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Käsebier erobert den Kurfürstendamm Roman

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Taschenbuch, Broschur ISBN: 978-3-442-71556-5

Erschienen:  09.10.2017
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Die sensationelle Wiederentdeckung eines zeitgemäßen Klassikers

Berlin im Winter 1929: Ein Zeitungsreporter entdeckt in einem billigen Varieté den Volkssänger Käsebier. Um Eindruck in seiner Redaktion zu machen, schreibt er ihn zum Megastar hoch: Plötzlich pilgert auch die bessere Gesellschaft zu den Vorstellungen mit Hits wie "Mensch, ist Liebe schön" und "Wie soll er schlafen durch die dünne Wand", die Ufa will einen Film drehen, ein Bauunternehmer wittert das ganz große Geschäft. Doch wie lange kann der Rausch anhalten? Klarsichtig und bitterböse erzählt Gabriele Tergit vom irren Mechanismus eines Medienhypes, der auch fast 90 Jahre später nichts an Aktualität verloren hat.

Gabriele Tergit (Autorin)

Gabriele Tergit (1894-1982), Journalistin und Schriftstellerin, wurde durch ihre Gerichtsreportagen bekannt. Sie schrieb drei Romane, zahlreiche Feuilletons und Reportagen sowie posthum veröffentlichte Erinnerungen. Im November 1933 emigrierte sie nach Palästina, 1938 zog sie mit ihrem Mann nach London.

Taschenbuch, Broschur, 400 Seiten, 11,8 x 18,7 cm, 1 s/w Abbildung

ISBN: 978-3-442-71556-5

€ 11,00 [D] | € 11,40 [A] | CHF 15,90* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: btb

Erschienen:  09.10.2017

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Glück und Glas...

Von: Frau Lehmann Datum: 18.01.2018

fraulehmannliest.com

Gabriele Tergits Buch mit dem etwas sperrigen Titel "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" erschien ursprünglich 1931 im Ernst Rowohlt Verlag. 1933 emigrierte die jüdische Journalistin mit ihrer Familie nach Palästina, nachdem sie nur knapp einem Überfallkommando der SA entgangen war. Als ehrliche und pointierte Prozessberichterstatterin war sie auf sehr dünnes Eis geraten.

Ihr Roman spielt 1929/30, eine unterschwellige Bedrohung liegt zwar in der Luft, aber noch suchen die Zeitungen verzweifelt nach Schlagzeilen. Die Berliner Rundschau veröffentlicht einen Artikel über den mittelmäßigen Varietesänger Käsebier, die anderen Berliner Zeitungen ziehen nach. Aus dem unbekannten Schlagerträllerer wird ein Medienstar, die Ufa dreht einen Film, es wird eigens ein Theater gebaut, es gibt Bücher, Staubtücher, Zigaretten, Gummipuppen mit dem Konterfei Käsebiers, die Massen pilgern zu seinen Auftritten. Bis, ja, bis die Saison zuende ist, der Ufa-Film floppt und die Massen weiterziehen zum nächsten vermeintlichen Superstar. Was zurück bleibt, ist verbrannte Erde. Der Pleitegeier schwebt über allen, die zuviel investiert haben in die angeblich sichere Sache und nur die, die nach oben katzbuckeln und nach unten kräftig treten entkommen dem Ganzen wohlbehalten und womöglich sogar reicher als zuvor.

Das ist heute noch genauso aktuell wie damals. In Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" macht man sich genau diese Abläufe zu Nutzen. Filtert aus den Unerfolgreichen, den Möchtegerns den mit der breitesten Publikumszustimmung, hypt ihn für eine Saison und lässt ihn fallen für den nächsten Kandidaten. Eine Verbrennungsmaschinerie ohne Herz und Verstand.

Gabriele Tergit versteht es sehr gut das Atemlose, Schnelle der Zeitungswelt zu vermitteln. Kein Wunder, waren ihr die Abläufe, die Themen in den Redaktionen ja zutiefst vertraut, hatte sie ja Vorbilder, auf die sie bei der Gestaltung ihrer Charaktere zurückgreifen konnte. Aber gleichzeitig portraitiert sie auch vortrefflich die Naivität der Menschen, den Wunsch, den Schein zu wahren in einer untergehenden Welt, was dazu führt, dass man beispielsweise trotz drohender Insolvenz den Frankreichurlaub nicht absagt- denn, was würden die Leute nur denken?

Für den heutigen Leser interessant und bisweilen auch witzig zu lesen ist der Berliner Slang der 30iger Jahre. An diesen umgangssprachlichen Sätzen erkennt man,wie sehr sich Sprache und Haltung seitdem verändert haben. Nicht jedoch die Machtmechanismen in Geschäftswelt und Politik, das Bestreben erst die eigenen Pfründe zu retten. Und das macht dieses Buch definitiv lesenswert, auch aus heutiger Sicht.

Das Nachwort von Nicole Henneberg erhellt ein wenig die Hintergründe des Romans. Sie erzählt vom Leben der Tergit, erzählt von den Umständen der Zeit und darüber, welche Menschen Pate gestanden haben könnten für einige der Charaktere im Buch. Vielleicht hätte man aus dem Nachwort ein Vorwort machen sollen, aber grundsätzlich steht der Roman auch für sich allein.

Ein Fenster in eine vergangene Zeit und Welt, das uns aus heutiger Zeit aber zeigt, wie wenig sich manches ändert und das unsere Zeit so modern eigentlich gar nicht ist.


Ich danke dem btb-Verlag herzlich für das Leseexemplar.

Zurück ins brodelnde Berlin

Von: Marius Datum: 15.01.2018

buch-haltung.com

Meine geschätzte Mitbloggerin Birgit Böllinger vom Blog Sätze und Schätze ist schuld: nachdem sie Käsebier erobert den Kurfürstendamm auf dem Blog empfahl, wurde ich neugierig und beschaffte mir flugs den Roman, dessen Autorin mir zuvor völlig unbekannt war. Und schon konnte die Reise ins brodelnde Berlin der 1930er Jahre beginnen.

Gabriele Tergit (1894-1982), heute mehr oder minder vergessen, hat mit ihrem Käsebier einen Roman vorgelegt, der wie gemacht für unsere Tage scheint. Ausgangspunkt ist jener Georg Käsebier, ein mediokrer Sänger, der im Berliner Außenbezirk der Hasenheide in einer Art Varieté die Zuhörer mit Lieder wie etwa Mensch muss Liebe schön sein oder Wie soll er schlafen durch die dünne Wand? unterhält. Normalerweise würde sich für diesen im wahrsten Wortsinne cheesy Sänger Käsebier niemand interessieren, wenn die Berliner Rundschau nicht dringend Schlagzeilen bräuchte. Der redaktionelle Trott verlangt nach Auflockerung und Schlagzeilen – und da kommt jener Käsebier gerade recht. Nach einer ersten euphorischen Jubelrezension setzt schon bald ein Run auf den Sänger aus der Hasenheide ein. Systematisch beginnt die Hauptstadtpresse den mittelmäßigen Mann hochzuschreiben, eine Jubelarie jagt die nächste. Ein Run setzt ein, und jeder möchte ein Stück vom Käsebier-Boom abhaben. Presse, Bauspekulanten, gewiefte Unternehmer – alle setzen auf Käsebier, dem sogar eine internationale Karriere zugetraut wird.

Liest man sich in jenes Käsebier-Berlin hinein, kommen einem gleich andere Referenztitel in den Sinn. Tergits Buch gehört in die Reihe zu Erich Kästners Fabian, Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz und Hans Falladas Kleiner Mann, was nun?. In einer flirrenden und dialoggetriebenen Sprache erschafft Gabriele Tergit ein pulsierendes Berlin voller eindrücklicher Charaktere. Sie zeigt eine Welt im Wandel, in der Zeitungen um die Deutungshoheit und das wirtschaftliche Fortbestehen kämpfen müssen, in der zunächst Wohnungsnot herrscht, dann aber der ganze Bauboom zu einem Platzen der Immobilienblase führt. Höchst aktuelle Themen also, die man in ihrem Roman entdeckt, und der eine Epoche wieder zum Leben erweckt, die uns näher ist, als so manchem lieb sein kann.

Im aktuellen Boom der historischen Berlin-Stoffe (man denke nur an den durchschlagenden Erfolg von Tom Tykwers Serienadaption Babylon Berlin der historischen Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher) ist Tergits Roman eine orginelle Wiederentdeckung, die nicht immer ganz leicht zu lesen ist, die aber die geneigten Leser und Kenner der Neuen Sachlichkeit durchaus überzeugen kann. Das pulsierende Zwischenkriegsberlin ist genauso eindringlich gestaltet wie die Szenen, die vom Inneren einer Zeitung der 30er Jahre berichten. Für mich ist es die gelungenste Szene des ganzen Romans, als Tergit beschreibt, wie in der Setzerei aus den einzelnen Artikeln und Lettern schlussendlich durch die kundigen Hände von Metteuren und Co eine Tageszeitung entsteht. Hier zeigt sich Gabriele Tergits beruflicher Hintergrund. Sie war nämlich selbst als Journalistin tätig, unter anderem beim Berliner Tageblatt, ehe sie vor den Nazis flüchten und emigrieren musste.

Das informative Nachwort von Nicole Henneberg beleuchtet dazu die Entstehung des Romans und die biographischen Hintergründe von Gabriele Tergit genauer. Sie liefert lesenswerte Informationen und weist unter anderem darauf hin, dass einige der auftretenden Personen tatsächlich an historisch verbürgte Journalisten angelehnt sind. Dies sorgt für eine Abrundung des Romans.

Verdient hätte es Käsebier erobert den Kurfürstendamm auf alle Fälle, in der oben genannte Reihe der bekannten Werke der Weimarer Republik Aufnahme zu finden. Tergits flirrendes und pulsierendes Berlin-Gemälde ist vielschichtig und eindringlich – Zeit wird es, dass sie wieder gelesen wird!

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