Charlotte Rørth: Die Frau, die nicht an Gott glaubte und Jesus traf

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HIER BIN ICH ZUHAUSE

Vielleicht ist es ein Blutgerinnsel, denke ich, als ich am nächsten Tag in Úbeda bin, der Nachbarstadt von Baeza. Denn wie zur Salzsäule erstarrt stehe ich in der Sakristei einer fünfhundert Jahre alten Kapelle, der Heiligen Kapelle des Erlösers, La Sacra Capilla del Salvador.

Die gesamte Gruppe der Journalisten war vor einer Viertelstunde hineingegangen. Wir hatten unter der Kuppel gestanden und unserem Führer Andrea Pezzini zugehört, der lange über diese Kapelle sprach. [...] Gestikulierend hatte Andrea alles erklärt und uns danach in die klerikal kühl eingerichtete, blendend weiße Sakristei zur Linken geführt. Hier stehe ich jetzt.

Er erzählt immer noch, aber seine Stimme entfernt sich von mir – oder entferne ich mich? In meinen Ohren fühlt es sich an wie Watte, und meine Füße wirken wie mit Magneten am Fußboden fixiert. In meinem Kopf herrscht Leere, kein Gedanke, nichts. Kann es einem so gehen? Ja.

Auf dieser Reise geschieht zum zweiten Mal etwas Sonderbares mit mir. Gestern wurde ich von einer kleinen Dame überrumpelt, die mich »auserwählt«nannte. Heute stehe ich wie ein willenloses Wesen, unfähig, mich zu bewegen, in der Sakristei einer südspanischen Kirche. Müsste ich nicht eigentlich verängstigt sein? Aber ich bin es nicht, obwohl ich mich nicht bewegen kann. [...]

Heute Vormittag war das Leben noch sehr konkret und überhaupt nicht mysteriös gewesen. Aber jetzt haben die anderen die Kapelle verlassen, und nur ich stehe hier wie angewurzelt in der Sakristei, wie mit weichem Blei gefüllt. Ich rühre mich nicht, befinde mich aber in einem so behaglichen Zustand, dass dieser alles übertrifft, sogar die Neugier. Da kommt Andrea zurück, bleibt stehen und starrt
mich an.

»Ich kann mich nicht bewegen«, sage ich zu ihm. »Was ist das für ein Licht um dich herum?«, fragt er. Wir stehen da und sehen uns nur an. Dann wiederholt er: »Was ist das für ein Licht um dich herum?« »Warum kann ich mich nicht bewegen?«, wiederhole ich. »Etwas ist mit dir geschehen«, sagt er, fasst mich fest an den Schultern und führt mich hinaus. »Ich kann jetzt selbst gehen«, konstatiere ich. »Ich bin nicht gläubig«, sagt er dann. »Das darfst du nicht glauben. Ich weiß nichts über so etwas, aber du leuchtest, du leuchtest«, fährt er unsicher und verlegen fort.

Der Moment ist so intim, dass wir beide erröten. Ich sehe ihn an und blicke gleichzeitig wieder in mich selbst hinein, und er wendet sich ab.

Die Frau, die nicht an Gott glaubte und Jesus traf

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