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Ede und Unku - die wahre Geschichte

Janko Lauenberger erzählt:

Unku - Erna Lauenburger (1937)
Seit ich mich erinnern kann, war da immer dieses kleine rote Buch. Früher hatte es meiner Großmutter gehört. Jetzt liegt es in dem schmalen Holzregal über meinem Bett: »Ede und Unku« steht auf dem Deckel. Abends, wenn ich nicht einschlafen kann, obwohl meine Eltern mir schon einen Gutenachtkuss gegeben haben, begleitet es mich in den Schlaf. Bis es mir irgendwann aus den Händen rutscht. Selbst als ich noch nicht lesen kann, blättere ich darin. Von Foto zu Foto. Sie zeigen alle dieses Mädchen. Es ist mir sofort vertraut, als würde ich es von irgendwoher kennen. Sein breites Lachen, die Lippen, die auf den Bildern beinahe schwarz wirken. Der Bubikopf mit dem dichten Pony, der die dunklen Augen fast verdeckt. Mal steht es neben einem Jungen vor einem Karussell, mal sitzt es vor ihm auf einem Fahrrad oder auf dem gefleckten Kleinpferd seiner Großmutter. Der Junge heißt Ede, das Mädchen ist Unku. Meine ältere Schwester, die schon zur Schule geht, hat mir erzählt, worum es in dem Buch geht:

Ein Berliner Arbeiterjunge, nämlich Ede, lernt auf dem Rummel ein Mädchen kennen: Unku. Die beiden werden Freunde. Obwohl Ede ein Gadsche ist und Unku eine Sinteza. Das war damals, Ende der 20er-Jahre, sehr ungewöhnlich, und auch Edes Vater würde seinem Sohn den Umgang mit der »Zigeunerschen« anfangs am liebsten verbieten. Wie viele Deutsche hält er unser Volk für umherziehende Diebe. Aber die Kinder halten zueinander und bestehen jede Menge Abenteuer.

Weil die Autorin Grete Weiskopf alias Alex Wedding Kommunistin war, handelt das Buch auch von streikenden Arbeitern, arbeitslosen Vätern, tapferen Kommunisten und habgierigen Kapitalisten. Sonst wäre es vermutlich nie in den Lehrplänen der DDR gelandet. Seit den 50er-Jahren haben es Millionen von Schülern gelesen, es gilt als Leuchtturm der sozialistischen Kinderliteratur. Das Klassenkampf-Gerede darin beeindruckt mich allerdings weniger. Ich verstehe es überhaupt noch nicht. Mich faszinieren die Bilder und die Namen. Mir ist gleich klar, sie haben mit mir zu tun: Onkel Heinrich, Feini, Schäfchen, Pajaza, Kaula. Auf dem Cover steht zwar »Ein Roman für Jungen und Mädchen«, aber die Menschen, die darin auftauchen, haben wirklich gelebt. Sie sind meine Familie. Unku ist die Cousine meiner Großmutter Kaula. Die beiden sind gemeinsam aufgewachsen. Wie Schwestern. Lange waren sie unzertrennlich.

Meine Schwester muss mir immer wieder die Stelle vorlesen, in der Ede Unku zum ersten Mal in der Papierstraße besucht und Kaula mit Ziegenpeter im Bett liegt. Ich kann mir alles genau vorstellen: die Straßen Berlins, die Laubenpieperkolonien und den Hof, auf dem Unkus und Kaulas Wohnwagen stehen und vor allem deren Bewohner. Die Zigarren rauchende Großmutter Nutza, die schwer arbeitende und immer müde Mutter Turant und Unku, die mir wie die perfekte Freundin erscheint. Sie ist hilfsbereit, herzlich, mutig und manchmal verwegen. Ich habe sie nie kennengelernt, aber Grete Weiskopf hat ihnen mit ihrem Roman ein Denkmal gesetzt. 1931 ist er zum ersten Mal erschienen. Lange wusste niemand in Unkus Familie von seiner Existenz. Auch Kaula nicht.

Erst 35 Jahre später gelangte das Buch zu uns. Damals war ich noch nicht geboren. Beim Einkaufen hatte es meine Großtante Flauma zufällig in einem Schaufenster entdeckt. Dieses Mädchen dort auf dem Buchcover – das kannte sie doch! Also trat sie in den Laden und fragte: »Wie heißt dieses Buch da?« »Ede und Unku«, antwortete die Verkäuferin. »Das ist er!«, rief Flauma. Ja, bei uns ist Unku ein männlicher Name, auch wenn seine Trägerin weiblich war. Er bedeutet so viel wie Lurch oder eben Unke.

Flauma hatte das Kind auf dem Foto nie vergessen. Sie kannte es von klein auf. Für Unku war sie eine Art Tante gewesen. Unkus Mutter war Flaumas Cousine, und ihr Vater hatte dieselben Urgroßeltern wie sie. Das letzte Mal hatte Flauma das Mädchen 1939 gesehen, im Zwangslager in Marzahn. Unku war bereits eine junge Frau und hatte eine kleine Tochter. Das Kinderbuch in Flaumas Händen hat ein gutes Ende. Unkus wahres Leben nicht. Unku und ihre beiden Töchter starben in Auschwitz, genauso wie ihre Mutter. Nur ihr Vater hat den Nationalsozialismus überlebt.

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