Herbst

Roman

(3)
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Im Herbst 2016 ist Daniel ein Jahrhundert alt. Elisabeth, Anfang 30, kennt ihn von früher, der Nachbar hat sie als Kind mit der Kunst bekannt gemacht. Jetzt besucht sie ihn im Altersheim, liest ihm Bücher vor und fragt sich, was die Zukunft bringen mag. Denn England hat einen historischen Sommer hinter sich, die Nation ist gespalten, Angst macht sich breit. Der erste Roman aus Ali Smiths Jahreszeitenquartett erzählt von einer Welt, die immer abgeschotteter und exklusiver wird, über das Wesen von Reichtum und Wert, über die Bedeutung der Ernte. Und er erzählt vom Altern, von der Zeit und von der Liebe. Von uns.

»Ali Smith findet prächtige, farbmächtige Bilder für den Zustand ihrer Protagonisten. Ein berührendes, umwerfendes Juwel britischer Literatur, beeindruckend übersetzt von Silvia Morawetz.«

Johannes Kaiser / Deutschlandfunk Kultur (09. November 2019)

Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
Originaltitel: Autumn
Originalverlag: Hamish Hamilton
eBook epub (epub)
ISBN: 978-3-641-22296-3
Erschienen am  21. Oktober 2019
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Brexit-Herbst

Von: LiteraturReich

31.01.2020

Überall wird der gerade auf Deutsch erschienene Roman „Herbst“ von Ali Smith als der „erste Brexit-Roman“ gefeiert. Und tatsächlich begann die schottische Autorin 2016 kurz vor dem Referendum mit der Niederschrift und in der Absicht, einen ganz zeitnahen Text zu verfassen. „Autumn“ erschien dann auch bereits im selben Jahr und platzierte sich 2017 auf der Shortlist zum Man Booker Prize. Ein wenig von dieser Aktualität und Dringlichkeit ging durch die drei Jahre, die die Übersetzung ins Deutsche nun dauerte, verloren. Das schadet aber nicht sehr, denn die Gedanken zu den politischen Veränderungen in Großbritannien, die Hinwendung zu mehr Egoismus, sozialer Kälte, zum Errichten von Grenzen jedweder Art und zum raueren Klima, das seitdem in der britischen Gesellschaft herrscht, bilden nur einen Aspekt des komplexen Romans. Auch wenn dieser sehr stark und leidenschaftlich ausgeführt wird. „Ich habe die Nachrichten satt. Ich habe es satt, wie manches künstlich zu etwas Spektakulärem aufgebläht wird, das es nicht ist, und anderes, wirklich empörende Dinge, grob vereinfacht wird. Ich habe die Giftigkeit satt, den Zorn, die Niedertracht, den Egoismus. Und am meisten habe ich satt, dass wir nichts unternehmen, damit das aufhört.“ Geplant und angelegt hat Ali Smith „Herbst“ als den ersten Text eines Jahreszeiten-Quartetts und im Original sind bereits „Winter“ und „Spring“ erschienen, „Summer“ für 2020 angekündigt. „Herbst“ ist, wenig verwunderlich, ein Roman des Abschieds, der leisen Trauer, des Alters, aber auch einer der Verwandlungen – Ovids „Metamorphosen“ spielen nicht zufällig eine Rolle – und der Hoffnung. Er ist bei aller Zugänglichkeit ein hoch kunstvoller, vielgestaltiger und auch experimenteller Text. Es beginnt mit einer jener traumartigen Episoden, die immer wieder auftauchen. Hier wird ein „alter, alter Mann“ an ein Ufer angespült, begegnet einem Reigen tanzender Mädchen, während tote Menschen am Strand liegen und Urlauber sich sonnen, fühlt neue Lebenskraft in sich aufsteigen und verwandelt sich schließlich in einen Baum. Diese Traumsequenzen erweisen sich bald als Bewusstseinsströme eines sterbenden, 101 Jahre alten Mannes, Daniel Gluck. An seinem Krankenhausbett sitzt viele Stunden eine junge Frau, liest, liest ihm vor, spricht mit dem Bewusstlosen, in einem tiefen, langen Schlaf Gefangenen. Als zehnjähriges Mädchen wurde Elisabeth Demand die Nachbarin von Daniel Gluck. Die alleinerziehende und nicht sehr fürsorgliche Mutter hatte wenig Zeit und Geduld mit ihrer Tochter. Damals gab ihr der bereits hochbetagte, aber noch erstaunlich rege Nachbar Halt und führte sie ins eigenständige Denken und in die Kunst und Literatur ein. „Was liest du gerade?“ war eine ihrer Begrüßungsfloskeln. Und auch „Herbst“ ist voller Referenzen an Bücher, Autoren, bildende Künstler. Ovids „Metamorphosen“ liest Elisabeth am Krankenbett. Und wie die Natur sich im Herbst wandelt, macht auch Daniel in seinen Träumen oft eine Verwandlung durch. Meist allerdings in eine entgegengesetzte Richtung, hin zu vergangener Jugend. So wird er beispielsweise zu einem ergrünenden Baum, in den er sich eingeschlossen fühlt. Was wieder auf eine andere Bezugsgröße hinweist, auf Shakespeare. Der Luftgeist und Gestaltwandler Ariel ist in dessen Stück „Der Sturm“ ebenfalls zu Beginn in einem Baum eingeschlossen, aus dem ihn der Zauberer Prospero befreit. Eines der dem „Herbst“ von Ali Smith vorangestellten Mottos stammt aus „Der Sturm“. Der Sturm als Herbstmotiv. Und William Shakespeares Märchen- und Zauberdramen als Inspiration für die Traumsequenzen im Roman. Ein drittes literarisches Werk, auf das Smith Bezug nimmt, ist Charles Dickens „Eine Geschichte aus zwei Städten“. Von diesem während der französischen Revolution in Paris und London spielenden Roman kann man einen Brückenschlag zu den „revolutionären“ Veränderungen in Großbritannien herstellen, aus ihm stammt auch der (leicht veränderte) Anfangssatz: „Es war die schlechteste, es war die schlechteste aller Zeiten.“ Mit der kritischen Stellungnahme zum Brexit und den verschiedenen literarischen Referenzen ist es aber noch nicht genug. Durch einen persönlichen Bezug – Daniel, der Liedtexter war einst in sie verliebt – erzählt Ali Smith noch von der britischen Pop-Art-Künstlerin Pauline Boty und ihrem traurigen Schicksal. Gleichzeitig thematisiert sie über eines der Werke Botys den Skandal um Christine Keeler. Diese war ein britisches Model und unterhielt 1963 gleichzeitig eine Affäre mit dem britischen Kriegsminister John Profumo und dem sowjetischen Marineattaché Jewgeni Iwanow, was schließlich zum Sturz der britischen Regierung führte. Reichlich Stoff für einen nicht allzu umfangreichen Roman. Dazu kommt der Wechsel der Zeitebenen zwischen Erzählgegenwart und Erinnerungen und dem nebligen inneren Erleben Daniels. Es erstaunt und zeugt von großer Könnerschaft, dass sich das Ganze so problemlos und mit Genuss lesen lässt. Letztlich entscheidet die Leserin, welchen Fährten sie folgen mag. Brexit-Roman oder Meta-Erzählung? Politisches Statement gegen das Errichten neuer Grenzen und für die Vielgestaltigkeit des Lebens oder zarte, poetische Erzählung über das Abschiednehmen von einem geliebten Menschen? Oder eben alles zusammen. Ali Smiths Erzählen ist sowohl politisch als auch hochpoetisch. Sie liebt Sprache und Wortspiele, und das ist auch in der Übersetzung von Silvia Morawetz noch deutlich zu spüren. „Sprache ist wie Mohnblumen. Sie nimmt etwas und wühlt die Erde drum herum auf, und schon kommen schlafende Wörter zum Vorschein und werden, leuchtend rot und frisch, überallhin verweht.“ Das Ende ist geradezu hoffnungsvoll. Aber da schrieb man ja auch noch das Jahr 2016. Vieles sieht heute düsterer aus als damals. Mit großer Spannung darf man die Folgebände erwarten, die ja eigentlich ins Lichte führen müssten, in den Frühling, den Sommer. „Die Bäume zeigen ihre Wuchsformen her. Ein feiner Brandgeruch liegt in der Luft. Alle Seelen streunen und marodieren. Aber es gibt Rosen, noch gibt es Rosen. Trotz Feuchte und Kälte ist an einem Busch, der bereits abgeblüht aussieht, eine Rose weit geöffnet, noch. Sieh dir die Farbe an!“

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Über Freundschaft, die Kraft des Lesens und das Gefühl, die Welt könne aus den Fugen geraten

Von: letteratura

13.11.2019

Wer hier ab und zu mitliest, der weiß vielleicht, dass ich die Britin Ali Smith für eine der besten und originellsten Autorinnen der Gegenwart halte, der ich unbedingt mehr Leser wünsche. Mit diesem Roman, dem ersten Band aus ihrem „Jahreszeitenquartett“, schaffte sie es zum viertel Mal auf die Shortlist des Man Booker Prize, ist hierzulande aber meiner Wahrnehmung nach immer noch eher ein Geheimtipp, wobei sie in Großbritannien und den USA offenbar deutlich mehr gelesen wird. Das mag an der Sprache liegen, die bei Smith so wichtig ist und die wohl in all ihren Spielereien und Feinheiten nicht einfach ins Deutsche zu übertragen ist, dennoch sind auch deutschen Übersetzungen ihrer Romane sehr lesenswert. „Herbst“ begann Smith 2016 zu schreiben, gleich nachdem die Briten für den Brexit stimmten. Vier Bücher in vier Jahren, eines pro Jahreszeit, so der Plan. In Großbritannien sind auch schon „Winter“ und „Spring“ erschienen. Nächstes Jahr soll dann der abschließende Band „Summer“ erscheinen. In „Herbst“ begegnen wir Elisabeth und Daniel, und das vornehmlich auf zwei Zeitebenen. Als Elisabeth ungefähr 10 ist, lernt sie Daniel kennen, er ist Rentner und Nachbar von Elisabeth und ihrer alleinerziehenden Mutter. Eine Mutter, die nicht immer Zeit für ihre Tochter hat, und die diese später als undankbar beschreiben wird, eine Einschätzung, die weder Elisabeth noch der Leser so teilen wird. Daniel nimmt sich dem aufgeweckten und klugen Mädchen an und fragt sie immer als erstes, was sie gerade liest. So kommen die beiden ins Gespräch, so erfährt Daniel, was Elisabeth umtreibt. Daniel nimmt sie immer ernst, behandelt sie nie wie ein Kind, was Elisabeth spürt und wofür sie dankbar ist. Auf der zweiten Zeitebene dann ist Elisabeth ungefähr 30, sie arbeitet an der Uni, hat ein nicht immer ganz einfaches Verhältnis zu ihrer Mutter, die sich nach wie vor auf ihre eigene Weise selbst verwirklichen will, und sie besucht Daniel im Krankenhaus. Der ist inzwischen 101 Jahre alt und liegt im Sterben. Die Krankenschwestern halten Elisabeth für seine Enkelin, sie lässt sie in dem Glauben. Und sitzt an seinem Bett, in dem er die meiste Zeit schläft, während sie liest – was sollte sie auch sonst tun? „Herbst“ ist auf den ersten Blick leichter lesbar als einige der früheren Romane Smiths, in denen nicht immer die Zusammenhänge gleich deutlich wurden, in denen die Autorin deutlich experimentierfreudiger war. Der Roman lässt sich denn auch zunächst einmal klar lesen als Geschichte der Beziehung zwischen der nun jungen Frau und dem im Sterben liegenden Mann. Doch der Brexit ist allgegenwärtig. Smith erweckt eine Stimmung im Land zum Leben, eine Unsicherheit bei seinen Bewohnern, die sich – natürlich – durch das Referendum nicht zum Besseren, sondern zum Schlechteren gewandelt hat. Sie erzählt das meist nebenbei, stellt die politische Situation nur selten in den Mittelpunkt, zeigt aber auf, was sie für die Menschen bedeutet: Für Elisabeth und ihre momentane, auch berufliche Situation, für Daniel, der die langfristigen Auswirkungen nicht mehr miterleben wird, der aus einer anderen Zeit stammt, für Elisabeths Mutter und ihre Versuche, ihrem Leben im mittleren Alter einen neuen Sinn zu geben. Sprachlich ist das wie immer auf den Punkt, und erneut denke ich, ich sollte Smiths Romane eigentlich im Original lesen, wobei auch die Übersetzung von Silvia Morawetz gelungen ist. Manches deutet Smith nur an, schreibt eher assoziativ, dann wieder präzise. Chronologie darf man bei ihr nicht erwarten, sie lässt ihre Leser mitarbeiten. Komische Szenen gibt es, wenn sie beschreibt, wie Elisabeth versucht, einen neuen Reisepass zu beantragen und dabei auf unerwartete bürokratische Hürden stößt. Vor allem aber habe ich „Herbst“ als die Geschichte einer Freundschaft gelesen, einer Freundschaft, für die Elisabeth nach Jahren der Funkstille so dankbar ist, dass sie Daniel auf seinen letzten Schritten begleitet und ihr Leben hinten anstellt. „Herbst“ ist außerdem eine Liebeserklärung an Bücher und an das Lesen und damit auch eine Aufforderung, stets kritisch zu denken.

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Vita

Ali Smith wurde 1962 in Inverness in Schottland geboren und lebt in Cambridge. Sie hat mehrere Romane und Erzählbände veröffentlicht und zahlreiche Preise erhalten. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature und wurde 2015 zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Ihr Roman »Beides sein« wurde 2014 ausgezeichnet mit dem Costa Novel Award, dem Saltire Society Literary Book of the Year Award, dem Goldsmiths Prize und 2015 mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction. Mit »Herbst« kam die Autorin 2017 zum vierten Mal auf die Shortlist des Man Booker Prize.

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Silvia Morawetz

Silvia Morawetz, geb. 1954 in Gera, studierte Anglistik, Amerikanistik und Germanistik und ist die Übersetzerin von u.a. Janice Galloway, James Kelman, Hilary Mantel, Joyce Carol Oates und Anne Sexton. Sie erhielt Stipendien des Deutschen Übersetzerfonds, des Landes Baden-Württemberg und des Landes Niedersachsen.

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Pressestimmen

»Es ist ein aufwühlendes Buch und es ist trotz allem eigenartigerweise ein tröstliches Buch.«

Barbara Vinken / 3sat-Buchzeit (08. Dezember 2019)

»Ein Triumph der Kunst über das Leben.«

Dagmar Kaindl / Buchkultur (05. Dezember 2019)

»Mehr als ein Brexit-Roman: Ali Smiths ›Herbst‹ erzählt von der Schönheit eines geleben Lebens im Angesicht der Verunsicherung.«

Elena Witzeck / Frankfurter Allgemeine Zeitung (23. November 2019)

»›Herbst‹ ist der erste ins Deutsche übersetzte Band aus Smiths ›Jahreszeitenquartett‹ und macht Lust auf die Teile, die noch folgen.«

Stern (14. November 2019)

»Ein hoch politischer Roman und ein Buch über Kunst und Individualität.«

SWR Bestenliste Dezember (01. Dezember 2019)

»Man folgt und staunt nur zu gerne. Einen einzigen Fehler hat dieser Roman: ›Herbst‹ ist arg kurz.«

Ekkehard Knörer / www.republik.ch (06. Dezember 2019)