Franz Alt: Flüchtling – ein Quereinstieg mit kurzen Einblicken in das Buch

»Ich wünschte, ich wäre tot«

Täglich verdursten in der Sahara Flüchtlinge, viele ertrinken im Mittelmeer oder ersticken in einem mit 71 Menschen vollgestopften LKW in Österreich. Sie erleben seit Jahren Bombenhagel in Syrien oder im Irak. Frauen werden vergewaltigt. Kinder kommen ohne Eltern nach Deutschland. Familien werden ausinandergerissen. Babies weinen neben ihren verzweifelten Eltern, die vor geschlossenen Grenzen nicht weiterkommen und zusammenbrechen. Mitten in Europa. 2015 und 2016. Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, haben ein Trauma, aber auch einen Traum vom Leben. Bisweilen einen Traum vom Paradies in Europa. Und was tun wir Europäer [...]?

Was haben sie erlebt, diese Schmuddelkinder, bevor sie zu uns kommen? Dem Nahostkorrespondenten Karim El-Gawhary erzählt die Syrerin Soha von ihrer Flucht mit vier Kindern über das Mittelmeer: Ihr Boot war mit 160 Flüchtlingen an Bord gesunken. Soha trug als einzige eine Schwimmweste. »Ihre vier Töchter im Alter zwischen drei und elf Jahren klammerten sich panisch an die Mutter. Die Gruppe drohte unterzugehen, weil die Schwimmweste das Gewicht von fünf Menschen nicht über Wasser halten konnte. Soha war in einer Lage, die sich keine Mutter der Welt vorstellen will. Damit sie nicht alle ertranken, musste sie entscheiden, welches ihrer Kinder sie loslässt. Doch Soha wollte und konnte sich nicht entscheiden, strampelte, um über Wasser zu bleiben, und wartete ab, was als Nächstes geschehen würde. Als erstes ließ die dreijährige Haya sie los, die für immer in den Fluten abtauchte. Dann folgten Sama und Julia in die Tiefe des nächtlichen Meeres. Sechs Stunden später wurde Soha mit ihrer ältesten Tochter Sarah von der ägyptischen Küsten wache aus dem Wasser geborgen. So kam es, dass sie diese Geschichte überhaupt noch erzählen konnte.« Der Journalist Karim El-Gawhary fügt diesem erschütternden Schicksal noch diesen Satz an: »Es gibt viele Sohas, von denen wir nie hören werden.« [...]

Viele Flüchtlingsfrauen, die zu uns kommen, wurden zuvor verschleppt, verkauft und vergewaltigt. Dem Reporter El-Gawhary erzählt eine jesidische Frau, die von IS-Schergen traktiert und traumatisiert wurde: »Ich wünschte, ich wäre tot.« Amscha war eine der wenigen Jesidinnen im Irak, die den IS-Terror wenigstens überlebt hatte. Aber wie?

»Mein Kind, und die Tatsache, dass ich ein weiteres im Bauch habe, sind der einzige Grund, warum ich mich noch nicht aufgehängt habe, denn ohne mich könnten die Kinder nicht weiterleben.« Total traumatisiert und nahezu gefühllos erzählt die Mutter über die Islamisten: »Sie haben die Männer, die über 14 Jahre alt waren, vom Rest der Gruppe getrennt und haben ihnen einem nach dem anderen vor unseren Augen in den Kopf geschossen, darunter auch meinem Mann, meinem Bruder, unserem Vater und dem Onkel. Ich weiß nicht mehr, wie viele es waren, aber ich erinnere mich an das Bild, als sie alle in ihrer Blutlache auf dem Boden lagen.« Amscha, ihre Tochter, ihre Schwiegermutter und ihre Schwägerin galten anschließend als legitime Beute der Dschihadisten in ihrem »Kampf gegen die Ungläubigen«. Sie wurden wie Vieh auf dem Markt feilgeboten und je nach Alter und Schönheit für sechs bis zwölf Euro verkauft. Auf abenteuerliche Weise und mit Hilfe eines mutigen alten Mannes gelang Amscha die Flucht aus der IS-Gefangenschaft.

Und wieder frage ich mich, ob sich neonazistische Ausländerfeinde in Deutschland für solche Schicksale überhaupt interessieren.

Flüchtling

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