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Michael Jürgs

SPECIAL zu Michael Jürgs

Eine Art Nachruf

von Michael Jürgs

Nein, hatte er damals am Telefon gesagt, nein, das könne er sich eigentlich kaum vorstellen, dass ich seine Biografie schreiben wolle. Er lebe schließlich noch und überhaupt sei ihm das viel zu privat. Ich dürfe aber versuchen, seine Meinung zu ändern. Dann beschrieb mir der erfahrene Beifahrer, der keinen Führerschein besitzt, den Weg nach Behlendorf, wo er in einem ehemaligen Forsthaus nahe dem Elbe-Trave-Kanal wohnte, und als ich dann bei ihm saß, beroch er mich auf seine Art. Das dauerte. Er suchte meine schwache Stelle und ich suchte seine, aber ich fand seine schwächste nicht.
Im Jahr 2001 jedenfalls begann meine Recherche im Leben des Nobelpreisträgers. Es dauerte insgesamt 427 Tage und Nächte, bis ich nach 945 050 Anschlägen den letzten Satz über ihn schrieb. Und wie ich dann erfahren sollte, nichts davon erfuhr, was im August 2006 anlässlich des Erscheinens seines Buches «Beim Häuten der Zwiebel« als die Waffen-SS-Beichte des großen GG bekannt geworden ist. Auf die Idee, ihn danach zu fragen, bin ich, als Journalist versagend, nicht gekommen. Ich hätte nie eine Nähe ausgerechnet von Grass zur Mörderbande Waffen SS vermutet. Das schien mir ähnlich abwegig wie eine Frage, ob Hansans Filbinger im Widerstand gegen Hitler gewesen sein könnte.
Wer eine Biografie Günter Grass schreiben wollte, über den sogar diejenigen schon mal was gelesen haben, die noch nichts von ihm gelesen haben, wagte sich auf ein weites Feld. Das reizte mich. Ich musste trainieren für eine so große Distanz. Bevor ich mich nachfragend in sein Leben einzunisten als Gast auf Zeit, habe ich deshalb alles gelesen, was Grass geschrieben hatte. Zusätzlich rund dreißigtausend Seiten studiert, die über ihn gedruckt erschienen waren in Zeitungen und Zeitschriften der Länder, deren Sprache ich verstehe. Sechzehn Ordner standen danach rechts neben mir in meiner Schreibzelle. Die ist fünf Quadratmeter groß. Auf der Pinnwand links hing anfangs nur ein Foto von Grass, das ihn mit Ernst Bloch zeigte, wachsende Erkenntnisse deckten dann die Fläche zu mit detaillierten Strukturplänen, was wo warum in welchem Kapitel stehen sollte.
Wie aber nähert man sich überhaupt einem überlebensgroßen Gesamtkunstwerk? Am besten vorbereitet. Und wo sollte ich beginnen? Am besten da, wo am 16. Oktober 1927 sein Leben angefangen hat. Schauplätze und Menschen aus »Blechtrommel«, »Katz und Maus«, »Hundejahre«, »Unkenrufe« gespeichert im Kopf fuhr ich im Sommer 2001 zum erstenmal in die Stadt, die schon lange Gdansk heißt, in die Vergegenkunft des bis 1974 katholischen Kleinbürgers Günter Grass, Sohn eines Kolonialwarenhändlers aus dem Labesweg 13 im Vorort Langfuhr. Die Straße fand ich, bevor meine Dolmetscherin Anna einen Passanten danach gefragt hatte, denn Grass beschreibt nachgehbar die Schauplätze seiner Geschichten. Wer Trommler Oskar für sein alter ego hält, verwechselt aber wahres Leben mit dem erdachten.
Der sprachgewaltige Kaschube konnte gut zuhören; der listige Skatspieler hatte früh gelernt, seine Trümpfe im richtigen Moment auszuspielen. Als es bei einem Sommergewitter und prasselndem Regen schon nachmittags fast dunkel wurde im Behlendorfer Atelier, lotste mich seine Stimme in eine andere Welt. In die eines Geschichtenerzählers, der kein Tageslicht brauchte, denn Sprachverführer wie Grass konnten schon immer im Dunkeln gut munkeln. »Ich gebe kein Bild ab. Sinnlos, mich auf einen Nenner bringen zu wollen« warnte er dichtend, und wenn ein Haus zwei Ausgänge habe, dann suche er den dritten.
Ich suchte den Eingang.
Der Rhythmus unserer Begegnungen ergab sich aus dem Stand meiner Recherchen. Grass wurde zum Lebenspartner auf Zeit. Je mehr ich über ihn erfuhr nach Interviews mit Freunden und Feinden, mit Zeitgenossen und Genossen, desto kundiger konnte ich fragen. Je mehr Bücher von Grass ich gelesen hattee, desto sicherer war ich, dass eines über ihn geschrieben werden musste.
Auf »verquere Weise bin ich unkompliziert«, sagte Grass und das machte die Annäherung an ihn nicht einfacher. Den großen Ring an seinem Finger hatte er gefunden in einem Laden in Hongkong, wo er mit seiner damaligen Freundin und späteren Frau Station gemacht hatte und den habe er gekauft und dann zu Ute gesagt: »Jetzt sind wir verlobt.« Meine Neugier auf den privaten Grass musste anfangs so grenzenlos banal sein wie in dieser banalen Ring-Parabel. Erst als ich mehr wusste aus seinem Leben, konnte ich beim Schreiben died Grenzen ziehen.
Sich erzählen zu lassen die Geschichten hinter Lebensdaten, war einfacher. Aufgewachsen zwischen dem »Heiligen Geist und Hitlers Bild« in Danzig, in der Nähe der Ostsee, die damals wie heute blubb machte und pschsch. Der Mief, zu dem er gehörte, den »riecht er heute noch gern«, sinnenfroh essend und trinkend und kochend und tanzend die Feste der kleinen wie der großen Leute genießend, die seines Clans und die bei Königs in Stockholm anlässlich des Nobelpreises. Wo auch immer in der Welt er hinkam und gefeiert wurde — er vergaß nie, woher er kam. Seinen Schattenmann Ruhm, ständiger Begleiter seit der »Blechtrommel«, benutzte er deshalb bewußt nur als Grüßgustav und als Türöffner, als Gegenredner und als Sprachrohr für Sprachlose. Das nächtliche Handwerk des Waschbrettspielers einst in einer Düsseldorfer Jazzband hatte dem Bildhauer Grass ein feines Gehör für falsche Töne hinterlassen.
Seine Buchtitel sind eingängige Botschaften. Auch das hatte er geübt, unter dem Titel »Die Milchflaschenpost« Werbetexte verfasst für die Meierei C. Bolle und von den Honoraren die Miete für seine Wohnung in Berlin bezahlt. Mit seiner ersten Frau Anna, der Ballerina, ist er nach Paris gezogen, reich an Plänen, aber »arm an notwendigem Unterfutter« und im Hinterhof der Avenue d´Italie 111 im Heizungskeller »episch dickarschig« geschrieben, hatte mit der Kohlenschaufel vor Arbeitsbeginn die Ratten verjagen müssen, während Anna in Madame Noras Ballettstudio am Place Clichy tanzte, hat dort die verschiedenen Fassungen der »Blechtrommel« aufgemalt, die ihn dann1959 Schlag auf Schlag in den Olymp wirbelte.
Als Günter Grass damals von seiner Mutter sprach, wurde seine Stimme weich. Sein Selbstbekenntnis vom Mutterkomplex, was so mal auf seinem Grabstein stehen dürfe, war nicht ironisch gemeint. Der achtfache Vater, Großvater von damals fünfzehn Enkeln, blieb der kleine Junge aus dem Labesweg immer dann, wenn er seine Mutter schreibend, erzählend unsterblich machte. Sein einziges Ölbild, einen Blumenstrauß, hat er ihr zuliebe gemalt und das hing bei seiner Schwester Waltraut.
Grass teilte stets lieber aus, als einzustecken und wer ihm am Ende Recht gab, durfte ihm am Anfang widersprechen und der Nörgler gab gern seinen Senf dazu, noch bevor die Wurst auf dem Teller lag und er war radikal gegen Reaktionäre von links oder rechts und sozialdemokratisch gegen Radikale und realistisch, wenn andere in Utopien abhoben, und er hatte lustige braune Augen, die nur bei Bedarf ungemütlich blitzten und statt erst am Ende zynisch zu werden, blieb er von Anfang an skeptisch und über sein Leben als Mann, gern liebend, schwieg er sich liebend gern aus und wie ein Verein hieß, war ihm egal, solange er ihm vorsaß und nur er hätte seine Zweitfamilie Gruppe 47 nach Richters Tod zusammenhalten können und regelmäßig überprüfte er von Zeit zu Zeit seine Ziele, denn Endziele waren ihm suspekt und da der Verfassungspatriot so fest auf dem Boden des Grundgesetzes stand, hatte er Plattfüße.
Im Buch, so schrieb er mir nach Erscheinen meines Buches «Bürger Grass – eine deutsche Biografie«, sei zwar zu viel privates «Gewese«, aber insgesamt sei es wohl gelungen. Nachdem ihm seine Frau Ute nach Lektüre gesagt hatte, ihr sei es allzu viel privates Gewese, vor allem jenes, das außerhalb ihrer Beziehung geschehen war, nickte er mir bei Veranstaltungen nur noch verstohlen zu. Sozusagen unter uns Männern. Als er bekannte, bei der Waffen SS gedient zu haben und ich mich wie viele andere auch, tief enttäuscht empörte, herrschte ab 2007 zwischen uns so etwas wie Kalter Krieg. Sein auch schon längstr verstorbener Lektor Helmut Frielinghaus, der ihn wahrscheinlich jetzt im Club der toten Dichter empfangen wird - ich wette, die wählen den Alten zum Vorsitzenden auf Ewigkeit – ein hoch gebildeter Mann, dem Autodidakten GG treu und nahe, mir nicht feindlich gesinnt, versuchte vergeblich zu vermitteln.
Viele Jahre später, aber nicht zu spät, beim Fest zum siebzigsten Geburtstag seines Lebensfreundes Manfred Bissinger, flüsterte mir Eva Rühmkorf zu, ich möge an die Bar gehen, dort stünde allein Grass, der genau um Mitternacht seinen 83. Geburtstag beginge. Ich zögerte. Sie drückte mich zweimal auffordernd in den Arm. Ich stand auf und ging hin. Grass blickte hoch und sagte: «Mein Lieber, wollen wir wieder Frieden schließen?«
So beschlossen wir es und tranken darauf. Als wir das Glas geleert hatten, fing der Alte an zu erzählen, und erst dann, wenn wir uns dereinst wieder treffen, werde ich das Ende seiner Geschichte erfahren. Denn auch in der ewigen wird er keine Ruhe geben und lustvoll stören: » Mit einem Sack Nüsse /will ich begraben sein/ und mit neuesten Zähnen/ Wenn es dann kracht,/ wo ich liege, kann vermutet werden:/: Er ist das, immer noch er.«

MICHAEL JÜRGS

Das nationale Wappentier Grass …

Kara bellt und schnüffelt an meinem Bein. Als sie keine Angst riecht, lässt sie sich streicheln. Ihr Bezugsmensch, der sie bei ihren Ausflügen im nahen Wald begleitet, öffnet auf mein Klopfen hin die Tür seines Ateliers. Dunkles borstiges Haar, grau durchhängender Schnauzbart, erkaltete Pfeife im Mundwinkel. Kara übergibt. Nun nimmt er Witterung auf. Prüfende Augen-Blicke unter halb hängender Brille. Er erwartet keinen besonderen Besuch.
Nur mich.

Nein, hatte er am Telefon gesagt, nein, das könne er sich eigentlich kaum vorstellen, eine Biografie. Er lebe schließlich noch und überhaupt sei ihm das viel zu privat. Ich dürfe aber versuchen, seine Meinung zu ändern. Dann beschrieb mir der versierte Beifahrer, der keinen Führerschein besitzt, den Weg nach Behlendorf, wo er in einer Gründerzeitvilla nahe dem Elbe-Trave-Kanal wohnt, und nun bin ich hier. Wir setzen uns hin. Günter Grass beriecht mich auf seine Art.
Das dauert.

Er sucht meine schwache Stelle und ich seine. Wenn er dein Vorhaben akzeptiert, über siebzig Jahre Zeitgeschichte an seiner Person entlang zu erzählen, wird er dir einen Schnaps anbieten, hatte ein gemeinsamer Freund gesagt. Bevor ich an diesem Abend zurückfahre nach Hamburg, schenkt mir Grass einen Schnaps der Algarve ein, wo er ein Ferienhaus besitzt.
So begann mein Leben mit dem Nobelpreisträger, und es dauerte insgesamt 427 Tage und Nächte, bis ich am 2. Mai 2002 nach 945 050 Anschlägen den letzten Absatz über ihn tippte, der auch in diesem Text hier am Ende stehen wird. Kara wird da noch mal auftauchen.

Wer eine Grass-Biografie schreibt, über den sogar diejenigen schon mal was gelesen haben, die noch nichts von ihm gelesen haben, wagt sich auf ein weites Feld. Das reizte mich. Germanisten schilderten lieber Leben und Werk und hielten das Lebenswerk für das eigentliche Leben des Dichters. Die Einsamkeit des Langstreckenschreibers ist dennoch einer Beschreibung wert. Eh sei das »Schönste am Schreiben das Schreiben«, sagt Grass, der im Alter von sechzehn Jahren die Schule für immer verließ.

Mein Leben mit dem Nobelpreisträger dauerte insgesamt 427 Tage und Nächte, bis ich am 2. Mai 2002 nach 945 050 Anschlägen den letzten Absatz über ihn tippte, der auch in diesem Text hier am Ende stehen wird.

Man muss trainieren für so große Distanzen. Bevor ich ihn an jenem Nachmittag in Behlendorf traf und begann, mich nachfragend in seiner Biografie einzunisten als Gast auf Zeit, habe ich deshalb alles gelesen, was Grass geschrieben hatte. Zusätzlich rund dreißigtausend Seiten studiert, die über ihn gedruckt erschienen in Zeitungen und Zeitschriften der Länder, deren Sprache ich verstehe. Sechzehn Ordner mit Jahreszahlen von 1955/1956 bis 2001/2002 standen danach rechts neben mir in meiner Schreibzelle. Die ist fünf Quadratmeter groß. Auf der Pinnwand links hing anfangs nur ein Foto von Grass, das ihn mit Ernst Bloch zeigt, wachsende Erkenntnisse deckten dann die Fläche zu mit detaillierten Strukturplänen, was wo warum in welchem Kapitel stehen sollte.

Wie nähert man sich einem überlebensgroßen Gesamtkunstwerk? Am besten vorbereitet. Und wo beginne ich? Am besten da, wo am 16. Oktober 1927 sein Leben angefangen hat. Schauplätze und Menschen aus »Blechtrommel«, »Katz und Maus«, »Hundejahre«, »Unkenrufe« gespeichert im Kopf, fahre ich im Sommer 2001 zum erstenmal in die Stadt, die schon lange Gdansk heißt, in die vergangene Gegenwart des bis 1974 katholischen Kleinbürgers Günter Grass, Sohn eines Kolonialwarenhändlers aus dem Labesweg 13 im Vorort Langfuhr. Die Straße finde ich, bevor Anna, meine polnische Dolmetscherin, einen Passanten danach gefragt hat, denn Grass beschreibt nachgehbar die Schauplätze seiner Geschichten. Wer Trommler Oskar für sein Alter Ego hält, verwechselt aber wahres Leben mit dem erdachten. Der sprachgewaltige Kaschube hätte auch als Reporter Erfolg gehabt. Und immer dann, wenn ich ihm in den kommenden Monaten von dem erzähle, was ich erfahren habe, seine nachfragende Neugier stets mit dem Stichwort Informantenschutz abwehrend, reden wir unter Kollegen miteinander. Wir kommen uns näher, doch nie zu nahe. Er kann gut zuhören; der listige Skatspieler hat früh gelernt, seine Trümpfe im richtigen Moment auszuspielen.

Als es bei einem Sommergewitter und prasselndem Regen schon nachmittags fast dunkel wurde im Atelier, lotste mich seine Stimme in eine andere Welt. Die eines Geschichtenerzählers, der kein Tageslicht braucht.

Sprachverführer konnten schon immer im Dunkeln gut munkeln. »Ich gebe kein Bild ab. Sinnlos, mich auf einen Nenner bringen zu wollen«, warnt er. Wenn ein Haus zwei Ausgänge habe, dann suche er den dritten.
Ich suche den Eingang.

Wir kommen uns näher, doch nie zu nahe. Er kann gut zuhören; der listige Skatspieler hat früh gelernt, seine Trümpfe im richtigen Moment auszuspielen.

Der Rhythmus unserer Begegnungen ergibt sich aus dem Stand meiner Recherchen. Grass wird zum Lebenspartner auf Zeit. Von meiner Frau, Lebenspartnerin seit Zeiten, weiß ich nicht, auf welchem Tisch sie als Baby gewickelt wurde, wovon sie als Kind geträumt hat, wann sie ihr erstes Bild malte. Von Grass weiß ich so etwas.

Und je mehr ich über ihn erfahre nach Interviews mit Freunden und Feinden, mit Zeitgenossen und Genossen, desto kundiger kann ich fragen. Je mehr Bücher über Grass ich gelesen habe, desto sicherer bin ich, dass eines über ihn geschrieben werden muss. Siegfried Lenz gibt mir Recht und lässt seinem Mitstreiter in so vielen Wahlkämpfen durch mich eine Flasche schottischen Whiskys überreichen.
Das freut den Alten.

Auf »verquere Weise bin ich unkompliziert«, sagt Grass, und das macht die Annäherung an ihn nicht einfacher. Den großen Ring an seinem Finger hat er gefunden in einem Laden in Hongkong, wo er mit seiner damaligen Freundin und heutigen Frau war, er hat ihn gekauft und dann zu Ute gesagt: »Jetzt sind wir verlobt.« Meine Neugier muß so grenzenlos banal sein. Erst dann, wenn ich mehr weiß, werde ich beim Schreiben Grenzen ziehen können.

Irgendwann im Frühherbst des vergangenen Jahres ist er mir nicht nur auf dem Bildschirm meines Mac's, sondern im Traum erschienen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was er gesagt hat, weiß nur, dass ich aufstand und an meinen Schreibtisch schlich und morgens um drei Uhr auf ein weißes Papier das Wort GEDICHTE malte. Denn in jener Nacht war mir klar geworden, warum seine Lyrik der eigentliche Schlüssel zu seiner Biografie ist. Gedichte sind kompromisslos. Gedichte sind Standortbestimmung, und den Standort hat Grass in seinem Leben oft neu bestimmen müssen. »Der lyrische Vers erlaubt kein Ausweichen. Wenn sich der Autor nicht mitteilt, dann stimmt der Vers nicht.«

Sich die Geschichten hinter Lebensdaten erzählen zu lassen, war einfacher. Aufgewachsen zwischen dem »Heiligen Geist und Hitlers Bild« in Danzig, in der Nähe der Ostsee, die damals wie heute blubb macht und pschsch.

Der Mief, zu dem er gehörte, den »riecht er heute noch gern«, genießt sinnenfroh essend und trinkend und kochend und tanzend die Feste der kleinen wie der großen Leute, die seines Clans und die bei Königs in Stockholm anlässlich des Nobelpreises. Wo auch immer in der Welt er hinkam und gefeiert wurde - er vergaß nie, woher er kam. Seinen Schattenmann Ruhm, ständiger Begleiter seit der »Blechtrommel«, benutzte und benutzt er deshalb bewußt nur als Grüßgustav und als Türöffner, als Gegenredner und als Sprachrohr für Sprachlose. Das nächtliche Handwerk des Waschbrettspielers in einer Düsseldorfer Jazzband hat dem damals noch studierenden Bildhauer ein feines Gehör für falsche Töne hinterlassen.

Seine Buchtitel sind eingängige Botschaften. Auch das hat er geübt, hat unter dem Titel »Die Milchflaschenpost« Werbetexte verfasst für die Meierei C. Bolle und von den Honoraren die Miete in Berlin bezahlt. Mit seiner ersten Frau Anna, der Ballerina, ist er nach Paris gezogen, reich an Plänen, aber »arm an notwendigem Unterfutter«, und hat im Hinterhof der Avenue d´Italie 111 im Heizungskeller »episch dickarschig« an seinem ersten Roman geschrieben, hat mit der Kohlenschaufel vor Arbeitsbeginn die Ratten verjagen müssen, während Anna in Madame Noras Ballettstudio am Place Clichy tanzte, hat die verschiedenen Fassungen der »Blechtrommel« aufgemalt, die ihn dann1959 Schlag auf Schlag in den Olymp wirbelte.

Wo auch immer in der Welt er hinkam und gefeiert wurde - er vergaß nie, woher er kam. Seinen Schattenmann Ruhm, ständiger Begleiter seit der »Blechtrommel«, benutzte und benutzt er deshalb bewusst nur als Grüßgustav und als Türöffner, als Gegenredner und als Sprachrohr für Sprachlose.

Willy Brandt und Hans Werner Richter wurden zu Ersatzvätern, seine amerikanische Verlegerin Helen Wolff zur Ersatzmutter. Helene Grass, die an seine Träume glaubte, hat deren Erfüllung nicht mehr erlebt. Sie starb 1954. »Meine Mutter hat früh begriffen, dass ich immer dann Lügen brauchte, mit ihnen spielen musste, wenn mich die Wahrheit langweilte.« Der Vater hielt ihn für einen Spinner, doch als »ich dann mit der Blechtrommel berühmt wurde, sagte er: ›Mein Sohn, ich bin so stolz auf dich, ich habe immer an dich geglaubt‹«.

Wenn Günter Grass von seiner Mutter spricht, wird seine Stimme weich. Sein Selbstbekenntnis vom Mutterkomplex, was so mal auf seinem Grabstein stehen dürfe, ist nicht ironisch gemeint. Der sechsfache Vater, Großvater von fünfzehn Enkeln, ist der kleine Junge aus dem Labesweg, wenn er sie schreibend, erzählend unsterblich macht. Sein einziges Ölbild, einen Blumenstrauß, hat er ihr zuliebe gemalt und das hängt »noch heute bei meiner Schwester Waltraut«.

Das nationale Wappentier Grass, dem die Farbe Grau die liebste ist, weil es die Farbe des Zweifels zwischen Schwarz und Weiß ist, die der Skepsis, wuchs zum überlebensgroßen Gesamtkunstwerk. Mächtige suchten seine Nähe. In ihren Schoß hat er sich nie gesetzt. Gegen ein großes Ja immer ein kleines Nein bereit gehalten. »Wenn ein Anlass vorliegt, etwas zu sagen, wo auch hingehört wird, dann tue ich es.« Das stimmt, stöhnen seine Gegner. Das stimmt, freuen sich seine Anhänger.

Bürger Grass. Bald weiß ich, dass die Biografie des deutschen Dichters nur so heißen kann. Auf vielen Rückfahrten von Behlendorf nach Hamburg habe ich im Auto die Kassetten eingelegt, die gerade besprochen wurden, und mich an ihn gewöhnt. Grass prüft seine Sätze, bevor er sie entlässt. Dichtend benutzt er Worte wie würzige Zutaten für eine seiner Fischsuppen, zermalmt zwischen Zähnen sperriges Gut zu Sämigem, spuckt sich das wieder in die Suppe. Rührt. Schmeckt. Riecht. Schreibt. Hackt Sätze, den stetigen Widerstand von Tasten Wort für Wort brechend, in seine Olivetti. Er will keine elektrische Schreibmaschine, die ist ihm »zu widerstandslos und zu leise«, und einen Computer erst recht nicht. Das Manuelle des gelernten Bildhauers hat den Sprachbildhauer geprägt.

Grass prüft seine Sätze, bevor er sie entlässt. Dichtend benutzt er Worte wie würzige Zutaten für eine seiner Fischsuppen, zermalmt zwischen Zähnen sperriges Gut zu Sämigem, spuckt sich das wieder in die Suppe. Rührt. Schmeckt. Riecht. Schreibt.

Und dann geschah das und dann ereignete sich das und das Wörtchen und verbindet manchmal Unverbindbares und so leihe ich mir frech den Stil und beschreibe ihn hier atemlos in seinen Widersprüchen und es funktioniert und ... lieber teilt er aus, als einzustecken und wer ihm am Ende Recht gibt, darf ihm am Anfang widersprechen und der Nörgler gibt gern seinen Senf dazu, bevor die Wurst auf dem Teller liegt und er ist radikal gegen Reaktionäre von links oder rechts, sozialdemokratisch gegen Radikale und realistisch, wenn andere in Utopien abheben und er hat lustige braune Augen, die nur bei Bedarf ungemütlich blitzen und statt am Ende zynisch zu werden, bleibt er von Anfang an skeptisch und über sein Leben als Mann, gern liebend, schweigt er sich liebend gern aus und wie ein Verein heißt, ist ihm egal, solange er ihm vorsitzt und nur er hätte seine Zweitfamilie Gruppe 47 nach Richters Tod zusammenhalten können und von Zeit zu Zeit überprüft er seine Ziele, denn Endziele sind ihm suspekt und da der Verfassungspatriot so fest auf dem Boden des Grundgesetzes steht, hat er Plattfüße.

Woher kommt diese ungebrochene Kraft? Grass bezeichnet, Camus folgend, Sisyphos als einen glücklichen Menschen. Also sich. Er gibt nie auf, rollt immer wieder den Stein bergauf.

Manche dieser Feststellungen sind objektive Wahrheit. Manche stammen von denen, die ich auf der Suche nach Grass, Günter um ihre subjektive Einschätzung des Typischen am Archetypen bat.

Einmal sitzt der am Tisch und redigiert ein Manuskript, als ich komme, aber Grass spricht nie über seine Bücher, bevor sie fertig sind. »Im Krebsgang«, dann schon auf Platz eins der Bestsellerliste, höre ich von ihm vorgelesen im Buddenbrook-Haus zu Lübeck. Er macht das nicht nur vortragend gut, er hält auch locker drei Stunden mit Pausen und einem Glas Rotwein durch.

Woher kommt diese ungebrochene Kraft? Grass bezeichnet, Camus folgend, Sisyphos als einen glücklichen Menschen. Also sich. Er gibt nie auf, rollt immer wieder den Stein bergauf. Das ist auch politisch zu begreifen, denn nur »in Diktaturen steht alles fest, ist ein zweiter Versuch nicht erlaubt«. Der Stein aber ist nicht sein Eigentum, sagt er, gegen Gebühr verleiht ihn die Firma Sisyphos. Er ist ihr bester Kunde.

Ruhe geben wird er nicht mal in der ewigen, der Störenfried: »Mit einem Sack Nüsse / will ich begraben sein / und mit neuesten Zähnen. / Wenn es dann kracht, / wie ich liege, / kann vermutet werden: / Er ist das, / immer noch er.«

Kara wird es hören. Sie begleitet ihn dann in den Wald. Niemand wird die beiden sehen.