eben diese inzwischen verlassen und ist in Berlin gelandet.

Warum haben Sie Kommissar Berndorf in den Ruhestand geschickt?
Ich möchte keine Serienromane schreiben, sondern gegen die Erwartungen schreiben. Ich muss auf die Figuren neugierig bleiben, immer wieder Distanz zu meinen Personen finden. Was Kommissar Berndorf betrifft, kann es allerdings sein, dass er im nächsten Roman wieder gebraucht wird. Ich will mich nämlich diesmal mit der politischen Klasse Berlins auseinandersetzen – und auf gewisse Leute zugehen, das kann nicht irgendeine Hauptfigur, dafür braucht man schon ein gewisses Standing. Und das hat Berndorf.

Wieso gerade die Berliner Republik?
Nun, gewisse Herren haben sich völlig ungefragt in mein Leben gemischt. Aufgrund einer wirklich absurden Verwechslung taucht mein Name in dem viel diskutierten Schäfer-Bericht über Journalistenbespitzelung durch den BND auf. Jemand muss die Ulmer Polizei nach einem Mann auf einem – wohl schlechten – Foto gefragt haben, der als ‚kritischer Journalist' bekannt sei. Ich weiß nicht, was den Polizist geritten hat, meinen Namen zu nennen. In dem Bericht ist dann die Rede von mir als ‚Chefredakteur der Südwestpresse' – was ich übrigens nie war. Der Mann sieht zudem ganz anders aus als ich. Inzwischen hat sich der BND-Präsident persönlich für die Verwechslung bei mir entschuldigt. Dennoch – diese ‚rätselhafte Ehre' hat mich geärgert – und inspiriert, ein Buch in Zusammenhang mit dem BND zu schreiben.

Eine Abrechnung?
Keine Abrechnung, das geht zu weit – aber es soll durchaus meine Empörung darstellen.

Machen Sie mit ihren Büchern eine Aussage über die Gesellschaft?
Ein Autor, den ich sehr bewundere ist Eric Ambler. Er hat hervorragende Politthriller geschrieben, die die Gesellschaft der 1930er-Jahre erklären. Ich schätze das sehr an ihm. Aber ich kann und will niemandem erklären, wie das Leben funktioniert. Ich weiß es doch selbst nicht. Und wenn ich es wüsste, müsste ich es niemandem erklären, denn dann würden es auch die anderen verstehen. Ja, was will ich? Ich suche nach Momenten der Wahrheit. Momente, in denen ein Schicksal sich entscheiden kann. An deren Beispielen ich durchspielen kann, wie Gesellschaft möglicherweise funktioniert. Dann kann sich jeder eine Erklärung herausfiltern. Aber ich nehme es keinem Leser übel, wenn er daraus eine andere Erkenntnis zieht, als ich. Es genügt mir vollends, dass Leser das Interesse mit mir teilen.

Wie kam es, dass Sie sich nach so vielen Jahren als Journalist entschlossen haben, Bücher zu schreiben?
Mir gefiel nicht mehr, wie sich die Medien entwickelt haben. Journalisten sind heute nur noch das Sprachrohr der Offiziellen – sie übernehmen sogar die Formelhaftigkeit der Amtssprache. Und dann geben sie kurz und knackig wieder, was ihnen wiederum erzählt wurde – und genau das will der Chefredakteur ja auch. Der Journalist rennt hinterher, schreibt nur noch mit, er denkt nicht mehr darüber nach: Was ist wirklich gemeint? Was wollen die wohl sagen? Ich kam also in eine Phase, in der ich etwas anderes machen wollte und habe mich gefragt: Kann ich auch anders schreiben? Darf ich mir den großen Bogen einer Erzählung zutrauen? In meinem ersten Buch habe ich eine Kindheitserinnerung an ein zerschossenes Auto im Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet. Als Kind hatte ich mich immer gefragt, was der getötete Fahrer des Wagens alles zu erzählen gehabt hätte. Dies aufzuschreiben, war für mich der Ausbruch aus dem Journalismus. Und mir war es gelungen, diese Erinnerung in meinem Kopf aufzuräumen. Genau so geht es mir mit meinen anderen Büchern. Ich schrieb als Gerichtsreporter einmal über einen Mordfall. Durch Zufall fiel mir auf, dass der Täter tablettenabhängig war. Ich schrieb darüber als Gerichtsreporter, doch diese Einschätzung fand nie Eingang in das Verfahren. Das hat mich sehr aufgewühlt. Diesen Fall habe ich zur Grundlage des Plots meines ersten Romans gemacht. Und so liegen viele Geschichten dieser Art immer noch unaufgeräumt in meinem Kopf.

Sie haben sich jahrelang als Gerichtsreporter und nun als Buchautor mit menschlichen Verbrechen befasst. Haben Sie ein negatives Menschenbild?
Ich habe erlebt, was Menschen anderen Menschen antun können. Aber wenn mein Weltbild düster wäre, würde ich nicht schreiben. Ich will Geschichten erzählen. Ich habe so viele Themen und Charaktere, die ich beschreiben möchte. Das ist etwas durchaus Positives. Allerdings habe ich eine vielleicht etwas fragwürdige Freude daran, wenn Lügen aufgedeckt werden. Wenn die Lügengebilde, in denen Menschen sich so gerne einnisten, in sich zusammenbrechen. Das bereitet mir große Freude. Auch das Idyll des Bodensees ist auf eine kaputte Weise auf Lügen aufgebaut. Ich denke, man kommt mit seinem Leben besser zurecht, wenn man aufhört, sich etwas vorzumachen. Aber: Ich bin Geschichtenerzähler, kein Sonntagsprediger. Ich habe genug Leitartikel geschrieben. Das will ich nicht mehr.

Interview geführt von Judith Lövenich
Text & Fotos: © Bertelsmann Network, Gütersloh, Mai 2008

Forellenquintett

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