Reimer Gronemeyer und Michaela Fink: Unsere Kinder. Was sie für die Zukunft wirklich brauchen

Reimer Gronemeyer und Michaela Fink: Unsere Kinder. Was sie für die Zukunft wirklich brauchen

Buchbesprechung von Thile Kerkovius:

Der Titel des Buches führt auf die falsche Fährte. Wer einen modernen Erziehungsratgeber erwartet, wird enttäuscht. Das Buch ist eher eine kulturkritische Bestandsaufnahme. Wie haben wir unsere Welt hier in den reichen wohlständigen Ländern eingerichtet, wie leben wir und was für eine Lebenswelt bieten wir unseren Kindern? Was geht zunehmend verloren in dieser schönen neuen Welt? Was werden diese Lebensumstände, die sie da vorfinden, bewirken bei den Kindern? Und die Autoren zeichnen durchaus düstere Bilder. Eine Welt, in der das Leben mehr und mehr als Planungsaufgabe verstanden wird, gemanaged werden muss, evaluiert und unablässig optimiert wird - die Kinder gleich mit, weil sie Bestandteil des Managementprojektes sind. Sinnvolle Bezüge, sinnstiftende Beziehungen und offene, nicht vorgeplante Entwicklungsmöglichkeiten gehen dabei verloren, weil man damit im Ranking einer digitalisierten Hochgeschwindigkeitskultur unter die Räder käme.

Eine besondere Stärke dieses Buches ist die Gegenüberstellung von europäischen und afrikanischen Kindheitsverläufen. Mit offensichtlich profunder Kenntnis der afrikanischen Situation gelingt es den Autoren, eindrückliche Bilder zu schaffen und den Blick für die eigene Situation zu schärfen. Da sehen wir ausgezehrte afrikanische Kinder, die aus der alltäglichen Erfahrung von überschaubaren und sinnvollen Lebensumständen und aus einer noch lebendigen Gemeinschaftlichkeit Stärke und Würde beziehen. Und wir sehen wohlgenährte, mit allen Accessoires des digitalen Zeitalters bis an die Zähne bewaffnete Kinder aus Europa, denen sinnvolle Lebensbezüge abhanden gekommen sind und die sozial merkwürdig kraftlos und ausgezehrt wirken.

Immer wieder stutzt man mit dem innerlichen Satz: Das war jetzt aber etwas polemisch! Und stellt dann meistens - fast schon bestürzt - fest, dass die Analyse leider zutreffend ist. Natürlich kann man nicht "alles über einen Kamm scheren". Nicht alles ist so und nicht überall. Aber die Autoren haben wohl auch nicht den Anspruch, die ganze Wirklichkeit vollständig abzubilden. Es werden Tendenzen und Auswüchse thematisiert, die allerdings im Begriff sind, ein epidemisches Ausmaß anzunehmen. Und auch die afrikanische Situation ist natürlich nicht das verloren gegangene Paradies, zu dem es zurück zu finden gilt. Aber es schärft den Blick für die eigene Lage.
Was haben wir unseren Kindern anzubieten außer einem grenzenlosem materiellen Wohlstand und einer technokratischen Fortschrittsglückseligkeit? Was brauchen Sie von uns? Es geht um sehr Grundlegendes - um Stärke, um Sinn, um Würde, um überschaubare Lebensbezüge, um Verbindlichkeit, Gemeinschaftlichkeit, Vertrauen. Damit beschäftigen sich die Autoren in diesem Buch und das klingt an im Schlusskapitel.

Das Buch ist kein "Gute Laune Buch". Aber man wünscht ihm viele Leser - Menschen, die sich davon inspirieren und nachdenklich machen lassen und ebenso viele, die sich von diesem Buch ärgern lassen.

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Einen herzlichen Dank an Thile Kerkovius für diese wunderbare Buchbesprechung!

Unsere Kinder

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