Roger Hobbs - Ghostman

GHOSTMAN von Roger Hobbs - Goldmann Verlag

„Raub ist die perfekte Methode, sich schnell mit Geld zu versorgen“

Roger Hobbs über sein Thrillerdebüt „Ghostman“

Roger Hobbs
© Michael Lionstar
2011 reichten Sie am Tag Ihres Collegeabschlusses im Alter von 22 Jahren das Manuskript für „Ghostman“ ein. Es sorgte auf Anhieb für Furore: Allein auf Grundlage der ersten 50 Seiten erwarben drei internationale Verlage die Rechte zur Veröffentlichung. Mittlerweile wurde „Ghostman“ in 20 Länder verkauft, Warner Brothers erwarb die Filmrechte, und „Ghostman“ avancierte zum New-York-Times-Bestseller. Wie haben sich durch diesen Erfolg Ihr Leben und Ihre Arbeit als Autor verändert?

Die größte Veränderung bestand darin, dass ich meinen Lebensunterhalt plötzlich selbst finanzieren konnte. Ich hatte meinen Collegeabschluss gerade gemacht, als Amerika mitten in der größten Rezession der letzten achtzig Jahre steckte. Es gab nirgends Jobs für Collegeabgänger. Anfangs, als das Manuskript von „Ghostman“ verkauft wurde, übernachtete ich auf einem kleinen Zweiersofa in der Einzimmerwohnung eines Freundes. Ich teilte meinen Schlafplatz mit seiner Katze, und mein Erspartes reichte genau für drei Monatsmieten, vorausgesetzt, ich ernährte mich in dieser Zeit ausschließlich von Fertiggerichten und Hundefutter und würde nicht krank. Der Verkauf von „Ghostman“ ermöglichte es mir, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen als dem bloßen Überleben – ich konnte meine Zeit nun dem Schreiben widmen.


Sie begannen mit zwölf Jahren zu schreiben und haben seither sieben Romane, zwei Theaterstücke und mehrere Drehbücher für Film und Fernsehen verfasst. Geriet das Schreiben für Sie nicht in Konflikt mit Schule, Studium und Freundschaften?

Das Schreiben stand der Schule oder dem Privatleben nie im Weg. Für mich boten Schulzeit und Studium großartige Gelegenheiten zum Schreiben, denn als Schüler und Student musste ich mir einige Jahre lang keine Sorgen um meinen Lebensunterhalt machen. Ich konnte schreiben, wozu ich Lust hatte, und trotzdem meine anderen Aufgaben erledigen. Schriftsteller vergessen zu oft, dass Schreiben, verglichen mit anderen Jobs, eigentlich sehr leicht ist. Ich konnte ohne Einschränkungen für mein übriges Leben täglich eine Stunde lang in der Badewanne liegen und schreiben. Das ist wesentlich einfacher als, sagen wir mal, zwölf Stunden täglich für einen Hungerlohn Gräben auszuheben. Ich finde, das sollte man sich immer vor Augen halten. Was würde ich lieber tun: in einem Sweatshop sitzen oder an einer Tastatur? Ganz klar, an einer Tastatur.


Sie haben „literary theory“ am Reed College in Portland studiert und Ihre Abschlussarbeit über Erzähltheorie am Beispiel von Edgar Allan Poe verfasst. Welchen Einfluss hatte die akademische Auseinandersetzung mit Spannung in der Literatur auf Ihre Arbeit an „Ghostman“?

Ganz sicher hat mein Studium meine Art zu schreiben beeinflusst. Meine Abschlussarbeit am Reed College untersucht, wie das komplexe Wechselspiel der Perspektive in Edgar Allan Poes „The Purloined Letter“ (dt.: „Der entwendete Brief“) die Erzählweise der Geschichte lenkt und letztendlich die Grundlage für die Detektivgeschichte bildet. Ich wollte ganz genau wissen, was diese Geschichte so unglaublich spannend macht. Was unterscheidet Spannungsliteratur von anderen Erzählformen? Ich brachte ein ganzes Jahr damit zu, unterschiedliche Theorien zu untersuchen und stellte schließlich selbst ein paar auf. Das sind für einen Schriftsteller wertvolle Erkenntnisse!


Hatten Sie schon immer ein Faible für Thriller?

Als ich jünger war, mochte ich keine Thriller. Am Anfang schrieb ich ein paar Science-Fiction-Romane, weil mir dieses Genre damals gefiel. Mit Thrillern konnte ich nichts anfangen. Erst als ich in einem örtlichen Buchladen auf Robert Crais´ „The Monkey´s Raincoat“ (dt: „Die gefährlichen Wege des Elvis Cole“) stieß, begann ich, mich für das Genre zu interessieren. Dieses Buch veränderte mein Leben. „The Monkey´s Raincoat“ wird in einer überzeugenden, witzigen und persönlichen Sprache erzählt, die mich sofort in die Geschichte hineinzog. Von der ersten Seite an war ich gefesselt, und das war mir zuvor noch nie passiert. Von da an wusste ich, dass ich Thriller-Autor werden wollte.


Im Zentrum von „Ghostman“ steht ein versierter Berufsverbrecher, der damit beauftragt wird, 1,2 Millionen Dollar aufzuspüren, die bei einem missglückten Raubüberfall auf ein Casino in Atlantic City verschwunden sind. Wie sind Sie auf diesen Einfall gekommen?

Das war einfach eine Eingebung.


Was ist eigentlich ein „Ghostman“, und welche Idee steckt dahinter?

Wenn sich Kriminelle zu einer Gang zusammentun, um einen Raub in großem Stil durchzuziehen, hat jeder in der Bande eine bestimmte Aufgabe. Von den meisten hat man wahrscheinlich schon einmal gehört. Der „Wheelman“ fährt den Fluchtwagen. Der „Boxman“ knackt den Safe. Der „Buttonman” hält die Zeugen in Schach. Der „Jugmarker” erarbeitet den Plan und schwört jeden darauf ein. Der „Ghostman“ hat eine Zusatzaufgabe: Er muss dafür sorgen, dass jedes Bandenmitglied unbehelligt entkommen kann. Er verkörpert den Identitätsdieb in Reinkultur – er kann sich von einem Moment auf den anderen in jede beliebige Person verwandeln.


Der „Ghostman“ ist ein skrupelloser Profikrimineller. Woran liegt es, dass man beim Lesen trotzdem Sympathie für ihn empfindet?

Natürlich ist der Ghostman ein Verbrecher, aber er hat viele Eigenschaften, die die Leser hoffentlich mögen werden. Zum Beispiel ist er erfrischend amoralisch. Er tut etwas nicht deshalb, weil er es für richtig oder falsch hält, sondern weil es für ihn praktisch oder interessant ist. Ich glaube, dass die Leser diese Weltsicht faszinieren wird. Er wird weder von der Sucht nach Reichtümern noch von Mordlust oder der Hörigkeit gegenüber einem Anführer getrieben, sondern von seiner Einsamkeit, Langeweile und seinem ganz persönlichen Verhaltenskodex. Er lechzt nach Spannung. Allerdings ist seine größte Stärke zugleich auch seine größte Schwäche – denn wie kann er den Sinn seines Lebens erkennen, wenn er sich in jede beliebige Person verwandeln kann? Er versucht herauszufinden, wer er ist und welche Bedeutung sein Dasein hat. Möchte das nicht jeder andere auch?


Gab es Kriminelle in der Geschichte oder in Literatur und Film, die Sie zu Ihren Romanfiguren inspiriert haben?

Es gibt viele reale Verbrecher, die mich inspirierten. Ribbons und Moreno gehen auf Emil Matasareanu und Larry Phillips zurück, ein amerikanisches Räuberduo, das berühmt dafür war, bei Überfällen Panzerwesten, Drogen und schwere Sturmgewehre einzusetzen. Die Anregungen für meinen Antagonisten, den „Wolf“, erhielt ich zum Teil von der wilden, gewalttätigen Persönlichkeit, die Pablo Escobar entwickelt hatte, Kolumbiens mächtigster Drogenbaron. Zu Jack ließ ich mich von einer Schar unterschiedlicher Gangster inspirieren: Äußerlich ähnelt er dem legendären amerikanischen Bankräuber John Dillinger, wohingegen seine Vorgehensweise an Willie Sutton, genannt „Willie the Actor“, erinnert, der seine Banküberfälle in vielfältigen Verkleidungen beging. Ich wollte ein Buch aus der Perspektive eines Verbrechers schreiben, der sich mit ihnen auf Augenhöhe befindet.


In Ihrem Thriller geben Sie erstaunlich detailliert Hintergrundwissen über die Planung von Verbrechen preis. Sie gehen dabei weit über das hinaus, was Leser in einem Thriller für gewöhnlich erwarten würden. Beispielsweise schildern Sie nicht nur, wie ein gepanzerter Geldtransporter von innen aussieht oder welche Wirkung ein Schalldämpfer tatsächlich hat. Sie beschreiben auch, wie eine Farbspraydose zum Mordwerkzeug werden kann, was beim Entsorgen von Leichenteilen in Müllsäcken zu beachten ist, warum ein Containerplatz ein besseres Versteck als ein Hotelzimmer sein kann und wie man dieses Containergelände betritt, wenn man den Sicherheitscode des Tores nicht kennt… Wie haben Sie derartiges Insiderwissen erworben?

Ich habe sehr umfangreich auf zwei Ebenen recherchiert: theoretisch sowie vor Ort durch unmittelbare Begegnungen. Zugegeben, den größten Teil der Nachforschungen erledigte ich ganz bequem vom Schreibtisch aus. Es gibt Berge an Literatur über diese Themen, im Internet und anderswo. Was ich in Büchern nicht finden konnte, darauf stieß ich in Chatrooms. Tief verborgen gibt es Internetseiten, auf denen aktive Kriminelle miteinander kommunizieren und Geheimnisse austauschen. Sie würden nicht im Traum darauf kommen, wie viel man da draußen findet. Allein übers Internet brachte ich mir vier verschiedene Wege bei, ein Auto zu stehlen, zwei Techniken, um Schlösser zu knacken, und man erfährt sogar, wie man allein aus Küchenutensilien eine funktionsfähige Schusswaffe mit Schalldämpfer herstellen kann.

Natürlich bin ich durch Onlinerecherchen und Bücherlesen nicht über einen bestimmten Punkt hinausgelangt. Alles Weitere musste ich vor Ort erledigen. Ich schnallte mir ein Messern in den Stiefel, kaufte ein paar Packungen Zigaretten als Tauschwährung und zog durch die Straßen. Ich ging in die heruntergekommensten Viertel und fragte mich so lange durch, bis ich jemanden fand, der mir Informationen geben konnte. Das war großartig – ich erfuhr nicht nur, wie man ungeschoren davonkommen kann, wenn man ein paar ziemlich schwere Verbrechen begangen hat, sondern ich lernte auch, wie Gangster Geschichten erzählen. Diesen Slang wollte ich in „Ghostman“ aufgreifen.


Gab es bei Ihren Recherchen skurrile Begegnungen oder brenzlige Situationen?

Allerdings. Um den Versammlungsraum einer bestimmten Gang in Seattle betreten zu dürfen, musste ich mir einen Revolver an den Kopf halten und abdrücken. Natürlich bestand keine wirkliche Gefahr – die Waffe war offenkundig nicht geladen – aber die Absicht dieses Rituals war eindeutig. Wenn man mit einer Gruppe von Verbrechern in einem Raum steckt, ist immer der am mächtigsten, der am wenigsten zu verlieren hat. Deshalb musste man seine Furchtlosigkeit beweisen, um in den Club aufgenommen zu werden.

Manchmal hatte ich auch einfach nur Glück. So entkam ich an einigen Orten nur knapp einer Schlägerei. Aber meistens hatte ich überhaupt keinen Ärger. Viele Kriminelle sind Egomanen. Ich brauchte nur erwähnen, dass ich Schriftsteller sei, und schon redeten sie stundenlang auf mich ein und erzählten mir den ganzen verrückten Mist, den sie verbrochen hatten. Dabei war mir egal, ob es tatsächlich stimmte oder sich um Hirngespinste handelte – mir kam es auf den Geist der Geschichte an, nicht auf den Inhalt.


Was hat Sie an Atlantic City als Romanschauplatz fasziniert?

Als ich anfing, „Ghostman“ zu schreiben, lebte ich in Philadelphia, das sehr nahe bei Atlantic City liegt. Ich war begeistert von der ungeheuren Schönheit und grotesken Hässlichkeit dieser Stadt. Der Boardwalk ist mit milliardenschweren Casinos gesäumt, aber nur einige Blocks weiter weg gibt es derart schauderhafte, dreckige Slums, dass man kaum für möglich hält, dass sie zu ein und derselben Stadt gehören. Atlantic City ist schön und schäbig zugleich. Es ist der perfekte Ort für Gangster und Wirtschaftsverbrecher gleichermaßen.


„Ghostman“ dreht sich neben dem aktuellen Casinoraub auch um einen spektakulären Bankraub, der fünf Jahre zurückliegt. Was hat Sie dazu bewogen, ausgerechnet Raubüberfälle zu schildern. Gibt es für intelligente Berufsverbrecher nicht wesentlich risikoärmere und lukrativere Methoden, an richtig viel Geld zu kommen?

Einem Räuber geht es nicht allein um Geld. Die allermeisten werden nicht deshalb zu Verbrechern, weil sie davon träumen, Millionäre zu sein – sie begehen ihre Taten aus anderen Motiven. Wenn man durch harte Arbeit reich werden möchte, gibt es legale Wege. Und selbst wenn einem (aus verschiedenen Gründen) der Zugang dazu verwehrt ist, wäre Drogentransport ein Job, den nahezu jeder übernehmen kann und der auf lange Sicht fast immer einträglicher ist als bewaffnete Raubüberfälle. Damit kann man Geld machen. Nein, einen Bankraub begehen Kriminelle nicht, um reich zu werden, sondern weil es schnell geht. Fast immer sind Räuber entweder abhängig oder sie haben Schulden und brauchen auf die Schnelle viel Geld. Wer es nicht aus Verzweiflung tut, verfolgt dennoch einen ähnlichen Zweck: Ein Raubüberfall ist der einzige Job, bei dem man alle halbe Jahre zwei Minuten in Aktion tritt und die übrige Zeit wie Gott in Frankreich leben kann. Wie sonst könnte man an einem Nachmittag zwanzig Riesen verdienen? Für sie ist Raub ein Weg, dem Teufelskreis aus Armut und Hoffnungslosigkeit zu entkommen, in dem sie aufgewachsen sind, und dem Establishment eines auszuwischen. Ein Raub ist die perfekte Methode, um sich schnell mit Geld zu versorgen.


Seine Arbeit zwingt den „Ghostman“, im Verborgenen zu leben und auf enge Bindungen zu verzichten. Dennoch gibt es einen Menschen, der in seinem Leben über Jahre hinweg eine außerordentlich wichtige Rolle für ihn spielt: seine Mentorin Angela. Können Sie uns etwas mehr über diese Beziehung erzählen?

Was Jack und Angela zusammenschweißt, ist ihre Einsamkeit. Denn es kann einen unglaublich isolieren, wenn man keine feste Identität oder Persönlichkeit hat. All ihre anderen Beziehungen sind von vornherein nur vorübergehend, aber ihr Verhältnis verleiht Jacks und Angelas Leben ein Gefühl von Beständigkeit. Die Flüchtigkeit des Lebens empfindet ein „Ghostman“ unter Umständen verschärft. Natürlich besteht keine Beziehung ewig, aber für Jack und Angela enden Beziehungen bereits, kaum dass sie begonnen haben. Angela ist die einzige, die weiß, wer Jack früher einmal war. Sie ist sein Richtmaß. In seiner Wahrnehmung ist sie die einzige, die ihn daran erinnert, dass hinter all seinen Tarnungen immer noch ein richtiger Mensch steckt. Angela wiederum hat Jack gern, weil er der einzige ist, der sie mag, egal wie sie aussieht, welchen Ton sie anschlägt, wie sie sich verhält und was sie sagt. Er mag sie so, wie sie ist, auch wenn dieses „wie“ sich täglich ändert.


Sie schreiben gerade an einer Fortsetzung des Thrillers. Können Sie schon etwas über den neuen Roman oder das Konzept der Reihe verraten?

Es tut mir Leid, aber da muss ich Sie noch eine Weile auf die Folter spannen.

Interview: Elke Kreil