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Ede und Unku - die wahre Geschichte

»... eine anrührende, aufrüttelnde und zartbittere Geschichte ...« Heribert Prantl

(aus dem Vorwort)

In Berlin-Friedrichshain gibt es seit 2011 einen Ede-und-Unku-Weg. Er verbindet die Scharnweber- und die Dossestraße. Der Name »Ede und Unku« bezieht sich auf den Jugendroman »Ede und Unku«, der in der DDR sehr bekannt und Teil der offiziellen Schulliteratur gewesen ist. Millionen von Schülerinnen und Schülern haben das Buch gelesen. Grete Weiskopf hat den Roman, es war ihr erster, 1931 unter dem Pseudonym Alex Wedding geschrieben, 1933 gehörte er zu den von den Nationalsozialisten verbrannten Büchern. Er spielt in der Zeit der Weimarer Republik und handelt von der Freundschaft zwischen dem Berliner Arbeiterjungen Ede und dem Zigeunermädchen Unku.

Die jüdische und kommunistische Schriftstellerin Weiskopf hatte das Sinti-Mädchen Unku in den späten 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts in ihrer Berliner Nachbarschaft kennengelernt, mit ihr Freundschaft geschlossen und sich über die alltägliche Diskriminierung der Familie empört. Weiskopf schrieb ein mitfühlendes und leidenschaftliches Jugendbuch abseits der üblichen bösen antiziganischen Klischees, auch abseits der romantisierenden Klischees, aber erfüllt von einem proletarischen Elan, der sich vom Klassenkampf vieles, wenn nicht alles erhoffte; auch die Beseitigung des Antisemitismus und des Antiziganismus.

Der bürgerliche Name von Unku war Erna Lauenburger. Erna Lauenburger wurde, als sie Anfang 20 war, ins KZ Auschwitz deportiert und dort zusammen mit ihren Kindern und vielen Verwandten ermordet. Janko Lauenberger, Jahrgang 1976, hat nun ein Buch geschrieben über Unku. Sie war die Cousine von Janko Lauenbergers Großmutter Kaula, sie war also seine Urgroßcousine. Zusammen mit der Journalistin Juliane von Wedemeyer hat Janko Lauenberger nun die Geschichte von Unku und ihrer Familie bis heute weitererzählt. Es ist eine anrührende, aufrüttelnde und zartbittere Geschichte geworden.

Es ist eine Geschichte, in der deutlich wird, warum Lauenberger das Wort »Zigeuner« hasst: weil im KZ seinen Verwandten das Z für Zigeuner in den Unterarm gestochen wurde. Unku wurde die Nummer Z633 tätowiert, ihrer Tochter Bärbel Z634, ihrer Tochter Marie Z635. Lauenberger hört alle Vorurteile, die es gegen sein Volk gibt, wenn er das Wort Zigeuner hört. In seiner Familie nennen sich alle Sinti. Lauenbergers Buch über »Die wahre Geschichte von Ede und Unku« ist eine Familiengeschichte, die hin- und herblendet zwischen den 30er- und 40er- Jahren des letzten Jahrhunderts und der Jugendzeit von Janko, den Jahren vor und nach der Wiedervereinigung.

Am Schluss seines Buches zieht Lauenberger sein Fazit über Politik und Gesellschaft von heute und schreibt über den Rassismus, der »in Wellen über unser Land zu schwappen« scheine. In seiner Erinnerung waren die 90er-Jahre viel unbeschwerter als die Zeit heute: »Wer mich damals nach meiner Herkunft fragte, tat es aus Interesse … die Blicke der Menschen waren weich. Die Blicke, die mir heute begegnen, sind oft unfreundlich und bohrend.«

Die Vorurteile haben überlebt, und sie leben wieder auf. Früher holte man auf dem Land die Wäsche von der Leine, wenn die Zigeuner kamen. Heute stopft man auch dort die Wäsche in den Trockner. Aber die alten Vorurteile gegen Sinti und Roma sind überall geblieben – in ganz Deutschland, in ganz Europa. Studien sagen, dass von allen Minderheiten die Minderheit der Sinti und Roma in Deutschland auf die schärfste Ablehnung stößt, gefolgt von Asylbewerbern und Muslimen. Man kann über die Persistenz, über die Hartnäckigkeit und über die Dynamik von Vorurteilen klagen. Aber so ein allgemeines Lamento ändert gar nichts. So ein Lamento ändert auch nichts daran, dass die Sinti und Roma die Minderheit in Europa sind, der es am dreckigsten geht: Sie sind Europas vergessenes Volk. Auch dessen grausame Verfolgung durch die Nazis (die eine halbe Million Sinti und Roma umgebracht haben) ist weitgehend vergessen; daran hat weder der Ede- und Unku-Weg noch das 2012 in Berlin eingeweihte Denkmal für die Sinti und Roma etwas geändert.

Im Jahr 2011, zum Holocaust-Gedenktag, hat zum ersten Mal ein Sinto im Bundestag reden dürfen. Der alte Herr sprach vom vergessenen Holocaust an seinem Volk; mit dem Berliner Denkmal wurde dieser Holocaust im Jahr 2012 dem Vergessen entrissen. Der alte Herr klagte über die anhaltende Diskriminierung seines Volks; daran hat sich nichts geändert. »Wir sind doch Europäer!« hat Zoni Weisz, ein niederländischer Holocaust-Überlebender, gerufen.
Die EU, die sich als Raum des Rechts, der Sicherheit und Freiheit begreift, muss den Sinti und Roma genau dies geben: Recht, Sicherheit, Freiheit. Abschiebepolitik ist eine Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn-Politik. Die Politik in ganz Europa behandelt die Sinti und Roma wie Paria: Der Umgang ist von Schikane geprägt. Man will mit ihnen nichts zu tun haben. Die Umfragen spiegeln das nur wider. Der Sinn des Denkmals für die ermordeten Sinti und Roma ist daher auch ein Appell: Denk-mal darüber nach, wie aus Verachtung Achtung werden kann.

Es gilt, einem diskriminierten Volk eine Zukunft zu geben – dadurch, dass man es in seiner Besonderheit respektiert, dadurch, dass man nicht auf einer Integration nach landläufigen Vorstellungen beharrt. Das ist eine deutsche und eine europäische Aufgabe. Das Buch von Lauenberger und Wedemeyer ist eine Aufforderung und ein Beitrag dazu.

Heribert Prantl, im Januar 2018
(Jurist, Journalist und Autor. Heribert Prantl leitet das Ressort Meinung bei der »Süddeutschen Zeitung« in München und ist dort Mitglied der Chefredaktion.)

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