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Sally Rooney - Gespräche mit Freunden

In der folgenden Woche arbeitete Melissa in London. Es war die heißeste Woche des Jahres, und Bobbi und ich saßen auf dem leeren Unicampus und aßen Eis und versuchten, braun zu werden. Eines Nachmittags schrieb ich Nick eine E-Mail und fragte, ob ich vorbeikommen könne, ich wolle mit ihm reden. Er war einverstanden. Ich sagte Bobbi nichts davon. Ich hatte meine Zahnbürste dabei.
Als ich dort ankam, waren alle Fenster und Türen geöffnet. Ich klingelte trotzdem an der Haustür und hörte, wie er von der Küche aus »Herein« rief, ohne nachzusehen, wer es war. Ich schloss trotzdem die Tür hinter mir. Als ich hereinkam, trocknete er sich die Hände an einem Geschirrtuch, als hätte er gerade gespült. Er lächelte und sagte, es habe ihn nervös gemacht, dass er mich wiedersehen würde. Der Hund lag auf dem Sofa. Ich hatte ihn vorher noch nie auf dem Sofa liegen sehen und fragte mich, ob Melissa es ihm vielleicht nicht erlaubte, dort zu schlafen. Ich fragte Nick, warum er nervös war, und er lachte und zuckte leicht die Schultern, was aber eher entspannt als angespannt wirkte. Ich lehnte mich gegen die Küchentheke, während er das Geschirrtuch zusammenlegte.
Also, du bist verheiratet, sagte ich.
Ja, sieht ganz so aus. Willst du was trinken?
Ich ließ mir eine kleine Flasche Bier geben, aber nur, weil ich etwas brauchte, um mich daran festzuhalten. Ich fühlte mich unruhig, so wie man sich fühlt, wenn man bereits etwas Falsches getan und dann Angst vor den Konsequenzen hat. Ich sagte ihm, ich wolle kein Störfaktor oder so etwas sein. Er lachte darüber.
Das ist lustig, sagte er. Was meinst du damit?
Ich meine, du hast vorher nie eine Affäre gehabt. Ich will deine Ehe nicht kaputtmachen.
Oh, also, diese Ehe hat so einige Affären überlebt, ich war nur nie an ihnen beteiligt.
Er sagte es ganz vergnügt, und ich musste lachen, es führte allerdings – vermutlich beabsichtigt –, auch dazu, dass ich mich entspannte, was die Moral der Sache betraf. Ich hatte kein Mitgefühl für Melissa haben wollen, und jetzt merkte ich, wie sie völlig aus dem Bild geriet, was mein Mitgefühl anging, so als wäre sie Teil einer anderen Geschichte mit anderen Figuren.
Als wir raufgingen, sagte ich zu Nick, dass ich noch nie zuvor mit einem Mann geschlafen hatte. Er fragte, ob das eine große Sache sei, und ich sagte, wahrscheinlich nicht, aber es wäre vermutlich komisch, wenn er es später herausfand. Während wir uns auszogen, versuchte ich, ruhig zu wirken und nicht zu heftig zu beben. Es machte mir Angst, mich vor ihm auszuziehen, mir fiel nicht ein, wie ich meinen Körper abschirmen konnte, ohne dass es unbeholfen oder unattraktiv wirkte. Er hatte einen sehr beeindruckenden Oberkörper, wie eine Statue. Mir fehlte die Distanz, die zwischen uns gewesen war, als er beobachtet hatte, wie man mir applaudierte. Jetzt schien sie mir schützend, sogar notwendig. Aber als er mich fragte, ob ich mir sicher sei, dass ich das hier tun wolle, hörte ich mich sagen: Ich bin nicht wirklich den ganzen Weg hier rausgekommen, nur um zu reden.
Im Bett fragte er mich oft, was sich gut anfühle. Ich sagte, alles fühle sich gut an. Ich fühlte mich sehr erhitzt, und ich gab ständig Laute von mir, aber nur einzelne Silben, keine echten Wörter. Ich schloss die Augen. Das Innere meines Körpers war so heiß wie Öl. Eine überwältigende und heftige Energie hatte Besitz von mir ergriffen und schien mich zu bedrohen. Bitte, sagte ich. Bitte, bitte. Irgendwann setzte sich Nick auf, nahm eine Packung Kondome aus seinem Nachttisch, und ich dachte: Ich werde nach dieser Sache nie wieder ein Wort rausbringen. Aber ich gab mich ohne Widerstand hin. Nick murmelte das Wort »Entschuldige«, als stellten die wenigen Sekunden, die ich wartend dort gelegen hatte, ein minderschweres Unrecht seinerseits dar.
Als es vorbei war, lag ich zitternd auf dem Rücken. Ich war die ganze Zeit über so schrecklich laut und theatralisch gewesen, dass es nun unmöglich war, mich gleichgültig zu geben, wie ich es in den E-Mails tat.

Das fühlte sich ganz okay an, sagte ich.
Ah ja?
Ich glaube, es hat mir besser gefallen als dir.
Nick lachte und hob den Arm, um die Hand hinter seinen Kopf zu legen.
Nein, sagte er, hat es nicht.
Du warst sehr lieb zu mir.
Ja?
Ernsthaft, ich weiß es wirklich zu schätzen, wie lieb du warst, sagte ich.
Warte. Hey. Ist alles in Ordnung?
Kleine Tränen traten mir aus den Augen und tropften auf das Kissen. Ich war nicht traurig, ich wusste nicht, warum ich weinte. Ich hatte dieses Problem vorher schon gehabt, mit Bobbi, die glaubte, dass es ein Ausdruck meiner unterdrückten Gefühle war. Ich konnte die Tränen nicht aufhalten, also lachte ich stattdessen einfach zurückhaltend, um zu zeigen, dass ich das Weinen nicht für wichtig hielt. Ich wusste, dass ich mich schrecklich blamierte, aber ich konnte nichts daran ändern.

Das passiert, sagte ich. Es hat gar nichts mit dir zu tun.
Nick legte seine Hand auf meinen Körper, direkt unter meine Brust. Ich fühlte mich beruhigt, als wäre ich ein Tier, und weinte noch mehr.
Bist du sicher?, fragte er.
Ja. Du kannst Bobbi fragen. Ich meine, tu’s nicht.
Er lächelte und sagte: Bestimmt nicht. Er streichelte mich mit den Fingerspitzen, so wie er seinen Hund liebkoste. Ich wischte mir barsch das Gesicht ab.
Du bist wirklich sehr schön, sagte ich.
Er lachte.
Mehr hast du nicht für mich?, fragte er. Ich dachte, du magst meine Persönlichkeit.
Hast du denn eine?
Er drehte sich auf den Rücken und sah gedankenversunken an die Decke. Ich kann nicht glauben, dass wir das getan haben, sagte er. Da wusste ich, dass das Weinen vorüber war. Ich fühlte mich wohl mit allem, woran ich denken konnte. Ich berührte die Innenseite seines Handgelenks und sagte: Doch, kannst du.
Am nächsten Morgen erwachte ich spät. Nick machte Arme Ritter zum Frühstück, und ich nahm den Bus zurück in die Stadt. Ich saß hinten, neben dem Fenster, und die Sonne bohrte sich in mein Gesicht, und der Stoff des Sitzes fühlte sich großartig an auf meiner nackten Haut.
Bobbi und ich gingen zusammen zu diesen Veranstaltungen, aber für Bobbi zählte eigentlich nur Melissas Aufmerksamkeit. Bei einer Buchpremiere in der Dawson Street sagte sie zu Nick, sie hätte »nichts gegen Schauspieler«, und er sagte: Oh, danke, Bobbi, das ist so großzügig von dir. Als er einmal allein auftauchte, fragte Bobbi: Nur du? Wo ist deine wunderschöne Frau?
Trügt mich mein Gefühl, oder magst du mich wirklich nicht?, fragte Nick.
Nimm’s nicht persönlich, sagte ich. Sie hasst Männer.
Wenn es dich glücklich macht, ich kann dich auch persönlich nicht ausstehen, sagte Bobbi.
hör zu, es ist mir egal, ob du in nick verknallt bist, und ich wollte dich nicht in verlegenheit bringen oder so was. tut mir leid, wenn es so rüberkam. (und ich werde jetzt auch nicht mit moral kommen, weil er verheiratet ist, ich bin mir ziemlich sicher, dass melissa sowieso affären hat.) ABER es war echt scheiße von dir, mir vorzuwerfen, ich sei eifersüchtig auf ihn. es ist so was von stereotypisch homophob, einer lesbischen frau vorzuwerfen, sie sei insgeheim eifersüchtig auf männer, und ich weiß, dass du das weißt. aber viel schlimmer ist, dass du unsere freundschaft herabsetzt, indem du behauptest, ich würde mit einem mann um deine aufmerksamkeit konkurrieren. was sagt das darüber, wie du mich siehst? ist dir unsere beziehung wirklich weniger wert als dein vorübergehendes sexuelles interesse an einem verheirateten mann mittleren alters? du hast meine gefühle verdammt noch mal echt verletzt.
Eine Doppeltür führte von der Küche in den Wintergarten. Bobbi folgte Melissa, die die Türen hinter ihnen schloss. Ich sah, wie sich Bobbi auf den Fenstersims setzte und lachte, aber ich konnte ihr Lachen nicht hören. Nick ließ heißes Wasser ins Spülbecken. Ich sagte ihm noch einmal, wie gut mir das Essen geschmeckt hatte, und er sah auf und sagte: Oh, danke.
Durch das Glas konnte ich zusehen, wie sich Bobbi einen Make-up-Fleck unter dem Auge abwischte. Ihre Handgelenke waren schlank, und sie hatte lange, elegante Hände. Manchmal, wenn ich etwas Langweiliges machte, zum Beispiel wenn ich von der Arbeit nach Hause ging oder Wäsche aufhängte, stellte ich mir gern vor, ich sähe wie Bobbi aus. Sie hatte eine bessere Körperhaltung als ich, und ein wunderschönes Gesicht, das man so leicht nicht vergaß. Ich steigerte mich so sehr hinein, dass ich es selbst glaubte, und wenn ich dann zufällig mein Spiegelbild sah, überkam mich ein seltsam entpersonalisierender Schrecken. Jetzt fiel es mir schwerer, weil Bobbi direkt in meinem Blickfeld saß, aber ich versuchte es trotzdem. Ich hatte Lust, etwas Provokantes und Dummes zu sagen.
Ich fürchte, ich bin hier überflüssig wie ein Kropf, sagte ich.
Nick sah zum Wintergarten, wo Bobbi gerade etwas mit ihrem Haar machte.
Glaubst du, Melissa mag sie lieber?, fragte er. Ich kann mit ihr reden, wenn du möchtest.
Schon gut. Alle mögen Bobbi lieber.
Wirklich? Ich tendiere ja eher zu dir, muss ich sagen.
Wir sahen uns an. Ich merkte, dass er mitspielte, also lächelte ich.
Ja, wir hatten da gleich so einen ganz besonderen Draht, sagte ich.
Ich hab eine Schwäche für den poetischen Typ.
Ah ja. Ich habe ein reiches Innenleben, glaub mir.
Er lachte, als ich das sagte. Mir war klar, dass ich mich etwas unangebracht benahm, aber ich hatte deshalb kein allzu schlechtes Gewissen. Draußen im Wintergarten hatte sich Melissa eine Zigarette angezündet und ihre Kamera auf einen gläsernen Beistelltisch gelegt. Bobbi nickte eifrig.
Ich dachte schon, dieser Abend würde ein Albtraum werden, aber eigentlich lief er ganz gut, sagte er.
Er setzte sich wieder zu mir an den Tisch. Mir gefiel seine spontane Offenheit. Und mir fiel ein, dass ich mir im Internet Bilder von ihm mit freiem Oberkörper angesehen hatte, ohne dass er davon wusste, und in dem Moment fand ich diesen Umstand sehr amüsant und wollte ihm fast schon davon erzählen.
Ich bin jetzt auch nicht so der Dinnerparty-Typ, sagte ich.
Dafür hast du dich aber ziemlich gut geschlagen.
Bobbi: also du sprichst ja nicht wirklich über deine gefühle
ich: Du hast dich darauf festgelegt, mich so zu sehen
ich: Als hätte ich so etwas wie ein geheimes Gefühlsleben
ich: Ich bin einfach nur nicht sehr emotional
ich: Ich rede nicht darüber, weil es nichts zu reden gibt
Bobbi: ich denke nicht, dass »emotionslos« eine eigenschaft ist, die man haben kann
Bobbi: das ist, als würde man behaupten, keine gedanken zu haben
ich: Du bist sehr emotional, deshalb glaubst du, alle anderen seien es auch
ich: Und wenn man nicht darüber redet, dann verbirgt man etwas
Bobbi: na gut
Bobbi: da sind wir geteilter meinung
Also ist das hier nur Sex, oder magst du mich wirklich?, fragte ich.
Frances, du bist betrunken.
Du kannst es mir sagen, ich bin nicht beleidigt.
Nein, das weiß ich, sagte er. Ich glaube, du willst, dass ich sage, es sei nur Sex.

Ich lachte. Ich war glücklich, dass er das sagte, weil es das war, was er denken sollte, und weil ich dachte, er wüsste es auch und würde nur Spaß machen.
Du musst dich nicht schlecht fühlen, sagte ich. Es macht ganz schrecklichen Spaß. Ich habe das möglicherweise schon mal erwähnt.
Erst ein paar Mal. Aber ich hätte es gern schriftlich, wenn möglich. Nur etwas von Dauer, das ich auf meinem Sterbebett ansehen kann.
Übrigens hab ich deine Texte gelesen, oder ist es blöd, wenn ich das sage? Melissa hat sie mir weitergeleitet, sie denkt, ich mag Literatur.
In diesem Augenblick spürte ich einen merkwürdigen Verlust von Selbstwahrnehmung, und ich merkte, dass ich mir mein eigenes Gesicht oder meinen Körper gar nicht mehr vorstellen konnte. Es war, als hätte jemand das Ende eines unsichtbaren Bleistifts gehoben und behutsam mein gesamtes Erscheinungsbild ausradiert. Das war seltsam und eigentlich nicht unangenehm, obwohl ich mir zugleich darüber im Klaren war, dass ich fror und möglicherweise zitterte.
Sie hat mir nicht gesagt, dass sie sie irgendwem weiterleiten würde, sagte ich.
Nicht irgendwem, nur mir. Ich schreibe dir noch eine E-Mail. Wenn ich dir jetzt ein Kompliment mache, denkst du bloß, dass ich das einfach nur so sage, aber die E-Mail wird sehr schmeichelhaft.
Oh, das ist nett. Ich bekomme gern Komplimente, wenn ich den Leuten dabei nicht in die Augen sehen muss.
Bobbi: wenn man liebe nicht nur als zwischenmenschliches
phänomen betrachtet
Bobbi: und versucht, sie als soziales wertesystem zu verstehen
Bobbi: dann ist sie sowohl antithetisch zum kapitalismus, indem sie das axiom der selbstsucht herausfordert
Bobbi: welches die gesamte logik der ungleichheit diktiert
Bobbi: sie ist aber auch unterwürfig und vermittelnd
Bobbi: das heißt, mütter ziehen selbstlos ihre kinder ohne gewinnmotiv groß
Bobbi: was den ansprüchen des marktes auf einer ebene
entgegensteht
Bobbi: und doch eigentlich nur dazu dient, kostenlose arbeitskräfte zu liefern
ich: ja
ich: Kapitalismus nutzt »Liebe« für den Profit
ich: Liebe ist die diskursive Praxis, und unbezahlte Arbeit ist der Effekt
ich: Aber ich meine, ich versteh es, ich bin schlichtweg Anti-Liebe
Bobbi: das ist flach, frances
Bobbi: du musst mehr tun als zu sagen, dass du anti-irgendwas bist
Warum hast du vorher noch nie eine Affäre gehabt?, fragte ich.
Oh. Wahrscheinlich, weil ich niemanden kennengelernt habe.
Was heißt das?
Eine Sekunde lang dachte ich wirklich, er würde sagen: Ich habe noch niemanden kennengelernt, den ich begehrte, so wie ich dich begehre. Stattdessen sagte er: Ach, ich weiß nicht. Wir waren recht lange ziemlich glücklich, also hab ich eigentlich nie darüber nachgedacht. Weißt du, wenn man verliebt ist, denkt man über so etwas nicht nach.
Wann hast du aufgehört, verliebt zu sein?
Er nahm seine Hand weg, so dass sich keine Teile unserer Körper mehr berührten.
Ich glaube nicht, dass ich einfach damit aufgehört habe.
Das heißt, du liebst sie immer noch.
Na ja, ja.
Ich starrte auf den Leuchtkörper an der Decke. Er war ausgeschaltet. Wir hatten stattdessen die Tischlampe eingeschaltet, bevor das Spiel losgegangen war, und sie warf längliche Schatten in Richtung Fenster.
Es tut mir leid, wenn ich dich damit verletze, sagte er.
Nein, nein, schon gut. Aber sag, spielst du ein Spiel mit ihr? Versuchst du, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, indem du eine Affäre mit einer Studentin hast?
Wow. Okay. Ihre Aufmerksamkeit? Du glaubst, ich würde das nur tun, um Aufmerksamkeit zu bekommen, sagte er. Wieso denkst du so etwas über mich?
Vielleicht, weil du immer noch in deine Frau verliebt bist, obwohl sie sich nicht mehr für dich interessiert.
Er lachte, aber ich schaute ihn nicht an. Ich warf einen Blick in den Spiegel über dem Kamin, und mein Gesicht sah furchtbar aus, so schlimm, dass ich erschrak. Meine Wangen waren fleckig, als hätte mich jemand geohrfeigt, und meine Lippen waren trocken und fast weiß.
Du bist doch nicht eifersüchtig, Frances, oder?, fragte er.
Glaubst du etwa, ich würde etwas für dich empfinden? Sei nicht so peinlich.
Als erstes fragte Marianne, ob Nicht-Monogamie eine Neigung sei, wie Homosexualität, und ob manche Menschen »von Natur aus« nicht-monogam seien, was Bobbi veranlasste zu erklären, dass keine sexuelle Neigung als solche »von Natur aus« kam. Ich nippte an dem Kaffee, den Bobbi mir spendiert hatte, und sagte nichts, wollte ihr nur zuhören. Sie sagte, Monogamie basiere auf einer Vereinbarung, die Männern in patrilinearen Gesellschaften dazu diene, ihr Eigentum dem genetischen Nachfolger weiterzureichen, traditionell ermöglicht durch sexuellen Anspruch auf eine Ehefrau. Nicht-Monogamie könnte auf einem völlig anderen Modell basieren, sagte Bobbi. Etwas, das eher spontaner Einwilligung entspricht.
Bobbi dabei zuzuhören, wie sie auf diese Weise theoretisierte, war aufregend. Sie sprach in klaren, brillanten Sätzen, als formte sie etwas aus Glas oder Wasser in der Luft. Niemals zögerte sie oder wiederholte sich. Gelegentlich traf sie meinen Blick, und ich nickte: ja, genau. Diese Zustimmung schien sie zu beflügeln, als suchte sie in meinem Blick nach Bestätigung, und sie wandte den Blick wieder ab und fuhr fort: Damit meine ich …
Ich glaube nur einfach nicht, dass es möglich ist, mehr als eine Person zu lieben, sagte Camille. Ich meine, von ganzem Herzen wirklich zu lieben.
Hatten deine Eltern ein Lieblingskind?, fragte Bobbi. Das muss schlimm für dich gewesen sein.
Camille lachte nervös, weil sie keine Ahnung hatte, ob Bobbi einen Witz machte, und sie sie nicht gut genug kannte, um zu wissen, dass ihr Verhalten völlig normal war.

Mit Kindern ist es nicht wirklich dasselbe, oder?, sagte Camille.
Nun, das kommt darauf an, ob du an irgendein transhistorisches Konzept von romantischer Liebe glaubst, das sich gleichmäßig durch unterschiedliche Kulturen zieht, sagte Bobbi. Aber ich denke mal, dass wir alle an komisches Zeug glauben, oder?
Viele Anthropologen stimmen darin überein, dass Menschen von Natur aus eine monogame Spezies sind, sagte Philip.
Ist das wirklich dein theoretischer Standpunkt?, fragte Bobbi.
Nicht alles geht auf Kulturtheorie zurück, sagte Philip.
Bobbi lachte, es war ein ästhetisch hinreißendes Lachen, eine Darbietung vollkommener Selbstsicherheit, die Marianne zusammenzucken ließ.
O mein Gott, und die lassen dich einen Abschluss machen?, fragte Bobbi.

Was ist mit Jesus?, fragte ich. Er liebte alle Menschen.
Er lebte auch zölibatär, sagte Philip.
Das ist ein historischer Streitfall, sagte Bobbi.

Gespräche mit Freunden

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