Mein Ein und Alles

Roman

TaschenbuchNEU
12,00 [D] inkl. MwSt.
12,40 [A] | CHF 17,90 * (* empf. VK-Preis)

Bestellen Sie mit einem Klick:

Oder kaufen Sie direkt vor Ort bei Ihrem Buchhändler

»Ein Buch, das man mit angehaltenem Atem verschlingt.« Washington Post

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wächst Turtle Alveston weltabgeschieden in den nordkalifornischen Wäldern auf, wo sie jede Pflanze und jede Kreatur kennt. Auf tagelangen Streifzügen in der Natur sucht sie Zuflucht vor der besitzergreifenden Liebe ihres charismatischen und schwer gestörten Vaters. Erst als sie ihren Mitschüler Jacob näher kennenlernt und wahre Freundschaft erfährt, beginnt sie, sich aus den Klauen ihres Vaters zu befreien. Doch der hat nicht vor, Turtle einfach gehen zu lassen. Es beginnt ein Kampf auf Leben und Tod ...


ERSTMALS IM TASCHENBUCH
Aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner
Originaltitel: My Absolute Darling
Originalverlag: Riverhead Books, New York 2017
Taschenbuch, Broschur, 480 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-328-10518-3
Erschienen am  13. Januar 2020
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Mein Ein und Alles | von Gabriel Tallent

Von: stella_reads

22.01.2020

Als das Buch 2018 im Penguin Verlag erschien, spaltete es daraufhin weitestgehend die Leserschaft und die Meinungen derer gingen und gehen immer noch in die unterschiedlichsten Richtungen aufgrund der Thematiken, die hier behandelt werden: Gewalt und psychische sowie physische Misshandlung von Kindern, einhergehend mit einem derben Schreibstil. Eine Triggerwarnung zu Beginn des Buches wäre hier definitiv angebracht gewesen (denn diese ist nicht vorhanden!), sodass ich euch hiermit gewarnt habe: Lest nicht dieses Buch, wenn euch die oben genannten Themen triggern. Es hat Leser an ihre Grenzen getrieben und erschüttert. Genau deshalb wollte ich die Geschichte der 14-jährigen Julia, auch Turtle genannt, selbst entdecken. Ich erwartete ein Buch, welches mich herausfordert, an meine literarischen Grenzen bringt, bewegt und letztens Endes schockiert und fassungslos zurück lässt. Und ich kann euch schonmal soviel verraten, dass die Geschichte nicht in irgendeiner kitschigen und klischeehaften 0-8-15 Story endet. Der Schauplatz von Gabriel Tallents viel diskutiertem Debütroman ist Kalifornien, um genauer zu sein Mendocino. Turtle verlor bereits in früher Kindheit ihre Mutter bei einem schrecklichen Unfall und so bewohnt sie mit ihrem obsessiven Vater Martin, inmitten von Redwoodbäumen, eine kleine, von der restlichen Kleinstadt abgeschiedene, Hütte. Nebenan wohnen ihr Grandpa und dessen Hündin Rosy in einem heruntergekommenen Wohnwagen. Außer diese zwei bzw. drei Individuen (wenn man Rosy mitzählt) hat Turtle kaum soziale Kontakte, obwohl sie wie alle anderen Teenager zur Schule geht. Die Lebensumstände, unter denen Turtle haust (denn „leben“ möchte ich das nicht nennen), sind alles andere als einfach oder angenehm. Sie wächst in einer Art und Weise auf, wie ein 14-jähriges Kind definitiv nicht aufwachsen sollte. Martin ist der festen Überzeugung, dass er Turtle mit seiner unglaublich harten, abartigen und extremen Erziehung einen Gefallen tut und sie damit auf die grausame Welt und den, seiner Meinung nach, bevorstehenden Weltuntergang vorbereitet. Zwar lassen Turtles soziale sowie schulische Leitungen mehr als zu wünschen übrig, aber mit einer Sache kennt sie sich exzellent aus: Waffen. Denn Schießübungen mit den unterschiedlichsten Waffentypen stehen in Martins Erziehungsmaßnahmen genauso an der Tagesordnung wie psychische sowie physische Misshandlung an der eigenen Tochter. Doch als Jacob in Turtles Leben tritt entwickelt sie langsam eine Ambivalenz gegenüber Martin und sie muss feststellen, dass Freundschaft und Liebe auch anders funktionieren können und nicht mit der für sie bisher bekannten Gewalt verbunden sein müssen. Mit Julia Alveston aka Turtle hat Tallent eine Protagonistin geschaffen, die zwar auf der einen Seite eine kleine Heldin mit poetisch, assoziativer Intelligenz ist, im Grunde aber alles andere als einen liebenswürdigen und sympathischen Eindruck auf mich hinterlässt. Auch wenn ich mich in gewissen Situationen in sie hineinversetzen konnte, warum sie z.B. trotz der ganzen sexuellen Misshandlungen so lang bei ihrem Vater geblieben ist, obwohl sie doch eine kleine Überlebenskämpferin ist und mit mehr Selbstbewusstsein und Hilfe (die ihr praktisch vor die Füße geworfen, aber nicht von ihr angenommen wurde) den Absprung in eine bessere Zukunft sicherlich geschafft hätte. Turtle und Martin sind für den jeweils anderen eben sein Ein und Alles. Was Martin betrifft muss ich gestehen, dass ich ihn trotz seiner seltsamen, und verkehrten Lebensauffassung nicht zu 100% hassen und verabscheuen konnte. Man spürt beim Lesen, dass er weiß, dass diese Dinge falsch sind, die er seiner Tochter antut, er aber auch nicht anders kann. Dass er innerlich einen Kampf mit sich selbst austragen muss, überaus sensibel ist und auch kein Sadist ist. Der Autor bringt viele philosophische Dinge zur Sprache, die Martin, trotz seiner schlimme Dinge, die er Turtle antut, auf eine Art sympathisch macht und das ist, was mir beim Lesen selbst Angst gemacht hat. Dass man dessen Vaterrolle in gewissen Situationen selbst ausgeblendet hat, denn es gibt in diesem Buch auch Momente, wo man als Leser dem Charme von Martin in gewisser Weise erliegt. Und dann muss man sich selbst erstmal wieder wachrütteln und sich dran erinnern, dass das grad ihr Vater ist und nicht irgendein Mann. Dadurch lernt man, dass man die unterschiedlichsten Dinge immer aus einem anderen Blickwinkel betrachten sollte. Dass man einen fiktionalen Charakter, trotz der schlimmen Dinge, die er tut, dennoch sympathisch finden kann und einen immer wieder dran erinnert, dass auch eben diese Figur ein Mensch wie jeder andere ist, der gute und schlechte Seiten an sich hat. Ich empfehle euch vor dem Kauf des Buches auf jeden Fall die Leseprobe. Denn den auktorialen Schreibstil würde ich schon als anspruchsvoll und sehr speziell bezeichnen und hat mir persönlich den Einstieg und den Zugang zum Buch nicht leicht gemacht. Die Sätze sind unglaublich lang, teilweise ein Satz über eine halbe Seite, und oft musste ich manche Stellen zweimal lesen, weil mich das schon sehr herausgefordert hat. Man muss auch dazu sagen, dass Tallents Schreibstil sehr detailreich ist und dabei spielt es keine Rolle, ob es sich nun um gefühlt endlos lange Naturbeschreibungen wie Tier- oder Pflanzenarten handelt (Google war mein bester Freund während des Leseprozesses, weil ich gefühlt alles nachschauen musste xD) oder um die Vater-Tochter-Beziehung, wo keine Grausamkeit ausgelassen wird und einem an die eigene Substanz gehen kann. „Leider“ trat dieser Fall für mich nur ein einziges Mal ein und zwar ziemlich am Anfang. Alle anderen Gewaltszenen haben mich zwar erschrocken, aber doch eher kalt gelassen und nicht in dem Maße schockiert wie ich es aus den bisherigen Rezensionen erwartet habe. Ich habe auf diese von anderen Lesern besagten schlimmen Szenen regelrecht gewartet. Sie aber nicht bekommen. Vielleicht waren meine Erwartungen da einfach etwas zu hoch. Dennoch fängt die Erzählweise des Autors sehr gut die düstere und bedrückende Harmonie, sowie die fremdartigen Gedanken von Turtle ein. Man sollte sich auf jeden Fall auf diesen sehr extravaganten Schreibstil mit einhergehender wilder, derber Sprache einlassen können, denn dies macht den Großteil des Buches einfach aus und ist eben die Sichtweise, wie Turtle die Welt, ihre Umgebung und Mitmenschen wahrnimmt. Etwas leichter fiel es mir, als ich anfing das Hörbuch beim Lesen zu hören. Wenn Anna Thalbach, die Sprecherin, nicht wäre, hätte ich das Buch wahrscheinlich immer noch nicht beendet xD. Fazit: Der Debütroman ‘Mein Ein und Alles’ von Gabriel Tallent ist nichts für schwache Nerven und hat es wirklich in sich. Wer beim Lesen eine wirklich extreme Art der Grenzerfahrung möchte, sollte zu diesem Roman greifen. Bedingungslose Liebe und abgrundtiefer Hass zwischen Vater und Tochter prallen hier aufeinander und zeigen dem Leser die Tiefen seiner eigenen Seele und den Reiz des Bösen, welches in jedem von uns Menschen schlummert. Der Effekt des Entsetzens oder der Fassungslosigkeit, welche bei der Mehrheit der Leser dieses Buches aufgetreten ist, hat sich bei mir allerdings in Grenzen gehalten. Es ist trotzdem ein intensives Leseerlebnis und wird euch zum Nachdenken bringen, gerade wenn du an den Punkt kommst, wo du eventuell anfängst, Turtle zu verstehen und dich selber fragst: „Was ist eigentlich grad falsch mit dir?“. Ich bin also nicht völlig begeistert von der Geschichte, aber kalt gelassen hat sie mich definitiv ebenso wenig. Und ein Autor muss es erstmal schaffen, seine Leser in solch einen Zwiespalt der eigenen Emotionen zu bringen, dass er in dem Punkt meinen Respekt verdient. Dennoch kann und möchte ich nur eine bedingte Leseempfehlung aussprechen, denn jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er zu dieser Thematik, deren Dunkelziffer nicht nur bei uns in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt, sehr sehr hoch und Realität ist, lesen möchte.

Lesen Sie weiter

Missbrauch in allen denkbaren Formen

Von: Myriade

04.11.2019

Die 14jährige Protagonistin Julia, die sich selbst Turtle nennt, lebt mit ihrem heißgeliebten und ebenso gehassten Vater ziemlich einsam in Nordkalifornien zwischen Wäldern und Küsten. Der Vater ist ein Waffennarr, der überzeugt ist, dass die Welt demnächst untergehen wird. Vielleicht sind amerikanische LeserInnen nicht ganz so schockiert wie ich, wenn sie von einer Vierzehnjährigen lesen, die sich mit allen möglichen Waffen in Theorie und Praxis bestens auskennt, sich täglich mit Schießübungen und dem Reinigen und Auseinandernehmen ihrer Waffen beschäftigt und einige davon auch in die Schule mitnimmt, ohne dass irgendjemand es bemerkt. In weiterer Folge wird es schlimmer. Langsam kristallisiert sich heraus, dass es um extreme Gewalt, um sexuellen und psychischen Missbrauch geht. Der Text ist nicht leicht zu lesen, vor allem die Selbstgespräche von Turtle, die sich selbst als Schlampe, Fotze, Spalte beschimpft, muss man aushalten, wie auch die ebenso bedrückende wie schriftstellerisch hervorragende Charakterisierung der Personen. Die Interaktion und das Ineinandergreifen der Persönlichkeiten von Vater, Tochter und Großvater sind erschreckend realistisch beschrieben. Auch die anderen Personen der Handlung: Nachbarn und deren Kinder, eine Lehrerin handeln völlig plausibel. Es geht um Vernachlässigung und Gewalt , es geht auch um Liebe und ihre Pervertierung. Die sehr einleuchtende Beschreibung der gegenseitigen Abhängigkeit von Vater und Tochter, der Mechanismen der Verschleierung der Gewalt und der Hassliebe der Tochter für den Vater hat mich sehr beeindruckt. Sowohl, was die literarische Qualität als auch was die glaubwürdige psychologische Charakterisierung betrifft. Es war mir aber auch etwas zu viel Gewalt dabei. Die seitenlange, in allen Details geschilderte Schießerei zwischen Turtle und ihrem Vater wäre auf ein Zehntel der Länge und der Details reduziert immer noch sehr brutal gewesen. Gefallen hat mir wiederum, dass das Ende offen bleibt. Es scheint mir sehr einleuchtend, dass solch eine Situation nicht innerhalb von ein paar Wochen in Normalität übergehen kann, auch bei noch so gutem Willen aller Beteiligten. Insgesamt hat für mich die Qualität des Textes über die manchmal unnötig breitgetretenen Gewaltszenen deutlich überwogen

Lesen Sie weiter
Alle anzeigen

Vita

Gabriel Tallent, geboren 1987 in New Mexico, wuchs in der Nähe von Mendocino mit zwei Müttern in einem sehr liberalen Umfeld auf. Nach seinem Universitätsabschluss 2010 führte er zwei Sommer lang Gruppen mit Jugendlichen durch die Wildnis der Nordpazifischen Küste. Gabriel Tallent lebt heute in Salt Lake City.

Zur AUTORENSEITE

Stephan Kleiner

Stephan Kleiner, geboren 1975, lebt als literarischer Übersetzer in München. Er übertrug u. a. Geoff Dyer, Michel Houellebecq, Gabriel Tallent und Hanya Yanagihara ins Deutsche.

zum Übersetzer