Leserstimmen zu
Alles, was ich nicht erinnere

Jonas Hassen Khemiri

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Man kann den Menschen nicht in den Kopf schauen, nur davor. Wie oft sieht man Fremde und macht sich innerhalb weniger Sekunden ein Bild von ihnen. Ein Pärchen, das sich aneinander schmiegt und Händchen hält. Natürlich seufzt man innerlich sofort entzückt auf und denkt „Hach, muss Liebe schön sein!“. Doch was, wenn dieses Pärchen gerade vor der schwersten Entscheidung seines Lebens steht und sich deshalb, voller Panik, aneinanderklammert? Was, wenn die bildschöne, durchtrainierte, fröhliche Blondine von nebenan gar nicht so glücklich ist, wie alle denken? Sondern von Selbstzweifeln zerfressen, weil sie nie weiß, ob die Menschen eigentlich SIE oder nur ihre makellose Fassade mögen? Was, wenn jemand, von dem man glaubt, ihn zu kennen, plötzlich ganz anders erscheint? Den Menschen um Samuel herum geht es so. Eigentlich ist Samuel ein ganz normaler junger Kerl, der in Stockholm lebt, der mit Freunden abhängt, manchmal einen über den Durst trinkt, Mädels hinterherschaut und wenig an die Zukunft denkt. Soweit, so durchschnittlich. Doch Samuel hat auch seine tiefgründigen Seiten: Er kümmert sich um seine demente Großmutter, er will viel erleben, deshalb hat er ein „Erfahrungskonto“ angelegt, für das er auch den größten Quatsch macht, er arbeitet im Amt für Migration, Freunde wählt er nicht nach der Hautfarbe, sondern nach Sympathie aus, er ist der Definition von Liebe auf der Spur. Alles noch nicht wirklich extraordinär. Der einzige Grund, weshalb Samuel plötzlich außergewöhnlich wirkt, ist, genau genommen, sein Tod. War es Selbstmord (Liebeskummer!)? War es ein Unfall (Alte Schrottlaube von einem Auto!)? War es gar Mord (Dieser Vandad, ob das wirklich ein guter Freund war oder doch ein mieser Schurke?)? Plötzlich scheiden sich die Geister an diesem Samuel, der zu Lebzeiten so wenig Aufsehen um seine Person gemacht hat. Die Geschichte ist dreigeteilt: AM (ante meridiem, also vormittags) – Laide (Samuels letzte Beziehung) – PM (post meridiem, also nachmittags). Aha! Und auch der Stil, dessen sich der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri bedient, ist nicht alltäglich. Er macht es dem Leser nicht leicht, in die Story einzusteigen. Sätze werden durch Sternchen und große Abstände als eigenständige Passagen erkennbar. Doch wer spricht? Wessen Perspektive liest man gerade? Wörtliche Rede wird nicht immer klar als solche kenntlich gemacht. Manche Absätze beginnen in der dritten Person und rutschen dann in die erste, da die Person, um die es in dem Abschnitt geht, plötzlich aus der „Ich“-Perspektive spricht. „Wer erzählt denn jetzt?!“, ist für mich als Leserin daher die zentrale Frage, die sich lange Zeit nicht abschütteln lässt. Immer wieder bin ich verwirrt, blättere ein paar Seiten zurück. Weil ich den Abschnitt nicht verstehe oder nicht einordnen kann, versuche ich, ihn in den Kontext zu bringen. Doch das Durcheinander spiegelt das Durcheinander um Samuel wider. Es ist eine Metapher für das Chaos, in dem sich der kleine Samuel-Kosmos befindet, nach seinem Tod. Denn WARUM um alles in der Welt ist er denn plötzlich tot? Gerade war er doch noch mit der Großmutter im Altersheim, hat sie dort abgesetzt, im nächsten Moment fährt er mit Vollgas gegen einen Baum! Im Verlauf des Buches straffen sich die Strukturen, man lernt zu erkennen, wem welche Textpassage zuzuordnen ist. Khemiris Stil ist es, keiner dieser Personen eine unverwechselbare Stimme, einen eigenen Slang zu geben. Die Sprache verbiegt sich nicht. Das macht es schwer, doch der Plot ist stark genug, einen durch diese Anstrengung zu tragen. Man erfährt so manches, womit man nicht gerechnet hat, die Sympathien für die verschiedenen Personen schwanken. Ein fiktiver Journalist ist es, der all diese Berichtfetzen wie Fäden nebeneinander gruppiert, auch mal ineinanderverflicht und am Ende nicht komplett entwirrt. Er trägt, so scheint es, einige Züge des Autors Khemiri, und tritt im letzten Teil des Buches mehr in Erscheinung. Doch auch er bleibt merkwürdig wenig greifbar, der Leser erfährt nur Bruchstückhaftes über ihn. Am Ende sind es die großen Themen Tod, Liebe, Freundschaft, die alles bewegen. Wie sehr beeinträchtigte Samuel die Tatsache, dass er ein schlechtes Gedächtnis hatte? Hatte er Panik, weil er dachte, ein Schicksal wie das seiner dementen Großmutter stünde auch ihm bevor? Wie viel Macht und Einfluss hatte Laide, Samuels große, verflossene Liebe? Wie wichtig war sein bester Freund Vandad wirklich für ihn – und warum sitzt er nun im Gefängnis? Wer war wirklich für Samuel da, als er noch lebte, wer wollte nur sein Ego mit ihm aufpolieren, wer hat ihn im Stich gelassen? Nicht alle Fragezeichen lösen sich gegen Ende auf, denn, auch wenn man Menschen beobachtet, befragt – man kann ihnen eben nicht in den Kopf schauen, nur davor.

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Samuel, der schmächtige junge Mann, der versucht, sein Erlebniskonto zu füllen, wo er nur kann, hat viele unterschiedliche Gesichter. Er ist fürsorglicher Enkel, großzügiger Freund und hingebungsvoller Liebhaber zugleich - doch wer war er wirklich? Nach seinem tödlichen Autounfall versucht ein Schriftsteller Samuel und das, was mit ihm geschehen ist, reportartig zu rekonstruieren, indem er Freunde, Familie und Bekannte zu Samuel und seinem Leben befragt. Doch war es wirklich ein Unfall? Und wie konnte es soweit kommen? EIN ROMAN WIE EIN KALEIDOSKOPARTIGER BLICK AUF EINEN MENSCHEN Perspektive ist alles - das und die Tatsache, dass es keinen allgemeingültigen Blick auf ein und denselben Menschen gibt, verdeutlicht "Alles, was ich nicht erinnere" von Jonas Hassen Khemiri mit eindringlicher Stimme und einem überraschend spannendem Erzählstil. Khemiri erzählt von dem Schicksal eines jungen Mannes aus den verschiedenen Blickwinkeln der Menschen, die er kannte und die von einem Schriftsteller zu dessen Schicksal befragt werden. Was zu Beginn verwirrend und zusammenhanglos zu sein scheint, entwickelt sich im Laufe des Romans zu einem komplexen Spiel aus Wahrheit und Widersprüchen, sodass ein verzerrtes und undurchschaubares Abbild des Protagonisten Samuel entsteht. "Alles, was ich nicht erinnere" ist wie ein Blick durch's Kaladeiskop - jeder, der hineinblickt, sieht etwas anderes, ein Spiegelbild seines eigenen Lebens und Erfahrungsschatzes. Ein beeindruckender Roman, bei dem man als Leser gefordert wird, mitzudenken und möglichst aufmerksam mitzulesen. Tatsächlich kommt man sonst schnell durcheinander, denn der Roman ist in kleine Abschnitte unterteilt, die, jeweils durch ein Sternchen getrennt, die unterschiedlichen Perspektiven darstellen und diese stetig wechseln. Manchmal durcheinander, meistens abwechselnd kommen so die verschiedenen Figuren zu Wort und erinnern sich im Nachhinein an Samuel und dessen Leben, oft parallel zur selben Situation. Durch die daraus oft entstehenden Widersprüche fällt es schwer, irgendeiner der Figuren wirklich zu glauben und auch Sympathie lässt sich nur sporadisch herstellen, dennoch erhält man ein plastisches Bild der verschiedenen Figuren. Besonders relevant sind hier Laide, die eine Beziehung mit Samuel hatte, und Vandad, der sein bester Freund war - die Erinnerungen und Gedanken der beiden Figuren geben viel Raum für Interpretation und auch wenn man viel herauslesen kann, so ist die Wahrheit am Ende doch nur ein wackeliges Konstrukt, von dem man nicht weiß, ob es tatsächlich real ist. Samuel ist der, zu Beginn der Geschichte bereits verstorbene, Protagonist der Geschichte, der wie ein Geist über den Erinnerungen schwebt und von dem man gleichzeitig nichts und alles erfährt. Er verbindet alle Figuren miteinander und zeigt, dass der Mensch viele Gesichter hat und das jeder Mensch seine eigene Geschichte in das Gesicht eines anderen projiziert. VIELFÄLTIG & KOMPLEX - MIT EINER FASZINIERENDEN GRUNDSTIMMUNG Die Geschichte spielt vor dem Hintergrund eines modernen Stockholms - zwischen Großstadtfeeling und Immigration erhält der Leser das multikulturelle und vielfältige Bild der schwedischen Hauptstadt. Unterstrichen wird diese Atmosphäre von dem geradlinigen Schreibstil, der je nach Sichtweise variiert und sich durch die berichtartige Erzählung wie gesprochene Alltagssprache liest. Dabei büßt der Schreibstil jedoch nicht an Tiefgründigkeit ein, sondern lässt immer wieder doppelte Böden. "Alles, was ich nicht erinnere" liest sich trotz der leicht verwirrenden Art der Erzählung (anfangs muss man etwas konzentrierter lesen und dranbleiben!) wie ein rasanter Thriller und ist besonders im Mittelteil kaum aus der Hand zu legen - und das obwohl die Geschichte thematisch eher von ruhigerem Ton ist. Hier sind es besonders die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Widersprüchlichkeit, die den Leser neugierig bleiben lässt. Hinzu kommt die auf eine merkwürdige Art faszinierende Grundstimmung, die leicht düster und geheimnisvoll anmutet. "Alles, was ich nicht erinnere" bietet einen kaleidoskopartigen Blick auf einen Menschen und demonstriert mit gleichzeitig eindringlichem und ruhigem Erzählton die Vielfalt der Perspektive und die verschiedenen Gesichter eines Menschen, sowie das Schicksal mehrer Menschen vor der Kulisse der schwedischen Hauptstadt.

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Interviewfetzen

Von: tination

21.06.2017

Das Buch: Samuel ist bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt? Waren es die schlechten Bremsen? Mord? Selbstmord? Niemand weiß es. Denn so wirklich kennt niemand Samuels Leben. Die verdächtige Freundin, der beste Freund, der für Geld alles tut, die Mutter und andere erzählen aus dem Leben Samuels… Ob sich so die Todesursache klären lässt? Wer war Samuel überhaupt? Jonas Hassen Khemiri – Alles was ich nicht erinnere Das Fazit: Der Autor macht es dem Leser nicht leicht mit diesem Buch. Der Einstieg erfordert Durchhaltevermögen und Genauigkeit des Lesers. Denn dieses Buch muss man sich erarbeiten. Wird aber spätestens nach dem ersten Drittel durchaus belohnt. Denn dann hat der Leser den Aufbau des Buches endlich verstanden. Es ist kein zusammenhängender Roman. Der Leser erhält man kleine Gesprächsfetzen, die die Charaktere dem fiktiven Autor erzählen. Hierbei werden die erzählenden Personen nicht offensichtlich benannt. Der Leser muss selbst herausfinden, wer gerade spricht. Und diese Fetzen sind meist nur eine halbe Seite lang. Ein wenig Mitleid hatte wohl doch der Autor mit dem Leser: kapitelweise wird nur zwischen zwei Gesprächssträngen hin- und hergesprungen. Wer aber spricht, muss man selbst herausfinden. Aber so viel sei verraten: am Ende kommt auch kurz Samuel zu Wort. Passend. Auch wenn das ja dann doch kein Interview darstellen konnte, wenn man seinen eigenen Tod beschreibt. Aber sei es drum: Letztendlich setzt sich das Buch vorrangig aus zwei Charakteren zusammen. Den besten Freund Samuel, Vandad. Und Samuels Ex-Freundin Laide. Beide haben doch eine recht unterschiedliche Meinung zu Samuel. Und doch lernt der Leser Samuel weit besser kennen, als es jetzt scheinen mag. Beide haben ihre Ereignisse und Geschehnisse mit dem Toten. „Wir küssten uns, wir sagten Tschüss, wir küssten uns, wir sagten Tschüss, wir küssten uns, wir sagten Tschüss, wir sagten dass wir jetzt wirklich Tschüss sagen müssten, wir küssten uns, wir bedankten uns für das Treffen, es war cool, sich zu sehen, aber jetzt müssen wir Tschüss sagen. Ich muss nach Hause, ich auch, ich muss morgen arbeiten, ich auch, wir sagten Tschüss, wir küssten uns.“ Seite 161 – 162 Und bei all dem Rätseln, wer Samuel war und wie es soweit kommen konnte, schwingt noch ein wenig Gesellschaftskritik mit. Schauen wir uns Personen richtig an? Wissen wir, wie es ihnen wirklich geht? Würden wir es merken, wenn es der Person schlecht geht? Es bleibt ein Rätsel. Auch das Thema Immigration wird hier unterschwellig angesprochen. Samuel und auch Laide sind Kinder von Immigranten. Beide helfen Flüchtlingen. Doch können die beiden wirklich die harte Realität der Flucht verstehen? Beide, die in Stockholm geboren und aufgewachsen sind? Zusammenfassend ist ein Buch das durchaus überrascht. Nach dem sehr holprigen Start blüht dieses Buch regelrecht auf. Es lohnt sich also, durchzuhalten. Und man rätselt immer wieder, wie und was geschah. Empfehlenswert.

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