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Susanne Saygin zu »Feinde« (Heyne)

Interview mit Susanne Saygin zu »Feinde« (Heyne)

Fünf Fragen an die Autorin

Saygin, Susanne
© Random House/Anja Schäfer Photography

Was war der Anlass für ihren Roman „Feinde“?

Auf die Idee bin ich gekommen, weil das Thema Ende der Nullerjahre einfach bei uns vor der Tür stand. Mein damaliger Partner und ich haben zu diesem Zeitpunkt in Köln-Ehrenfeld gewohnt, einem bis heute relativ einkommensschwachen, traditionell eher linken, ehemaligen Arbeiterbezirk und immer schon einer der ersten Anknüpfungsorte für Migranten. So auch für die rund 250 bulgarischer Roma, die im Frühjahr 2009 in unser Nachbarhaus zogen.

Nun war dieses Haus allerdings nur für maximal 80 Personen ausgelegt, nicht zuletzt aufgrund dieser Überbelegung hat sich dort daher in sehr kurzer Zeit ein akuter sozialer Brennpunkt entwickelt. Das gab natürlich Probleme und unter dem Eindruck dieser Probleme ist meine bis dahin relativ unreflektierte Pro-Multikulti-Haltung bestürzend schnell in sich zusammengefallen. Stattdessen habe ich bald nur noch mit reflexartiger Feindseligkeit auf die neuen Nachbarn reagiert.

Das wiederum war für mich auf Dauer inakzeptabel. Zum einen wegen meines eigenen Migrationshintergrunds – mein Vater kommt aus Istanbul – zum anderen, weil ich spätestens während des Studiums gelernt habe, dass persönliche Betroffenheit immer nur ein erster Ansatzpunkt für eine weitergehende und kritische Auseinandersetzung mit der Realität sein sollte. Also habe ich begonnen, mich gezielt mit dem zu beschäftigen, was in unserer Nachbarschaft vorging. Dazu gehörte unter anderem der Arbeiterstrich vor unserer Haustür.

Viele der Männer aus dem Nachbarhaus standen schon im Morgengrauen vor dem Haus und warteten darauf, als Tagelöhner auf dem Bau Arbeit zu finden. Da Rumänen und Bulgaren vor 2014 nur sehr eingeschränkt im deutschen Baugewerbe tätig werden durften, war davon auszugehen, dass unsere Nachbarn als Schwarzarbeiter angeheuert wurden. Wir haben dieses Thema wiederholt bei der Stadt angesprochen, ohne dass diese in erkennbarer Form aktiv geworden wäre.

Dieses Stillhalten konnte ich mir lange nicht erklären. Irgendwann in dieser Zeit bin ich dann aber an einer Baustelle der öffentlichen Hand vorbeigekommen und habe dort einen unserer bulgarischen Nachbarn wiedererkannt. Und da hatte ich plötzlich einen Verdacht: Was, wenn die Stadt duldet, dass Menschen unter prekärsten Verhältnissen hier leben und sich illegal als Tagelöhner verdingen, weil man an anderer Stelle dringend auf diese billigen Arbeitskräfte angewiesen ist? Mein nächster Gedanke war: Das ist der Plot für einen Krimi.

Die Dinge, die Sie in ihrem Thriller beschreiben, basieren auf tatsächlichen Vorkommnissen. Vor „Feinde“ haben Sie mehrere Sachbücher geschrieben. Warum haben Sie sich hier gegen das Sachbuch und für die Fiktion entschieden?

Tatsächlich wollte ich zuerst ein Sachbuch schreiben, allerdings hatte ich schnell Zweifel, ob ein solches Buch viele Leser finden würde. Genau darum ging es mir aber, denn nachdem ich mich etwas eingelesen hatte, war mir klar, dass das, was wir in Köln erlebten, kein Einzelfall war, sondern sich so oder ähnlich in vielen ärmeren Stadtvierteln deutscher Großstädte abspielte.

Zumindest zu diesem frühen Zeitpunkt – also in den ersten Jahren nach der EU-Osterweiterung – war die Kommunalpolitik aber offensichtlich noch überhaupt nicht auf diese Situation eingestellt und das war aus meiner Sicht brandgefährlich. Unsere eigenen Erfahrungen in Köln sind dafür vielleicht symptomatisch. Im Spätsommer 2009 hatten wir im Rahmen einer Anwohnerinitiative ein Gespräch mit dem Bezirksbürgermeister zur Situation in unserem Nachbarhaus.

Lösungen wurden damals keine in Aussicht gestellt, stattdessen wurden die Probleme aus meiner Sicht heruntergeredet. Zum Abschied wurde uns mitgegeben, die neue EU-Freizügigkeit erfordere eben Toleranz und wer dazu nicht bereit sei, solle doch einfach wegziehen. Ich habe mich in diesem Moment von der Politik verraten gefühlt – und das, obwohl wir in der glücklichen Lage waren, wegziehen zu können.

Viele der anderen Anwohner konnten das nicht. In „Feinde“ sagt ein älterer Mann, der neben einem „Bulgarenhaus“ wohnt: ‚Hier kommen wir nur noch mit den Füßen voran und in der Kiste raus‘ – das ist ein Originalzitat von dem Rentnerehepaar, das damals in Köln zwei Stockwerke über uns gewohnt hat. Die Frage ist nun, wie man sich in einer solchen Situation verhält. Ich vermute, wer nicht resigniert, sucht nach Alternativen.

Damals war es ProKöln – eine rechtsextreme Splitterpartei, die es mit Mühe in den Kölner Stadtrat geschafft hatte, heute sitzt mit der AfD eine rechtspopulistische und europakritische Partei im Bundestag und treibt die etablierten Parteien vor sich her. Diese Entwicklung empfinde ich als extrem beunruhigend.

Genau vor diesem Hintergrund war es mir wichtig, möglichst viele Leser zu erreichen und zu zeigen, wie komplex die Realität jenseits von populistischen Parolen und politisch-korrektem Idealismus ist. Für mich war klar, dass das am ehesten über eine packende Geschichte gehen würde und mit Figuren, mit denen sich der Leser identifizieren kann und ein Thriller ist dafür nun mal am besten geeignet.

Feinde Blick ins Buch

Ist das Buch eine Art unterschwellige Kritik an die Politik, an die Gesellschaft, wie sie momentan funktioniert?

Natürlich sehe ich das, was momentan passiert, mit großer Sorge. Das Problem ist – und darum tue ich mich auch schwer mit erhobenem Zeigefinger zu argumentieren – dass ich dafür keine Lösung sehe. Das spiegelt sich in dem Buch wider, denn der Roman endet in dieser Hinsicht ja offen. Aber vielleicht reicht es im ersten Schritt auch einfach schon, die Augen aufzumachen und bewusster wahrzunehmen, was um uns herum passiert. In vielen Bereichen haben wir ja durchaus eine Ahnung, dass da etwas im Argen ist, im Normalfall gelingt es uns aber recht gut, das einfach auszublenden.

Nehmen wir zum Beispiel die Arbeitsausbeutung – das zentrale Thema von „Feinde“. Ich denke, jeder von uns weiß, dass es auf dem Bau und in fast überall im Niedriglohnsektor Lohndumping gibt und dass in diesen Bereichen überwiegend Migranten arbeiten. Die Arbeitsverhältnisse kommen oft über Schleuser und Vermittler zustande, die Grenzen zum Menschenhandel sind dabei fließend. Trotzdem begehren die Menschen nur selten gegen ihrer Ausbeuter auf, weil sie nicht genügend Deutsch sprechen, weil sie keine Außenkontakte oder Angst vor den Behörden haben, oder einfach nur, weil sie auf den Hungerlohn angewiesen sind, den sie hier bekommen.

All das hat man so oder ähnlich irgendwo schon einmal gehört. Das Problem ist, dass es uns so weit entfernt von der eigenen Lebenswirklichkeit erscheint. Aber ist es das wirklich? Was ist mit den osteuropäischen Arbeitern, die zehn Stunden am Tag und auch am Wochenende die Wohnung nebenan entkernen, die gerade in Eigentum umgewandelt wurde? Was ist mit der Putzfrau, die vielleicht wegen fehlender Deutschkenntnisse stumm, um uns herumwischt, wenn wir nach zehn noch im Büro sind, weil wir eine dringende Terminsache fertigkriegen müssen? Was ist mit dem dunkelhäutigen Spüler, auf den wir in der Küche unseres Lieblingsrestaurants einen flüchtigen Blick erhaschen, während wir am Tresen die Rechnung zahlen?

Ich sage nicht, dass all' diese Menschen Opfer von Arbeitsausbeutung sind, aber vielleicht wäre es manchmal doch gut, sie nicht nur aus den Augenwinkeln wahrzunehmen, sondern sie bewusst in den Blick zu nehmen und sich zu fragen, unter welchen Bedingungen sie hier in Deutschland leben und arbeiten, wer die Profite einstreicht, die auf ihrem Rücken erwirtschaftet werden und wo dieses Geld an anderer Stelle in unserem Gemeinwesen fehlt. Genau diese Fragen wollte ich mit „Feinde“ anstoßen.

Wie und wo haben Sie für den Roman recherchiert?

Ich habe mich einerseits mit Sachbüchern in das Thema eingearbeitet, andererseits habe ich über Jahre hinweg die Websites von relevanten NGOs und natürlich die Medienberichterstattung ausgewertet. Es gab fast keinen Tag, an dem nicht irgendwo in Deutschland ein Fall von Schwarzarbeit oder Arbeitsausbeutung von Armutsmigranten aus Südosteuropa aufgeflogen ist.

Mitunter waren das Geschichten, die auch bundesweit durch die Presse gingen, etwa als der Zoll 2011 im Rahmen einer deutschlandweiten Razzia bei einem Baukonzern nicht nur Waffen, Munition und Drogen ausgehoben, sondern auch ein Firmengeflecht aufgedeckt hat, das Hunderte von Dumpinglöhnern aus Südosteuropa auf Großbaustellen im gesamten Bundesgebiet vermittelt hatte – unter anderem für den Bau der Frankfurter Börse.

Neben solch spektakulären Fällen gab es aber auch immer wieder eher knapp gehaltene Berichte über Arbeiter aus Südosteuropa, die auf deutschen Baustellen verunglückt und nicht, oder nur unzureichend medizinisch versorgt worden waren, weil ihre Auftraggeber befürchtet hatten, wegen Schwarzarbeit oder Lohnprellerei belangt zu werden.

Vieles, was ich in „Feinde“ über Arbeitsausbeutung geschrieben habe, ist aus diesen Berichten gezogen. Das gilt auch für die Schlaglichter auf das Thema Prostitution. Hier konnte ich zusätzlich aber auch auf hervorragende Fernsehreportagen und Dokumentarfilme zurückgreifen – ähnlich wie für die Hintergrundrecherchen zur Situation der Roma in Bulgarien und Rumänien.

Gerade was Letzteres angeht, wollte ich mich allerdings nicht nur auf Informationen aus zweiter Hand verlassen. 2013 bin ich daher mit einem alten Lieferwagen alleine über Rumänien bis in den Süden von Bulgarien und zurück gefahren. Die Eindrücke von dieser Tour sind unmittelbar in den Roman eingegangen.

„Feinde“ trifft brandaktuelle Probleme, obwohl Sie das Buch schon vor einiger Zeit geschrieben haben. Wie erklären Sie sich das?

Die Brisanz, die der Themenkomplex Migration derzeit hat, habe ich natürlich nicht vorhergesehen. Im Rückblick würde ich allerdings sagen, dass die Ereignisse in Köln Symptome waren, lokale Vorboten von ersten Rissen im europäischen Gebäude. In den Jahren darauf haben sich diese Risse flächendeckend vertieft, unter dem Druck der Flüchtlingskrise ist jetzt auch das Fundament ins Wanken geraten und plötzlich sind Nationalismus und Grenzabschottung wieder auf dem Vormarsch.

Ich finde das zutiefst beunruhigend, weil die Europäische Union in meinen Augen immer noch ein grandioses Projekt ist. Aber ich sehe eben auch die Fehler der vergangenen Jahrzehnte. So wurden im Vorfeld der EU-Osterweiterung zwar Programme zur Verbesserung der katastrophalen Situation der Roma in den Beitrittsländern aufgelegt, aus meiner Sicht hätten diese Programme mit erheblichem Vorlauf vor dem EU-Beitritt von Rumänien und Bulgarien anlaufen müssen, um den Roma eine belastbare Perspektive in ihren Heimatländern zu eröffnen.

Stattdessen wurden die Maßnahmen aber, wenn überhaupt, parallel zum EU-Beitritt beider Länder angegangen. Sie konnten daher noch gar nicht gegriffen haben, als 2007 die Grenzen geöffnet wurden. Die Folge war die massive Abwanderung der rumänischen und bulgarischen Roma nach Westeuropa. Diese Armutsmigration wiederum hat dem Populismus und der EU-Feindlichkeit in Westeuropa Auftrieb gegeben – und zwar schon lange vor der Flüchtlingskrise.

In Italien beispielsweise, hat Silvio Berlusconi bereits 2008, also zehn Jahre vor der Regierung Salvini, aggressiv Front gegen die Roma gemacht. Nicolas Sarkozy hat 2010 gegen den Protest der EU-Kommission massenhaft südosteuropäische Roma aus Frankreich abgeschoben und auch im Zusammenhang mit dem Brexit wurde die Armutszuwanderung aus Rumänien und Bulgarien zur Stimmungsmache gegen die EU ins Feld geführt. Aus meiner Sicht hat all das dazu beigetragen, die Grundfesten der Europäischen Union zu untergraben.

Die Flüchtlingskrise 2015 hat die Situation noch einmal verschärft und den Blick auf diese bereits existierenden Probleme vorübergehend verstellt. Unter der Oberfläche schwären sie jedoch weiter. Bezeichnenderweise wird genau jetzt, wo die Geflüchtetenzahlen in Deutschland rückläufig sind, die Diskussion über Kindergeldzahlungen ins EU-Ausland (und gemeint sind hier vorrangig Rumänien und Bulgarien) vom Zaun gebrochen und ich gehe davon aus, dass das nicht das letzte Thema sein wird, bei dem es darum geht, wie wir uns zur Zuwanderung aus Südosteuropa und damit letztlich auch zum eklatanten Wohlstandsgefälle innerhalb der EU verhalten wollen.

Feinde Blick ins Buch

Susanne Saygin

Feinde

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