Walkaway

Roman

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Die nahe Zukunft: Der Planet ist vom Klimawandel gezeichnet, die moderne Gesellschaft wird von den Ultra-Reichen regiert und die Städte haben sich in Gefängnisse für den normalen Bürger verwandelt. Doch es ist auch eine Welt, in der sich Lebensmittel, Kleidung und Obdach per Knopfdruck produzieren lassen. Warum also in einem System ausharren, das die Freiheit des Menschen beschränkt? Vier ungleiche Helden machen sich auf den Weg in die Wildnis. Dort suchen sie Unabhängigkeit, Glück und Selbstbestimmung. Was sie aber stattdessen dort finden, stellt ihre ganze Welt auf den Kopf: den Weg zur Unsterblichkeit ...

»Sein Blick in die Zukunft ist keine spröde Theorie, sondern packende (und von Edward Snowden gelobte) Sci-Fi mit Witz.«

GQ (07. Juni 2018)

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Originaltitel: Walkaway
Originalverlag: Tor Books
eBook epub (epub)
ISBN: 978-3-641-19579-3
Erschienen am  11. Juni 2018
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Tolle Idee

Von: ricysreadingcorner

30.12.2018

Da Walkaway auf dem Klappentext als “die große Utopie des 21. Jahrhunderts” angekündigt wird, hatte ich entsprechend hohe Erwartungen an diesen dicken Wälzer. Ich liebe es, über mögliche zukünftige Gesellschaftsformen nachzudenken und nachdem ich im November “Utopia” von Thomas Morus, die erste Utopie der Neuzeit, gelesen hatte, war ich nun sehr gespannt, wie Doctorow sich unsere Zukunft und eine “bessere Gesellschaft” ausgemalt hat. Selten sind meine Erwartungen von einem Buch und das tatsächliche Leseerlebnis so weit auseinandergegangen, wie bei diesem Buch. Aber fangen wir vorne an. Worum geht’s? Der Roman spielt in der nicht allzu fernen Zukunft irgendwann in der Mitte des 21. Jahrhunderts. Die Welt ist vom Klimawandel gezeichnet und die Staaten werden von den Ultrareichen, den sogenannten Zottas regiert. Die Städte haben sich somit für die normalen Bürger zu einer Art Gefängnis entwickelt. Um leben zu können und den Kindern eine möglichst gute Bildung und Zukunft zu ermöglichen, arbeiten die einfachen Menschen für wenig Geld in prekären Jobs nur um die Reichen noch reicher zu machen. Dabei lässt sich alles Lebensnotwendige eigentlich mittlerweile per 3D-Druck herstellen, weggeworfene Rohstoffe werden einfach recycelt. Warum also sollte man dieses System unterstützen, wenn man doch einfach diese Städte verlassen und sich selbst woanders ein viel besseres Leben aufbauen könnte? Genau das denken sich die sogenannten Walkaways und tun das, was ihre Bezeichnung erklärt: sie gehen einfach weg, um draußen eine bessere Welt aufzubauen. Und zu ihnen werden auch unsere unterschiedlichen Protagonisten in diesem Roman. Sie verlassen, die von den Zottas beherrschten Städte, den sogenannten Default, und gehen in den Walkaway, wo sie zum ersten Mal wahre Freiheit und Selbstbestimmung erfahren und lernen, wie eine friedliche und erfolgreiche Gesellschaft, die auf Gleichheit aufbaut, funktionieren kann. Meine Meinung Die Idee, die hinter diesem Buch steckt finde ich einfach großartig. Auch ohne, wie ich, zu viele Dystopien gelesen zu haben, werden wohl die meisten mittlerweile zumindest die Befürchtung haben, dass unsere Welt eher auf eine schlechtere zusteuert – obwohl dies wahrscheeinlich auch die Befürchtung jeder Generation ist, wobei sich auch vieles verbessert hat… Der Klimawandel und die soziale Ungleichheit sind nur zwei der Dinge, die diese Vermutung nähren. Dementsprechend ist auch die Welt in der Walkaway spielt, keine sonderlich schöne. Die Reichen werden immer Reicher, die Armen immer ärmer und die Reichen fühlen sich trotz der Möglichkeiten, die die neue Technik für alle bringen könnte, dazu auserwählt, über die weniger reichen zu herreschen. Der Default ist Wirtschaftsliberalismus und Kapitalismus auf höchstem Niveau. Unsere Protagonisten lernen sich – wie könnte es anders sein – auf einer Untergrund-Kommunistenparty kennen. Seth und Etcetera (er nennt sich so, weil er zu viele Namen hat) sind schon lange befreundet. Natalie ist selber eigentlich Zotta-Tochter kann ihrem unverdienten Reichtum aber keine Gerechtigkeit abgewinnen. Nachdem die Partygesellschaft auffliegt, kommt es zu einer hitzigen Diskussion zwischen ihr und ihrem Vater, woraufhin die drei Freunde beschließen, einfach wegzugehen. Im Walkaway gehören sie schnell dazu. Hier tut jeder, was er kann, um der Gemeinschaft zu dienen. Privateigentum gibt es nicht. Und wenn jemand kommt, der einem das, was man aufgebaut hat, streitig machen will, geht man einfach weg und baut es woanders neu auf. Die Tatsache, dass der 3D-Druck so weit fortgeschritten ist, dass er Lebensmittel, Kleidung und sogar alles, was man für den Hausbau so benötigt, drucken kann, macht dies natürlich etwas einfacher, als man sich das zunächst vorstellt. Der Roman zeigt schön, wie erfolgreiche kommunistische Gesellschaften in Zukunft leichter funktionieren und in mancher Hinsicht sogar notwendig werden könnten. Soviel zur Idee des Romans, die mir wirklich gut gefallen hat. Die Umsetzung hingegen hat es mir immer wieder schwer gemacht, weiterzulesen. Es fühlte sich die meiste Zeit nicht so an, als würde ich einen Roman lesen, sondern eher eine Aneinanderreihung verschiedener gesellschaftsphilosophischer Theorien. Und es blieb nicht dabei. Hinzu kamen noch ausschweifende technische Erläuterungen, denn es ist nicht nur der 3D-Druck, der eine wichtige Rolle für das Leben im Walkaway spielt, sondern auch das Thema Künstliche Intelligenz. Die Walkaways haben da nämlich etwas sehr bemerkenswertes geschafft. Was macht das mit der Menschheit? Da hätten wir die nächste philosophische Frage. Versteht mich nicht falsch. Ich fand die einzelnen Theorien sehr interessant und lese gerne darüber, auch, wenn ich bei den technischen Erläuterungen zur Optimierung der K.I.s zugegeben zwischendurch echt aussteigen musste. Was mich jedoch gestört hat, war, dass versucht wurde um diese zahlreichen Theorien eine Geschichte zu spinnen, die scheinbar einfach nur eine Plattform für diese Theorien liefern sollte. Am am Ende kam dabei dann ein Roman von über 700 Seiten heraus, die für meinen Geschmack sowohl vom Plot, als auch von den Charakteren her eher wenig zu bieten hatte. Es gab so viele Charaktere, aus deren Sicht abwechselnd geschrieben wurde, dass ich mich in niemanden richtig hineinversetzen konnte, keiner war mir richtig sympathisch und mit keinem konnte ich wirklich mitfiebern. Auch der Handlungsverlauf kam mir sehr bruchstückhaft und holprig vor. Insgesamt müssen vom Beginn des Romans bis zur letzten Seite mehrere Jahrzehnte vergangen sein. Das wird zunächst nur dadurch deutlich, dass die Charaktere daraufhinweisen, dass das letzte Ereignis Monate oder Jahre zurückliegt. Später auch dadurch, dass sich über die Alterung beklagt wird. Vieles wird also nur kurz im Rückblick erzählt, während andere Szenen stark in die Länge gezogen werden. Besonders die Dialoge, die in ihrer Art an Platon (und “Utopia” von Morus?) erinnern und in denen die oben genannten Theorien ausgiebig diskutiert werden, ziehen sich teilweise über mehrere Seiten. Diese ernsthaften Dialoge, detailreiche Sexszenen und fast schon lustige Anteile, die mich hin und wieder an Marc-Uwe Klings Qualityland erinnert haben, wechselten sich so sehr ab, dass ich diesen Roman bis zum Ende nicht richtig einordnen konnte. Es war einfach zu viel. Viel zu viel. Und zugleich auch zu wenig… Zu viele Ideen, die in zu wenig Geschichte gequetscht wurden. Obwohl man bei über 700 Seiten auch nicht gerade von wenig sprechen kann. Es fühlte sich für mich einfach nicht ausgewogen an. Mein Fazit Obwohl mir die Idee des Romans wirklich gefällt und ich mich gerne mit gesellschaftspolitischen und -philosophischen Themen auseinandersetze, von denen hier äußerst interessante angesprochen werden, konnte mich die Umsetzung dieses Romans leider nicht überzeugen. Die Geschichte fühlte sich für mich letztendlich zu sehr zurechtgebogen oder erst für die Erläuterung der Theorien gestrickt an. Ich habe fast zwei Monate gebraucht, um dieses Buch zu beenden, da es zweitweise wirklich anstrengend war und mich weder die Charaktere noch der Plot wirklich mitreißen konnten. Ab der Mitte wurde es leichter, vielleicht, weil ich mich dann an den Stil gewöhnt hatte, die Theorien sich eher wiederholten und gefühlt mehr Handlung hinzukam. Wer sich gerne mit Gesellschaftsvisionen auseinandersetzt und ein Interesse an einem modernen “Utopia” hat, für den könnte Walkaway aber auf definitiv eine wertvolle Lektüre sein.

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Eine bessere Welt

Von: Constanze Matthes

19.11.2018

Utopien werden oft auf ihre spätere Gültigkeit abgeklopft. Was ist von den formulierten Zukunftsideen und -bildern wirklich eingetreten, was wurde vom Menschen technisch realisiert oder ist ohne sein Zutun entstanden. Das macht sie so spannend. Meist warnen sie, meist erzählen sie uns, wie wir auf Katastrophen reagieren. Für das Schreiben und Lesen von Utopien braucht es viel Fantasie, aber vor allem auch ein Verständnis für aktuelle Entwicklungen. Der kanadische Schriftsteller, Blogger und Journalist Cory Doctorow beschreibt in seinem Roman „Walkaway“ eine düstere Vision, allerdings nicht ohne uns Hoffnung auf eine bessere Welt zu geben. Die kommt daher mit einer Gegenbewegung, die der Welt, wie sie ist, eine gründliche Absage erteilt. Die sogenannten Walkaways gehen ihren eigenen Weg – fernab einer Gesellschaft, die vom tiefen Spalt zwischen Arm und Reich, Macht und Ausbeutung, Digitalisierung und Überwachung, Klimawandel und Umweltzerstörung gezeichnet ist und von den Superreichen regiert wird. Auch Seth, Hubert Etcetera, der im Übrigen noch 18 weitere Namen trägt, und Natalie lernen sich auf einer Party in einer der vielen leerstehenden Fabriken kennen. Natalie ist die Tochter eines Superreichen. Als während der Party einer ihrer Freunde stirbt, muss das Trio Hals über Kopf fliehen. Gemeinsam hegen sie den Plan, ein anderes Leben zu führen. Aus einer fixen Idee, sich den Walkaways anzuschließen, entstanden aus Frust und Unzufriedenheit, wird purer Ernst. Sie kehren dem Default, ihrer bekannten Welt, den Rücken und treffen in dem abgelegenen Gasthof „Belt & Braces“ auf Limpopo, einer Frau, die für die Jugendlichen zu einer Mentorin in Sachen Walkaway wird. Denn sie müssen von Gewohnheiten Abschied nehmen und sich mit den Grundsätzen der Bewegung vertraut machen. Es gibt keinen Privatbesitz. Alles was man braucht, wird mittels 3D-Drucker hergestellt. Es gibt kein Belohnungssystem, mit dem man gesellschaftlich wie wirtschaftlich aufsteigt, befördert wird oder einen Rang erhält. Jeder ist gleich in dieser Gemeinschaft, in dieser großen Familie, jeder hat seine Aufgabe. Alle Informationen sind frei zugänglich. Je umfassender die Bewegung wird, sich auf dem Globus weiter ausbreitet und mehr und mehr Anhänger zählt, desto zerstörender sind die Angriffe des Defaults mit Hilfe von Drohnen und Söldnern, die nicht vor fürchtlicher Gewalt und Mord zurückschrecken und die neu geschaffenen Siedlungen in verlassenen Landstrichen und Städten nahezu dem Erdboden gleichmachen. Zugegeben: Es braucht seine Zeit, bis der Leser mit den Protagonisten „warm“ geworden ist und sich in dieser sehr technisierten Welt zurecht gefunden hat. Doctorow, der mit seinem Roman „Little Brother“ bekannt wurde, verwendet eine Reihe Fachbegriffe, die in einem Register am Ende des Bandes erklärt werden. Hat man diesen Punkt erreicht, fasziniert die Story, in einer lebendigen und frischen Sprache erzählt, dank ihrer vielen klugen Ideen und ihrer Spannung ungemein. Gerade als Natalie, die wie so viele Walkaways ihren alten Namen abgelegt hat und sich nunmehr Iceweasel nennt, von ihrem Vater aus der Walkaway-Siedlung bei einem verheerenden Angriff gekidnappt wird und Doctorow damit die Handlung auf mehrere Orte verlagert, entfaltet der bekannte Pageturner-Effekt seine Wirkung, obwohl es innerhalb des Geschehens mehrere, allerdings recht holpriger Zeitsprünge gibt und mir oftmals die bildhaften Beschreibungen von Figuren und Schauplätzen gefehlt haben. Dabei zeichnet sich der Roman – eine ganz eigene Mischung aus Utopie und dystopischen Elementen – durch eine interessante Tiefgründigkeit aus. Wirft das Buch doch neben dem Gedanken zur Rolle des Einzelnen in der Gemeinschaft und die Nützlichkeit jedes Individuums die Frage auf, was nötig wäre, die Welt vom Unheil der Umweltzerstörung und damit auch von der Menschheit per se zu retten. Die Lösung, zu der Doctorow immer wieder zurückkehrt, ist ein Leben ohne Körper, eine Art Unsterblichkeit, um die sich die bahnbrechenden wissenschaftlichen Forschungen der Walkaways drehen. Wie das geschieht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur vielleicht soviel: Es geht um die Trennung von Körper und Bewusstsein. Die Figuren werden schließlich plastischer und für den Leser zugänglicher, wenn ihre Beziehungen und Emotionen dargestellt werden: die enge Freundschaft zwischen Etcetera, Seth und Iceweasel über einen langen Zeitraum, die intensive Liebe zwischen Iceweasel und der älteren Wissenschaftlerin Gretyl. Auch das Tochter-Vater-Verhältnis zwischen Natalie/Iceweasel und Jacob wird mehrmals reflektiert. Dass sich Doctorow, Jahrgang 1971 und weder verwandt und verschwägert mit dem bekannten amerikanischen Autor E.L. Doctorow, eine Welt als Gegenentwurf zum Kapitalismus erschafft, wundert nicht, wenn man einen Blick in dessen Biografie wirft: Seine Eltern waren Anhänger der Lehre Leo Trotzkis. Zudem besuchte er die als anarchistisch geltende SEED School, eine „freie Schule“ in Toronto. Der Kanadier, der mittlerweile mit seiner Familie in Los Angeles lebt, setzt sich ein für eine Liberalisierung des Urheberrechts und Datenschutz. Die Hoffnung von „Walkaway“ gründet sich in der Idee, dass eine bessere Welt durchaus entstehen kann und dass es Menschen gibt, die sich für sie einsetzen. Allerdings benötigt es dafür eine große Gemeinschaft, die dieses gemeinsame Ziel verfolgt. Aber womöglich muss dafür die Zeit reif und aber die Entwicklung der Bewegung wiederum nicht zu spät sein, heißt es doch in einer Passage: „Nichts ist so schwer zu eliminieren wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

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Vita

Cory Doctorow, 1971 in Toronto geboren, ist Schriftsteller, Journalist und Internet-Ikone. Mit dem Blog boingboing.net und seinem Kampf für ein faires Copyright hat er weltweite Bekanntheit erlangt. Sein erster Jugendroman Little Brother wurde ein internationaler Bestseller. Cory Doctorow ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt in Los Angeles.

Zur AUTORENSEITE

Zitate

»Mit seinem Science-Fiction-Roman „Walkaway“ ist es Cory Doctorow gelungen, eine spannende Story zu erzählen – die zudem lehrreich ist.«

Deutschlandfunk, Kultur (26. Juni 2018)

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